Comicreportagen von Augsburger Studenten: Von der Flucht gezeichnet

Die "Geschichten aus dem Grandhotel" beginnen mit einer Friedenstaube über Augsburg. Foto: David Libossek
 
Die „Geschichten aus dem Grandhotel“ sind ein Bestseller in Augsburg. Sie sind im Wißner-Verlag erschienen. Ein Teil der Einnahmen geht an das Grandhotel in Augsburg, eine Unterkunft, in der Künstler, Hotelgäste und Flüchtlinge unter einem Dach leben. Foto: David Libossek

Studenten der Augsburger Hochschule haben Comicreportagen über Flüchtlinge aus dem Grandhotel angefertigt. Das Ergebnis ist beeindruckend und beklemmend zugleich. Das Heft hat bundesweit Aufmerksamkeit erregt, die erste Auflage ist fast vergriffen. Die Entstehung der Comics glich einem Drahtseilakt mit Bleistift.

Männer mit Maschinengewehren betreten den finsteren Frachtraum des Schiffs. Einen nach dem anderen holen sie aus der Dunkelheit an Deck, einen nach dem anderen schicken sie über Bord. Nun ist Hayder an der Reihe. Er fleht, er bettelt, er resigniert. 5000 Dollar hat er dem Schlepper bezahlt, für eine Überfahrt, die im kalten Wasser des Pazifik endet. Statt Australien heißt seine Destination nun Jenseits. Dann greift eine Hand die seine.

Der Gerettete ist jetzt eine Comicfigur. Ein Protagonist der „Geschichten aus dem Grandhotel“, die acht Studenten der Hochschule Augsburg und ihr Prof Mike Loos erzählen. Eine Seminararbeit, das sollte es ursprünglich sein. „Wir konnten nicht ahnen, dass das Ding so durch die Decke geht“, sagt Student Wolfgang Speer, der Hayders Fluchtweg auf Papier bannte und der nun mit Loos und Kommilitone Paul Rietz in einem kleinen grau-kargen Raum der Hochschule am Roten Tor sitzt, um einmal mehr die Geschichte hinter dem Heft zu erzählen, das bundesweit Aufmerksamkeit erregte.

Einziger Farbtupfer ist ein im sonst fast leeren Regal abgestellter leuchtend grüner Windelkarton, von dem ein glücklicher Säugling unentwegt grinst. Kinderkram, das heftet auch Comics in der allgemeinen Wahrnehmung an wie die Pampers dem Baby auf dem Bild. Die Flüchtlingsreportagen spielen aber freilich fernab von in Geld schwimmenden Enten oder zu grünen Kraftprotzen mutierenden Wissenschaftlern.
Unterhaltsam sollen sie dennoch sein, sagt Loos. Aber eben auch darüber hinausgehen. Er und seine Studenten wollen dabei keinesfalls erziehen, „es geht um Auseinandersetzung mit einem Thema, das uns alle berührt“, erklärt Loos und schiebt hinterher: „Was der Leser damit macht, liegt bei ihm.“ Letztlich sind nach diesem Prinzip ja auch die Seiten des Buchs gestaltet worden. Acht Perspektiven, acht Haltungen. Jeder der Studenten bringt seine Recherchen und Eindrücke anders zu Papier.

Besorgte Bürger und Glaubenskämpfe im Lidl


Während Wolfgang Speer eben einen Auszug aus Hayders Fluchtgeschichte skizziert, widmet Paul Rietzl seine Seiten einem dieser besorgten Bürger, der einst an seiner Wohnungstür klingelte. Rietzl solle unterschreiben. Gegen eine geplante Flüchtlingsunterkunft in der Nachbarschaft, gegen Glaubenskriege im Augsburger Domviertel – und überhaupt: Denkt denn niemand an die Kinder?!

Freilich hat Rietzl damals nicht unterschrieben, aber die Szene auf Papier gebannt. So schmeißt der Comic-Rietzl sein Kopfkino an, fantasiert über Religionskämpfe im Lidl nebenan, von der Asyl-Herberge als Löwenkäfig und skizziert schließlich einen schrägen nonverbalen Workshop mit Künstlern und Flüchtlingen im Grandhotel. Humor ist eben auch eine Haltung.

Aber sie ist nicht die ganze Wahrheit hinter Rietzls Zeichnungen. „Wie geht’s weiter?“, fragt der Student, der momentan seinen Master in Illustration macht, plötzlich. „Ein Konzept ist nicht da“, kritisiert er. Das Grandhotel indes bezeichnet er „als Labor“, ein Kleinod gelungener Integration, in dem man mit Flüchtlingen „Ratz-Fatz ins Gespräch kommt“.

"Hemmschwelle in einem selbst"


Die ideale Quelle also, um Stoff für die Zeichnungen zu schöpfen. Dennoch habe er sich damals überwinden müssen, gibt Wolfgang Speer zu. Klar, schließlich rennt einer ja nicht einfach in eine Flüchtlingsunterkunft, steigt aufs durchgesessene Sofa und schreit in den Raum: „Erzählt mal Eure Geschichten!“ Für Speer eine persönliche Erfahrung: „Die Hemmschwelle liegt in einem selber“, stellt er fest, „und das, obwohl ich mich immer als sehr offenen Menschen gesehen habe“.

Schließlich wagt er den Schritt und begegnet Hayder, einem Mann, der sich im Verlauf ihres Gesprächs immer weiter öffnet. „Ich hätte ein ganzes Buch allein mit seiner Erzählung füllen können“, ist sich Speer sicher. Weil das in einem Semester kaum nötig ist – für eine Seite benötigen die Zeichner etwa zwei Tage – wählte Speer die Episode, in der Hayders verzweifelte Flucht beinahe mit dessen Tod endete.

Eine Geschichte, die unter die Haut geht. Das Zeichnen aber sei ein „nüchterner Arbeitsprozess“, schildert Speer. Schließlich wolle man die Geschichten keinesfalls herunterspielen, gleichzeitig den richtigen Ton treffen und mit der Umsetzung den Erzählungen gerecht werden. Ein Drahtseilakt mit Bleistift also. „Was wir sonst zeichnen, ist Fiktion, Fantastisches“, sagt Rietzl, „aber das ist real“. Speer ergänzt: „Man hat eine Verantwortung gegenüber den Interviewten.“

Nur noch ein Comic-Held ist in Augsburg


Im Fall von Hayder wurde Speer ihr gerecht. „Wann kommt Wolfgang wieder, ich habe noch so viel zu erzählen“, sagte der Mann, der auch im Comic auf seinen echten Namen und sein Herkunftsland verzichtet haben möchte, als er den Band in Händen hielt. Andere hatten nicht mehr die Möglichkeit dazu. Hayder ist der letzte der sieben Protagonisten, der noch im Grandhotel lebt. Die anderen? Schicksal unbekannt.

Ihre Geschichte aber kennen nun viele. Den acht Studenten ist es gelungen, zu zeigen, dass „die Masse der Flüchtlinge aus einzelnen Menschen besteht“, wie Rietzl sagt. Die erste Auflage der Comic-Reportagen von 2000 Stück ist fast vergriffen, Rietzl besitzt selbst noch nicht einmal ein Exemplar. Die superkräftelosen Helden der „Geschichten aus dem Grandhotel“ mögen nicht mehr in Augsburg sein, ihre beklemmenden Erzählungen, die von Heimatverlust, Flucht und der harten Ankunft in einer fremden Welt handeln, bleiben hier. Sie sind auf Papier gebannt.
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