Couragiert, aber richtig

Aktionstag Zivilcourage Workshop Zivilcourage: Polizeihauptkommissar Klaus Kratzer mimt den Angreifer; in der Gruppe wehren ihn die couragierten Kursteilnehmer erfolgreich ab. Foto: Markus Höck
Die Angst davor, vom Helfer zum Opfer zu werden, hält viele Menschen ab, in brenzligen Situationen einzuschreiten. Beim Aktionstag "Zivilcourage" zeigte Polizeihauptkommissar Klaus Kratzer, wie man helfen, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen.



"Wählen Sie die 110", lautet der erste Ratschlag, den Klaus Kratzer seinem aufmerksamen Publikum am Donnerstag in der City-Galerie gibt. "Und in Schwaben muss man das ja dazu sagen: Die Notrufnummer ist kostenlos." Klaus Kratzer führt schon seit Jahren Workshops zum Thema "Zivilcourage" durch. Er kennt die richtige Dosis Humor für das sehr ernste Thema. So erinnert er auch zu Beginn an Dominik Brunner, der wegen seines couragierten Eingreifens im September 2009 sein Leben lassen musste. Brunner habe einen schwarzen Gürtel im Kampfsport gehabt, erzählt Kratzer. Er hätte gewusst, wie er sich wehren müsse. "Aber er hat seine Kontrahenten unterschätzt."

Mit einem nicht ganz Freiwilligen aus dem Publikum demonstriert Kratzer, warum man sich in eine Prügelei nur aus der Distanz einmischen sollte. Jeder habe um sich herum eine Intimspähre, erklärt er. Wer darin eindringt, wird als Bedrohung wahrgenommen. Und wenn Helfer dann sogar den Körperkontakt suchen und einen Schläger von ihrem Opfer wegziehen wollen, "dann garantiere ich Ihnen, dass der Ihnen eine batscht", ist Kratzer überzeugt. Der Täter, ohnehin schon auf dem obersten Aggressionsniveau, könne gar nicht anders, als dann zuschlagen. Darum sei es besser, Täter aus der Ferne anzusprechen - und noch besser in einer Gruppe. "Schaffen Sie sich Verbündete", fordert der Polizist. Direktes Ansprechen sei dabei erforderlich. Auf eine allgemeine Anfrage im Stile von "Kann mir mal jemand helfen?" folge keine Reaktion. "Da fühlt sich keiner angesprochen", weiß Kommissar Kratzer.

Hat man seine Verbündeten, sollen die Helfer mit fester Stimme Schläger auffordern, von ihrem Opfer abzulassen. "Stehen Sie auf, machen Sie sich groß. Der Täter muss Sie ernst nehmen."

Und noch einen Ratschlag hat der Polizist für Leute mit Zivilcourage. "Beobachten Sie genau." Die Helfer müssten den Täter nicht selbst festhalten. Wenn sie sich Details zu seiner Erscheinung, seiner Kleidung genau einprägten, führe das die Polizei ziemlich sicher auf die richtige Fährte.

Was für Helfer gilt, gilt erst recht für die Opfer selbst. Auch ihnen rät Kratzer, dass sie Hilfe durch direkte Ansprache von Umstehenden einfordern. Ganz wichtig in der Ansprache an den Täter: Nicht duzen. "Sonst glauben die Passanten, dass es ein Streit unter Bekannten sei", warnt Kratzer. Viel Überwindung kostet schließlich das energische Auftreten gegen einen potenziellen Angreifer. Ein lautes Stopp mit der ausgestreckten Handfläche nach vorne wehre viele Täter zunächst ab. Auf keinen Fall solle man sich von vornherein in eine ängstliche Körperhaltung zusammen kauern. Das bestärke mögliche Schläger eher noch, glaubt der Polizeibeamte.

Die Tipps, die Kratzer weitergibt, sind die Basis der Polizeikampagne "Zivilcourage zeigen: Du kannst". In ihrem Rahmen gibt Kratzer regelmäßig Zivilcourage-Kurse im Polizeipräsidium Schwaben Nord. Um hier die Rollenspielsituation so naturgetreu wie möglich zu machen, werden auch schon mal Busse der Stadtwerke aufgestellt. Die Teilnahme an diesen Kursen ist kostenlos.

In der City-Galerie hat Kratzer mittlerweile die Bühne mit freiwilligen Akteuren aus dem Publikum gefüllt. Sie dürfen ausprobieren, wie es sich anfühlt, einen Aggressor in der Gruppe zu vertreiben. Entzückt überredet er eine Gruppe Jugendlicher zur Teilnahme. "Jugendliche sind deutlich häufiger Opfer oder geraten zu kritischen Situationen dazu", erklärt der Kommissar. Und zuerst zeigt sich, dass es den jungen Leuten deutlich schwerer fällt, körperliche Distanz zum Täter zu wahren - auch wenn es nur ein Rollenspiel ist. "Sind es mehrere Täter und sind diese dann auch noch betrunken, wird es doppelt gefährlich", warnt Kratzer.

Beim zweiten Anlauf reagieren schließlich alle richtig. Mit energischem Auftreten entschärfen die Helfer die Situation auf der Bühne. Der "Schläger" Kratzer sucht eingeschüchtert das Weite.



Der nächste Zivilcourage-Kurs der Polizei findet statt am Mittwoch, 28. Oktober, um 19 Uhr im Polizeipräsidium, Gögginger Straße 43. Eine Anmeldung unter Telefon 0821/323-37 37 ist unbedingt erforderlich.
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