Das Monster auf der Schulter: Kinder malen psychische Krankheiten

Die Sozialpädagoginnen Sabine Kühnel und Livia Koller sind die beiden Säulen der Zusammenarbeit.
 
Die „Kindersprechstunde“ war in der vergangenen Woche im Rathaus zu sehen. Nun wandert sie durch viele bayerische Städte. Die Ausstellung präsentiert Bilder, Aussagen und Geschichten von Kindern, deren Eltern an einer psychischen Erkrankung leiden.
In ihrem Zimmer im Bezirkskrankenhaus stehen immer Stifte und Wasserfarben bereit, erzählt Livia Koller, Sozialpädagogin von der St. Gregor Jugendhilfe. „Gerade jüngeren Kindern fällt es schwer, Gefühle auszudrücken, deswegen lasse ich sie einfach viel malen.“

Fast zehn Jahre gibt es sie schon: Die Kindersprechstunde. Sie richtet sich an Kinder und Jugendliche von null bis 18 Jahren, deren Eltern an einer psychischen Erkrankung leiden. Rund 100 Familien im Jahr nehmen das Angebot mittlerweile an, die Tendenz und der Bedarf sind steigend. Die Idee für die Zusammenarbeit kam Max Schmauß, dem ärztlichen Direktor des Bezirkskrankenhauses, gemeinsam mit Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert – dieser war damals Direktor der St. Gregor Jugendhilfe. So entstand eine Kooperation, die seit Jahren wächst. „Es ist wichtig, dass es einen Ansprechpartner gibt, der sich der Jugendlichen und Erwachsenen so nachhaltig und zielführend annimmt“, so Dirk Wurm, Gesundheitsreferent der Stadt Augsburg, auf der Eröffnungsveranstaltung der Ausstellung, die nun aus den Bildern entstanden ist.

Depressionen werden als Monster gemalt


Neben den Geschichten kann man auch Aussagen der Kinder darüber lesen, wie sie die Situation zu Hause erleben. Psychische Krankheiten sollen weniger stigmatisiert werden, auch dazu fordert die Ausstellung auf. „Wir wollten den Fokus erweitern: Wir sehen immer nur den Mann und die Frau, die vor uns sitzen, aber was steht hinter dem Patienten? Was passiert zu Hause? Psychische Erkrankungen betreffen immer alle Familienmitglieder“, erläutert Sabine Kühnel, Sozialpädagogin im Bezirkskrankenhaus, die Dimensionen einer psychischen Erkrankung. „Und gerade für die Kinder fühlt sich niemand richtig zuständig“, kritisiert sie. In der Kindersprechstunde bekommen sie Beratung, Informationen und Hilfe.

Häufig malen Kinder die Krankheiten, beispielsweise Depressionen, als Monster, die auf der Schulter der Eltern sitzen und die Kraft aus ihnen saugen.
„Die Kinder können auf das Monster richtig wütend werden, nicht auf die Mama – und sie verstehen: Das Monster wird kleiner durch Medikamente und Kampf“, erklärt Koller.

Bei Älteren überwiegt die Sorge um die Eltern, sie sind unsicher, wie viel Verantwortung sie tragen müssen, ob sie feiern gehen können – oftmals führen sie den Haushalt. Manche sind genervt, kennen schon, dass die Mutter oder der Vater immer weiter trinkt, obwohl versprochen wird, aufzuhören – nur eine der Geschichten unter den Bildern. Neben Alkoholismus werden auch die Erfahrungen von Psychosen, Angststörungen und Depressionen vorgestellt.

„Wird Mama wieder gesund? Bin ich daran Schuld? Solche Fragen stellen Kinder – und dann brauchen sie Antworten“, fasst Koller ihre Arbeit zusammen. „Dann kläre ich sie über die Krankheit auf, über die Symptome – natürlich mit der Zustimmung der Eltern.“ Bei einer akuten Psychose „müssen wir uns mit einem gesunden Elternteil, wenn es das gibt, absprechen und schnell erklären, was mit der Mama gerade los ist“.

Die Wanderausstellung aus Augsburg wird in den nächsten fünf Jahren in vielen bayerischen Städten zu sehen sein. Auf der Tournee der Bilder durch Bayern „bekommt das Thema die Aufmerksamkeit, die es verdient hat“, sagt Kühnel abschließend.
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