Der Herr der Stadt-Bienen

Arbeiten in großer Kulisse: Dieses Bienenvolk schafft auf dem Dach des Schaezler-Palais. Heuer darf der noch junge Staat seinen Honig für sich behalten. Nächsten Sommer erhält er stattdessen eine spezielle Zucker-Lösung als Ersatz-Ernährung. Foto: David Libossek


Christoph Mayer ist Imker – und zwar mitten in der Augsburger Innenstadt. Zwei seiner Bienenvölker residieren im Schaezler-Palais. Uns verriet er, warum ihm Stiche nichts ausmachen, wieso seine Familie an manchen Wochenenden aufs Freibad verzichten muss und wie man ein Stadtimker wird.

Christoph Mayer fährt mit seinem Finger über eine breite Klinge. Die Kuppe ist nun bedeckt mit einer klaren, klebrigen Flüssigkeit. Er führt seine Hand langsam unter dem Netz hindurch, das sein Gesicht bedeckt und legt den Finger auf seine Lippen. Mayer schließt die Augen, während er den Geschmack kurz wirken lässt. "Herrlich", urteilt er dann. Mayers Volk hat gute Arbeit geleistet.

Der 41-Jährige ist Imker. Und das mitten in der Stadt. Der wohlschmeckende Tropfen auf seinem sogenannten Stockmeisel ist der Verdienst vom jüngsten seiner 15 Bienenvölker. Das steht in beeindruckender Kulisse: auf der Dachterrasse des Schaezlerpalais im Herzen der Augsburger Innenstadt. Eine weitere Beute - so nennen die Imker ihre Bienenstöcke - ist im ehemaligen Hühnerhaus des Prachtbaus angebracht.

Seit seiner Kindheit hat Mayer Honig im Kopf. Das hat aber weniger mit dem Film von Til Schweiger zu tun. Vielmehr ist es die Erinnerung daran, dass "meine Eltern mich als Kind zum Honig holen geschickt haben und ich beim Imker das flüssige Gold aus dem Quetschhahn fließen gesehen habe", erzählt Mayer. Dieses Bild tauchte vor sechs Jahren vor seinem inneren Auge auf, als der Projektmanager bei MAN nach einem Hobby zum Ausgleich suchte. Ein Gespräch mit einem Imker gibt seinen Plänen Nahrung. Kein Problem sei es, Bienen, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen.

Mayer schiebt den Holzrahmen mit den Waben, aus denen er eben den in der Frühlingssonne glänzenden Tropfen gekostet hat, zurück in die Beute. Zehn dieser Rahmen befinden sich darin. Zwischen dem Holz hat er eine Wachsschicht aufgezogen, auf denen die Bienen ihre Waben anlegen. Einen Teil für die Fortpflanzung, einen anderen, um darin den Honig aufzubewahren.

Immun gegen das Gift der Bienen
Den Fortschritt kontrolliert Mayer. Er trägt einen hellbraunen Hut, der aussieht, als hätte er ihm einem Tropenforscher aus den 20ern vom Kopf gestohlen. Daran angebracht ist ein weißes Netz. Mayer bückt sich nun nach unten, ganz nah über den Stock. Er pustet zart auf die Bienen, die oben auf dem Holz arbeiten, um sie nach unten zu treiben. Die Insekten gehorchen. Kein bedrohliches Surren, kein Erkundungstrupp und schon gar kein Angriff; die Bienen sind völlig unbeeindruckt von ihren menschlichen Beobachtern.

"Das Erste, was viele mit Bienen assoziieren, ist: Da werde ich gestochen", sagt Mayer. "Doch die sind nur aufs Arbeiten fixiert." Und tatsächlich: Nicht eine der über 60.000 am Schaezler-Palais stationierten Bienen schwirrt einem um den Kopf. Mayer nimmt gar sein Netz ab, als er die nächsten Waben aus der Beute löst. Ganz nah schiebt er sein Gesicht an die nach Honig duftenden Sechsecke. Er fährt mit einem Finger über die Oberfläche, als er bei einer Biene ankommt streichelt er sanft den Pelz zwischen ihren Flügeln.

Klar werde auch er mal gestochen. Macht aber nichts: "Ich weiß schon nach zwei Minuten nicht mehr, an welcher Stelle das gewesen ist." Seine Familie ist zwar nicht wie er immun gegen das Gift und auch seine Nachbarn können wohl gerne auf einen Stich verzichten; dennoch beherbergt Mayer - neben weiteren Beuten auf dem Gelände der MAN und auf dem Dach des Hotels Drei Mohren - zwei Bienenstöcke auf dem Balkon seines Reihenhauses. Das sei kein Ding, denn, wie gesagt, die Bienen denken nur an ihre Arbeit.

"Andere sind im Freibad, wir schleudern Honig"
Und die erledigen sie mit derartiger Verve, dass der Aufwand für Mayer mit 15 Völkern mittlerweile "grenzwertig" hoch ist. Das Hobby nimmt nämlich einen Großteil seiner Freizeit ein - und auch seine Familie muss schuften. "Wenn andere an Sommerwochenenden im Freibad sind, schleudern wir zu Hause schon mal 400 bis 500 Liter Honig", erzählt er. 60 bis 70 Kilo produziert ein Stadt-Bienenvolk insgesamt im Jahr. Auf dem Land sind es nur 15 bis 25. Das liegt an der großen Pflanzenvielfalt in der Stadt. Bittersüß für Mayer: Einerseits gewinnt er so eine Menge Honig, andererseits "macht mich die Monokultur traurig".

In Augsburg jedenfalls fühlen sich Bienen äußerst wohl. Daher denkt der Mann mit dem "Imker im Einsatz"-Schild am Auto daran, sich selbstständig zu machen. 40 bis 60 Beuten schweben dem Stadt-Imker vor. Die Beute im Garten des Schaezler-Palais wäre auch zunächst als "Schnapsidee" deklariert worden. Heute verkauft das Museum im eigenen Laden "Schaezler-Honig". Einzig bei seiner Familie muss Mayer da wohl noch Überzeugungsarbeit leisten.

So wird man ein Stadt-Imker
Das Imkern brummt: Innerhalb der vergangenen sechs Jahre hat der Augsburger Imkerverein seine Mitgliederzahl von 90 auf 150 gesteigert. Zehn bis zwanzig Jungimker stoßen pro Jahr dazu. Imker werden ist laut Christoph Mayer ganz einfach. Der wichtigste Schritt: Kontakt zum Imkerverein Augsburg aufnehmen. Mayer ist Vorsitzender und unter der Telefonnummer 0170/912 18 93 zu erreichen. Neueinsteiger erhalten ein Schulvolk, einen Imkerpaten, ein Einsteigerpaket und sind zudem versichert. Weitere Informationen findet man im Blog des Vereins unter www.imkervereinaugsburg.wordpress.com.
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