Der Reichstag in Augsburg: Als der Nabel der Welt zwischen Wertach und Lech lag

Der Verein „Augsburger Geschlechtertanz“ begleitete den Vortrag mit einer Tanzdarbietung im Viermetzhof.
„Man kann sich einen Reichstag vorstellen wie einen G7-Gipfel: es bedeutet Stress ohne Ende“, scherzte Wolfgang Wollenta. Der Augsburger Historiker sprach im Maximilianmuseum über die Bedeutung der Stadt vor rund 450 Jahren. 1566 fand ein solcher Reichstag in Augsburg statt. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation hatte keine Hauptstadt, sondern war politisch in viele kleine Fürstentümer, Grafschaften und Reichsstädte unterteilt. Um die politischen Fragen des Reiches zu besprechen, lud der neu gewählte Kaiser, Maximilian der Erste, alle wichtigen Personen nach Augsburg ein.

Insgesamt 13 Reichstage wurden im 16. Jahrhundert in Augsburg ausgetragen, der letzte 1582. In der Fuggerstadt kamen dadurch die unterschiedlichsten Waren, Menschen und Einflüsse zusammen und machten die Stadt zu einer kulturellen und politischen Metropole des Mittelalters. Gesandte und sogar Mitglieder der Königshäuser aus dem Ausland, aus Spanien, Portugal, Dänemark und Polen, aus Genua und Venedig, kamen nach Augsburg, um die Verhandlungen zu verfolgen.

Der Ablauf und das Rahmenprogramm eines Reichstages waren strikt organisiert: der Kaiser wurde in Hochzoll empfangen. Als Geschenke überreichte ihm die Stadt drei vergoldete Eimer mit 2000 Gulden und Fisch und Wein. Anschließend zog die Gesellschaft am Roten Tor vorbei in die Stadt, und fand sich zu einem Gottesdienst im Dom ein.

Erst am zweiten Tag ging es an die Verhandlung der Fragen, die im Voraus festgelegt wurden – 1566 standen zwei Fragen im Vordergrund: die Bedrohung durch die Türken und die Frage, wie man mit den Calvinisten umgehen soll. Neben der katholischen Kirche und den Evangelisch-Lutherischen gab es als dritte Konfession die Calvinisten. Diese wurden als Ketzer angesehen, doch 1566 wurde in Augsburg die Duldung dieses Glaubens beschlossen, weil ein ranghoher Verwalter des Reiches erst kurz zuvor Anhänger der calvinistischen Lehre geworden war.

Wichtiger war Kaiser Maximilian allerdings, dass er wie sein Vater gegen das Osmanische Reich in den Krieg ziehen konnte. Die Türken hatten im 16. Jahrhundert ihr Reich stark vergrößert und tatsächlich bekam Maximilian 2,8 Millionen Gulden für einen „Türkenkrieg“ bewilligt, der letztlich keine Veränderung der Situation bewirkte. Die Entscheidung für eine solche Geldsumme musste allerdings, wie auch alle anderen Beschlüsse, einstimmig von den drei Kollegien gefällt werden. Die sieben Kurfürsten des Reiches bildeten das kleinste, das Fürstenkollegium und die Reichsstädte die beiden anderen, größeren Kollegien. In ihnen berieten und entschieden die höchsten Machtträger des Reiches über die Anliegen des Kaisers und ihre eigenen Begehren.

„Keine Politik ohne Geld“


„Stellen Sie sich vor, die CSU, die SPD, die Grünen und die AfD müssen ein gemeinsames Programm finden“ – so erklärte Wollenta, warum Reichstage manchmal Monate gedauert haben. Umso wichtiger war für die Räte, Absprachen außerhalb des Rathauses führen zu können. Nach den Verhandlungen, von sieben Uhr morgens bis in den Nachmittag hinein, wurde ordentlich gefeiert. Es gab Festmähler, Turniere und Tanzabende im Tanzhaus am Weinmarkt, auf denen die Gespräche weitergeführt wurden – und Streitigkeiten durch Alkohol behoben, sodass man sich am nächsten Tag einigen konnte. „Aus informeller Politik bei Geselligkeit und Tanz wurde am nächsten Tag oft formelle Politik“, verdeutlichte Wollenta die Bedeutung des gesellschaftlichen Lebens. Das Feiern machte Reichstage allerdings zu einer kostspieligen Angelegenheit: Politik mitzugestalten konnten sich nur die Reichen leisten, darunter auch die Augsburger Familien der Fugger und der Welser. „Keine Politik ohne Geld.“

„Rappelvolles“ Augsburg


Augsburg hatte im 16. Jahrhundert gut 40 000 Einwohner und bot damit genügend Platz, um die vielen Gäste aufzunehmen, die sich für mehrere Wochen, oder Monate, in der Fuggerstadt aufhielten. Der Kaiser selbst residierte im schönsten Haus der Stadt: dem Fuggerstadtpalast. Lange im Voraus musste geplant werden, wie die Teilnehmer des Reichstages auf die reichen Augsburger Familien oder in Gasthäuser verteilt werden konnten. Mit den zusätzlichen 10 000 bis 15 000 Gästen, und ihren Pferden, war die Stadt „rappelvoll“, veranschaulichte Wollanta, denn ein Reichstag zog allerlei „Freidmacher“ an: Gaukler, Spielleute und sogenannte „Spruchsprecher“, Wahrsager, die sich großer Beliebtheit erfreuten.

Oft kam es jedoch zu Irritationen über das Verhalten der anderen, da so viele Kulturen, Menschen und Schichten aufeinandertrafen. „Die Deutschen haben sich sehr gewundert, wenn ein Spanier oder Italiener ein Lied für eine schöne Frau gesungen hat“, nannte Wollenta ein Beispiel. Umgekehrt hatten die Gäste kaum Verständnis für die stundenlangen Gelage der deutschen Fürsten – bis zu acht Stunden am Stück zu essen war keine Ausnahme.

Neben Verwunderung über fremde Sitten brachten beispielsweise die Italiener aber auch Tänze mit über die Alpen, die bis heute gepflegt werden. Der Verein Augsburger Geschlechtertanz zeigte, wie ein Tanzabend nach einem Verhandlungstag wohl aussah. Die Kostüme gaben einen Eindruck von dem Reichtum und der Macht, die Augsburg im 16. Jahrhundert hatte.

„Vor 450 Jahren waren wir das politische Zentrum Europas“, zog Wollenta das Fazit seines Vortrags.
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