Der Unrat der Patrizier

Dokumentieren unterm Ulrich: Kulisse: "Was weg ist, ist für immer weg", sagt Archäologe Sebastian Gairhos. Deshalb hält hier eine Kollegin eine wohl über 120 Jahre alte Feuerstelle auf Papier fest. Foto: David Libossek
 
Einer der Keramiktöpfe aus dem 14. Jahrhundert. Foto: David Libossek

Das Gelände, auf dem einst die Hasenbräu-Brauerei stand, ist die vielleicht letzte archäologische Insel der Innenstadt. Hier, zwischen Konrad-Adenauer-Allee und Maximiliansstraße, entstehen derzeit Mehrfamilienhäuser. Eine kleine aber feine Fundgrube für Archäologen, die dort Spuren Augsburger Lebens gefunden haben, die bis ins 14. Jahrhundert zurückreichen.

Dort, wo sich Andreas Heimerl nun seine selbstgedrehte Zigarette ansteckt, müssen sie einst flaniert sein. Die Schönen und Reichen Augsburgs. Die Patrizier. An der Maximiliansstraße hofierten sie in ihren Langhäusern, dahinter erstreckten sich ihre Höfe und Gärten, die eher kleinen Parks glichen. Heimerl führt die in fingerlose Wollhandschuhe gepackten Hände zum Mund und zieht an der Zigarette. Der wolkenverhangene Himmel gefällt ihm: kein Schlagschatten. Archäologenwetter.

Der Mann, schwarze Mütze, rahmenlose Brille, Schnauz, steigt eine Treppe hinab, die an der Wand der Baugrube etwa zwei Meter tief hinunter verläuft. Aus seiner rechten Hosentasche lugt ein Meterstab hervor, aus der hinteren streckt eine Kelle ihren Kopf. Klar, er ist einer der Archäologen.

"Wir haben gestern ein altes, zusammengebrochenes Holzregal gefunden", erzählt Heimerl. Darauf teilweise ganze, teils zerbrochene Keramiktöpfe, führt der Mann in der roten Jacke weiter aus, während er an geziegelten Resten von Wasseranlagen, einer früheren Feuerstelle und zahlreichen Markierungen in der Erde vorbeistapft.

"Alles aus Ziegel ist aus der Zeit der Industrialisierung", sagt er. Es sind wohl Überbleibsel der Brauerei. Interessanter sind die Funde aus Lehm, die vor allem ein paar Meter tiefer zu sehen sind. Auf dem jetzigen Bauabschnitt war die Brauerei nicht mehr unterkellert - hier schlummern Zeugen einer längst vergangenen Stadtgesellschaft.

Dort, wohin Heimerl nun deutet, ist stark zersetztes Holz zu sehen. In der Erde sind rechts und links Pfosten eingelassen gewesen - ihre Löcher sind noch da. Noch halb in der hellbraunen Erde steckend, erblickt ein schwarzes Tongefäß erstmals seit siebenhundert Jahren das Tageslicht. "Hier waren die Wände", erläutert Heimerl derweil, dem man zu jeder Sekunde anmerkt, dass ihm diese Arbeit verflucht viel Spaß macht. Er streicht mit einer Hand eine Kante entlang, in der anderen hält er noch immer seine Selbstgedrehte.

Es muss eine in den Boden eingelassen Vorratskammer gewesen sein. Knapp unter Bodenniveau, gerade groß genug für das zerfallene Regal, aber angenehm kühl, um darin Speisen aufzubewahren. Irgendwann wurde der mittelalterliche Kühlschrank wohl nicht mehr gebraucht und zugeschüttet. Weil man damals solche Löcher mit allem erdenklichen Unrat auffüllte, unterscheidet sich die Erde klar von der an den geraden Kanten. So entdecken die Archäologen: An dieser Stelle wurde etwas von menschlicher Hand erschaffen - und wieder zerstört.

Der Keller "muss einer betuchten Familie" gehört haben, meint Heimerl. Die Keramik-Töpfe haben Stempel. Qualitätsware sozusagen. Zumal es auch geografisch zutrifft. An der nicht mehr vorhandenen Stadtmauer, die einst an der Konrad-Adenauer-Allee entlang führte, entdeckte man Spuren niederer Stände. Je näher man der schon seit dem 12. Jahrhundert als schicke Adresse geltenden Maxstraße kommt, desto wohlhabender waren die einstigen Bewohner.

Der letzte Bauabschnitt der Wohnblocks liegt noch näher in deren Richtung. "Hier wird es immer dichter", sagt Sebastian Gairhos, stellvertretender Leiter der Stadtarchäologie. Denn auch hier war die Brauerei nicht unterkellert, wurden nicht sämtliche Spuren für immer zerstört.

Zwei Kolleginnen bringen in Zeichnungen oben die Funde zu Papier. Dokumentieren, Dinge festhalten: Darum geht es hier. Man grabe nicht nach Sensationsfunden, die erwartet man auch nicht. Doch es sei "eine der letzten Inseln für Archäologen in der Augsburger Innenstadt", sagt Gairhos.

Aber man erkenne eben die Struktur der damaligen Stadt. Oder Kleinigkeiten, etwa wo welches Handwerk betrieben wurde oder welche Töpferei, welches Haus belieferte. Manchmal ist Archäologie eben nicht so greifbar, wie ein zutage tretendes Skelett. Selbst in Augsburg findet man schließlich nicht jeden Tag ein römisches Grab. Manchmal ermöglichen eben auch Kühlkammern und Latrinen reicher Patrizier spannende Einblicke in den Augsburger Alltag längst vergangener Tage. von David Libossek
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