Die ältesten Hausnummern der Welt befinden sich in Augsburg

Die halbe 8 in gotischer Schrift bedeutet 4. Diese ursprünglich nur interne Hausnummer „Fuggerei 14“ entstand mit dem Bau der Sozialsiedlung im Jahr 1519. (Foto: Geodatenamt der Stadt Augsburg)
 
Diese von 1781 bis 1938 gültige Adresse „C.400“ befand sich im Litera-Bezirk C in der südöstlichen Altstadt. Die heute gültige Anschrift lautet „Schlossermauer 17“. (Foto: Geodatenamt der Stadt Augsburg)

Hausnummern scheinen keine Geschichte zu haben, so selbstverständlich und alltäglich sind sie eigentlich. Aber gerade Augsburg kann diesbezüglich eine außergewöhnliche Historie vorweisen. Die ursprünglich interne Bezifferung der 52 ersten Häuser der Fuggerei gilt als weltweit älteste noch gültige Hausnummerierung.

In der berühmten Sozialsiedlung sind außerdem einige der gotischen Hausnummern aus dem Jahr 1519 bis heute erhalten geblieben. Der Durchbruch bei der Hausnummerierung passierte dann 1750, als alle Häuser von Madrid eine fortlaufende Nummer erhielten. Bei der gleichen Aktion 1794 in Köln entstand die Adresse „4711“, aus der bald eine berühmte Parfümmarke wurde.
Die stadtweiten Nummerierungen geschahen nicht, um den Menschen die Orientierung zu erleichtern. Vielmehr sollte der staatliche Zugriff auf die Bewohner verbessert werden, insbesondere für Steuereintreiber, Polizei und Rekrutierungsdienste. „Die Hausnummern müssen Bettler bekämpfen, sowie liederliche und gefährliche Leute ausfindig machen“, versuchte man die neue Kontrolltechnik zu rechtfertigen.
Trotzdem wurden die Nummern immer wieder beschmiert, zerkratzt oder entfernt. In der Freien Reichsstadt Augsburg erfolgte im Jahr 1781 die erste stadtweite Adressierungsaktion. Die Ratsherren hatten sich für eine Durchnummerierung in Stadtvierteln entschieden. So wurde Augsburg innerhalb der Stadtmauern in acht Litera-Bezirke A bis H eingeteilt. Für jedes einzelne Anwesen kam eine Nummer hinzu und definierte so die amtliche Adresse.
Es gab nur eine Ausnahme: In der Fuggerei machte man die seit 1519 internen Hausnummern 1 bis 52 zu amtlichen Adressen „Fuggerei 1 bis 52“. Die prominenteste Anschrift „A.1“ erhielt damals ein Brauereigasthof, das heutige Restaurant Capitol. Hier am zentralen Merkurbrunnen in der Maximilianstraße trafen die vier Litera-Bezirke A bis D aufeinander. Ein aufmerksamer Beobachter kann heute noch etliche alte Hausnummern entdecken.
Die Litera-Adressierung stieß an ihre Grenzen, als Augsburg immer mehr über die Stadtbefestigung hinauswuchs. Im Jahr 1879 führte man im Außenbereich und 1938 in der Innenstadt das bis heute gültige Prinzip der Hausnummerierung entlang der Straßen ein. Gerade Hausnummern werden vom Stadtzentrum aus gesehen an der rechten Straßenseite, ungerade Hausnummern an der linken Straßenseite festgelegt.
Wieder wurde der Fuggerei eine Sonderstellung zugestanden: Die bisherigen Adressen „Fuggerei 1 bis 52“ blieben in der mit Mauern abgeschlossenen Sozialsiedlung trotz amtlicher Gassennamen bestehen.
Heutzutage vergibt das Geodatenamt als städtische Vermessungsbehörde jährlich einige Hundert neue Hausnummern. Derzeit findet man rund 42 300 Adressen in Augsburg. Eine Satzung regelt die Straßenbenennung und die Hausnummerierung. Ist eine Straße bereits durchgehend nummeriert, erhalten Neubauten in Baulücken eine Hausnummer mit Bruchzahl. Bei rückwärtigen Gebäuden wird die Zahl durch einen Buchstaben ergänzt.
Eine bundesweite Rarität dürfte die Kombination von Bruchzahl und Buchstabe sein, wie „Bahnhofstraße 18 1/2 a“. So eine Anschrift versuchen die städtischen Vermesser mittlerweile zu vermeiden, denn sie bereitet manchem Computerprogramm ein Problem.

Von Wilfried Matzke
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