Die Geschichte des alkoholkranken Harry

Das letzte Foto: Harry im April 2014, fünf Monate vor seinem Tod. "Er war immer adrett gekleidet. Das war ihm auch während seiner Alkoholsucht wichtig", sagen seine Schwestern. Foto: privat
 
Hinter der Sucht stand Harry Ein normaler Teenager in den Achtzigern: Harry mit 17 Jahren. Foto: privat

Harry kriecht auf allen Vieren zur Tür, um sie zu öffnen. Aufrecht stehen ist nicht mehr möglich. Der Alkohol - Harry hat etwas mehr als drei Promille im Blut - lähmt seine Muskeln, tötet seine Wahrnehmung. Wenig später stirbt er. Seine Schwestern erzählen seine Geschichte.

Während Harry sich zur Tür quält, stehen seine Schwestern Birgit und Silvia. In ihren Köpfen pocht nur ein Gedanke "Lebt er noch oder lebt er nimmer?". So wie immer, wenn Harry nicht wie sonst täglich von sich hören ließ. An jenen Tagen, an denen er sich fast zu Tode soff. 50 Kilogramm sind von dem Einmeterachtzig-Mann noch übrig, die Bauchdecke ist eingefallen. Wenig später, im September 2014, stirbt er an einem Hirnschlag. Er wurde nur 46 Jahre alt.

Heute sitzen die beiden Schwestern in Silvias Küche in einer Wohnung in Augsburg. Sie müssen von Harry erzählen. Von seinem Leben, seiner Alkoholsucht. Davon, wie Suchtkranke verstoßen werden, ohne den Grund ihrer Sucht zu hinterfragen. "Dieses Abstempeln, das regt mich richtig auf", sagt Birgit und die zierliche Frau schwingt sachte die Faust. Es seien letztlich auch diese Vorurteile gewesen, die ihrem Zwillingsbruder das Leben kosteten.

Dem Harry. Ein ganz normaler Kerl sei er gewesen. Die Kindheit verbringen die Geschwister in Bobingen. Die Eltern sind beide berufstätig, ziehen den Nachwuchs in einer großen Wohnung mit Garten auf. Mittelstands-Idylle in einem Zweifamilienhaus. "Der Harry war temperamentvoll", erinnern sich die Schwestern an seine Lausbubenstreiche. Nichts Wildes. Nur einmal in der Jugend gerät er in die falsche Clique. Den Drogen, die er im neuen Umfeld nimmt, entsagt er nach einer Therapie aber bald wieder.

Harry führt ein stabiles Leben. Der gelernte Automechaniker schafft bei einer Zeltbauerfirma. Soziale Kontakte hat er wenige, "seine Freunde waren innerhalb der Familie", sagen seine Schwestern. Besonders zu seiner Mutter ist das Verhältnis äußerst innig. Und das soll entscheidend sein für den Tag, der Harry komplett aus der Bahn wirft. Der Tag im August 2011, an dem seine Mutter einen Hirnschlag erleidet und fortan nie mehr die selbe sein wird. So wie Harry.

Der 43-Jährige betäubt seinen Schmerz mit Alkohol. "Wir haben davon nichts mitgekriegt", erzählt Silvia. Sie merken auch nicht, dass ihr Bruder vermehrt angetrunken zur Arbeit auf den meterhohen Zelten erscheint, kriegen nichts mit von den mahnenden Worten seines Arbeitgebers. Erst als Harry entlassen wird, erkennen sie das Ausmaß. "Er war charakterlich nicht stark genug, sich gegen die Sucht zu wehren", sagt Silvia. Und um die Nackenschläge zu verkraften, die ihn kurz nacheinander knüppelhart treffen.

Als ein Schwelbrand in seiner Wohnung ausbricht, setzt ihn der Vermieter vor die Tür. Einen alkoholkranken Risikofaktor kann er in seinem Haus nicht gebrauchen. So denken auch andere Vermieter. "Wo soll so ein Mensch also hin?", fragt Silvia. In den kleinen Wohnungen der Schwestern hat er keinen Platz und "sich aufdrängen hätte er auch nie gewollt". Die letzte Zuflucht heißt Haus Delphin. In der Unterkunft für Suchtkranke, die auch Pflegepatienten beherbergt, bekommt Harry ein Zimmer, aber auch eine Adresse wie ein "Alkoholiker"-Stempel auf der Stirn: Landsbergerstraße 62.

Auch Silvia und Birgit kennen die Horrorgeschichten über das Haus, die im Oktober 2013 ihren traurigen Höhepunkt finden, als ein Bewohner seine Freundin erstickt. "Uns hat man auch wachrütteln müssen", geben sie eigene Vorurteile zu. Ihre Augen öffnen sich, als sie sehen, dass normale Menschen im Delphin leben. Menschen, die sich nicht von Schicksalsschlägen erholen konnten. "Und dort wird tolle Arbeit geleistet, obwohl auch das Haus ums Überleben kämpft", sagt Silvia. Harry fängt sich - dank strengen Tons einerseits und liebevoller wie aufmerksamer Betreuung andererseits. Er weiß auch: "Nach dem Delphin kommt nichts mehr."

Harry lernt sogar eine Frau kennen. Sie wird schwanger, erwartet Zwillinge. "Ich freue mich so, Papa zu werden", hat Harry damals gesagt. Doch der Hoffnungsfunken verglimmt in finsterer Dunkelheit. Beide Kinder sterben noch vor der Geburt, die Mutter gibt Harry die Schuld. "Das war der Anfang vom Ende", sagen die Schwestern. Harry lässt seinem Körper jetzt kaum noch Ruhephasen zwischen den Exzessen.

Dazu kommt die Strahlkraft seines Stempels. "Es war diese Zeit", sagt Silvia und deutet vehement mit ausgestrecktem Zeigefinger. Harry ist bereits vor seiner Sucht herzkrank - was einem Augsburger Krankenhaus bekannt war. Doch aus dem Herzkranken wird in der Akte der Alkoholkranke. Silvia und Birgit sagen, deutliche Symptome auf eine Verschlechterung seines Zustandes seien ignoriert worden.

Klar, ihr Bruder wurde ursprünglich eingeliefert, weil er im Vollrausch entgiftet werden musste. Doch nach dem Ausnüchtern sei er stets nach Hause geschickt worden, ohne weitere Untersuchung der klaren Anzeichen auf ein Herzleiden, die sogar in Befunden vermerkt worden sind. "Es wurde nur der Alkoholiker gesehen, nicht mehr der Mensch", sagt Birgit. Man habe Harry halt immer schnell loswerden wollen, obwohl, das betonen die Schwestern, er nie aggressiv wurde, wenn er trank.

Gegen das Krankenhaus klagen wollen sie aber nicht.

"Das bringt uns Harry nicht zurück." Aber sie wollen mit Harrys Geschichte sensibilisieren. "Denn so ein Schicksal kann jeden treffen", sagen sie, die selbst als ihr Bruder auf der Intensivstation starb, dort Zeitdruck spürten, sich zu verabschieden, und Abneigung gegenüber ihrem Bruder. Ein Gefühl, das die beiden gegenüber Suchtkranken abgelegt haben. Sie haben noch immer Kontakt zum Haus Delphin, waren auf der Weihnachtsfeier. Die beiden sehen die Menschen hinter der Sucht. So wie sie das bei ihrem Harry taten, den sie nie alleine gelassen haben.
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