Die Grippe und ich: Ein subjektiver Bericht vor der drohenden Grippezeit

Das Grippe-Virus unter dem Mikroskop: Die Erreger verbreiten sich über Tröpfcheninfektion und kontaminierte Oberflächen. Foto: Woodoo007/ 123rf.com

Während der Grippesaison kann man leicht mal ein bisschen hypochondrisch werden. Bereits morgens auf dem Weg zur Arbeit stehe ich in der überfüllten Straßenbahn und beäuge kritisch einen Mann neben mir. Besonders fit sieht er nicht aus, denke ich noch, als er auch schon explosionsartig niest. Natürlich ohne sich die Hand vor zu halten. Ich sehe förmlich Millionen kleiner Viren, die sich begeistert über die neu gewonnene Freiheit in der Tram ausbreiten, auf der Suche nach neuen Wirten. Wirten wie mir.

Denn wie auch bei anderen Atemwegserkrankungen erfolgt die Ansteckung beim Grippevirus über die sogenannte Tröpfcheninfektion. Das sollte inzwischen eigentlich jeder wissen. Dennoch wird allerorts hemmungslos genießt und gehustet. Dabei scheidet der Erkrankte Viren aus, die über geringe Distanz auf die Atemwege anderer Menschen gelangen können, erklärt mir Thomas Wibmer, stellvertretender Leiter des Augsburger Gesundheitsamtes, bei dem ich mich vorsichtshalber über alle gripperelevanten Fakten informiere. "Darüber hinaus ist eine Übertragung auch über Hände und Oberflächen möglich, die durch virushaltige Sekrete verunreinigt sind, wenn die Hand anschließend Kontakt zu Mund oder Nase hat", erläutert mir der Mediziner außerdem.

Auskurieren, lüften, hygienisch husten

Zum Glück fällt mir das wieder ein, als ich, im Großraumbüro angekommen, gerade in meine Frühstückssemmel beißen will. Türklinken, Telefone, Tastaturen - wer weiß, wie viele kontaminierte Gegenstände ich alleine hier im Büro schon berührt habe. Lieber erstmal Hände waschen, denn das kann die Infektionsgefahr vermindern. Daneben empfiehlt das Robert-Koch-Institut (RKI) Abstand zu Kranken zu halten, tatsächlich hygienisch zu husten - also in die Armbeuge statt in die Hände - regelmäßig zu lüften und zu Hause zu bleiben, wenn man krank ist.

Da können die Kollegen ja auch noch was lernen, denke ich, während ich skeptisch beobachte, wie die Redakteurin neben mir sich lautstark die Nase putzt und der Kollege gegenüber sich keuchend von einem Hustenanfall erholt.

Ob die beiden nun an einer "echten" Grippe leiden oder nur an einer Erkältung, spielt für die Hygienemaßnahmen keine Rolle, kann aber in einigen Fällen dennoch entscheidend sein. Beide Erkrankungen würden durch verschiedene Erreger verursacht, führt Wibmer aus. Eine Grippe wird durch Influenzaviren ausgelöst und könne durch einen plötzlichen Erkrankungsbeginn mit Fieber oder deutlichem Krankheitsgefühl, verbunden mit Muskel- und/oder Kopfschmerzen und Reizhusten, einhergehen.

"Allerdings erkranken längst nicht alle Infizierten so typisch. Als Faustregel gilt: Etwa ein Drittel der Infizierten erkrankt mit den genannten Symptomen, ein Drittel zeigt eine mildere Symptomatik - wie bei Erkältungskrankheiten - und ein Drittel entwickelt gar keine Symptome", sagt der Fachmann. Insbesondere ältere Erkrankte bekämen häufig kein Fieber. Die Krankheitsdauer liege in der Regel bei fünf bis sieben Tagen, könne in Abhängigkeit von Komplikationen und Risikofaktoren jedoch auch deutlich länger sein.

Erkältungen dagegen würden von mehr als 30 verschiedenen Erregern wie Rhino- und Coronaviren hervorgerufen. Zu den Symptomen zählen Halsschmerzen, Schnupfen und Husten, seltener auch erhöhte Temperatur oder Fieber. In Einzelfällen, etwa bei immunsupprimierten Menschen und Kleinkindern, könne jedoch auch eine Erkältung zu schweren Komplikationen führen.

"Es ist oft nicht möglich, eine echte Grippe und eine Erkältung nur anhand der Symptome zu unterscheiden. Für Ärzte ist es daher auch wichtig zu berücksichtigen, welche Viren gerade in der Bevölkerung zirkulieren. Mitten in der Grippewelle ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Patient an Grippe erkrankt ist, auch bei milder Symptomatik hoch", erklärt Wibmer. Eine Influenza-Erkrankung könne vor allem bei älteren Menschen, chronisch Kranken und Schwangeren zu Komplikationen wie beispielsweise einer Lungenentzündung führen und dann sogar tödlich verlaufen.

Bundesweit rund 21 000 Todesfälle

Meine leichte Hypochondrie ist also nicht in jedem Fall abwegig, schießt es mir durch den Kopf. Wie viele Menschen tatsächlich an der Grippe sterben, kann nur geschätzt werden. Denn: "Todesfälle an saisonaler Influenza sind nicht meldepflichtig, daher liegen hierzu im Gesundheitsamt keine regional auswertbaren Primärdaten vor", erläutert Wibmer auf Nachfrage. Üblicherweise werde die Zahl der mit dem Auftreten von Influenza zusammenhängenden Sterbefälle auf überregionaler Ebene mittels eines statistischen Berechnungsverfahrens geschätzt. Die Anzahl der geschätzten Todesfälle könne bei den einzelnen Grippewellen stark schwanken. In Deutschland sei die Zahl der so geschätzten Todesfälle zum Beispiel in der Grippesaison 2014/15 bei 21 300 gelegen.

Auch für die Anzahl der tatsächlichen Grippefälle ist die Erfassung belastbarer Daten schwierig. Denn nicht jeder geht mit den typischen Symptomen zum Arzt und nicht immer veranlasst der Arzt eine Untersuchung auf Influenzaviren. Daher wurden in Deutschland verschiedene Systeme etabliert wie die "Arbeitsgemeinschaft Influenza". Diese arbeitet eng mit dem Robert-Koch-Institut zusammen. Aus dieser Kooperation ist bereits vor einigen Jahren das Projekt "GrippeWeb" entstanden, das erfassen möchte, welcher Anteil der Gesamtbevölkerung Woche für Woche an einer akuten Atemwegsinfektion erkrankt ist und welcher Anteil mit solch einer Erkrankung eine ärztliche Praxis aufgesucht hat.

Unter www.grippeweb.rki.de kann sich jeder Interessierte registrieren und das RKI bei der Datenerfassung unterstützen. Dazu muss man sich lediglich einloggen und einmal wöchentlich zwei Fragen beantworten: Ob man in der jeweiligen Woche eine neu aufgetretene Atemwegserkrankung hatte und ob man sich im aktuellen Monat gegen Grippe hat impfen lassen. Wer sich regelmäßig an der Umfrage beteiligt, hat übrigens die Chance auf Gewinne wie Tablets, Kameras, Smartwatches oder Standmixer.

Für wen ist eine Impfung sinnvoll?

Während ich bei der Frage nach der Grippeschutzimpfung "Nein" ankreuze, frage ich mich, warum eigentlich nicht. Der Kollege mit der Impfung kommt mir während der Grippesaison schon beneidenswert entspannt vor. Ihn stört das wochenlange Schniefen und Krächzen im Büro kaum. Das Robert-Koch-Institut rate Risikogruppen zu einer Impfung. Zu diesen gehörten vor allem Menschen über 60 Jahre sowie Personen mit chronischen Erkrankungen. Ratsam sei die Influenza-Impfung auch für Schwangere ab dem zweiten Trimenon sowie für alle Beschäftigten im Gesundheitswesen und in Einrichtungen mit viel Publikumsverkehr, berichtet Wibmer.

Erst einige Tage nach einer Grippeimpfung könne von einem Impfschutz ausgegangen werden. Daher sei diese im Herbst zwar besonders zu empfehlen. Doch auch zu einem späteren Zeitpunkt sei die Impfung noch sinnvoll, da man eine anhaltende Zirkulation der Grippeviren meist erst ab Januar beobachten könne. Die Impfung muss übrigens jährlich wiederholt werden, weil sich die Eigenschaften der Grippeviren jedes Jahr verändern können.

Überlebenskünstler, diese Viren, denke ich, als ich mit der vollen Tram wieder nach Hause fahre. Froh, bald wieder in meinen eigenen vier Wänden zu sein, hinter denen mich eine herrliche, grippevirenfreie und stille Welt ohne Gehuste und Gejammer über Kopfschmerzen erwartet. Wäre da nur nicht dieses plötzliche Kratzen in meinem Hals... (
Von Kristin Deibl)
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