Die Kinder der Radar-Soldaten

Er hat keine Beine, einen verkümmerten Arm und wurde 33 Mal operiert. Dieter Neumann, 52, ist schwer behindert - die Folge von tückischen Strahlen, glaubt er: Sein Vater war Radar-Soldat bei der Bundeswehr.

Es gibt weitere Betroffene - und sie kämpfen um Gerechtigkeit. Manchmal wacht Dieter Neumann nachts auf. Vor Schmerzen. Dann fühlen sich seine Beine an, als ob jemand ein rostiges Stahlseil durch seine Adern zieht. Er blickt dann nach unten und sieht nichts. Er hat keine Beine, kam verkrüppelt zur Welt. "Wie ein Phantomschmerz fühlt sich das an", sagt er.

Qualen ist Neumann gewöhnt, sein ganzes Leben ist ein Kampf. Doch seinen schwersten Kampf trägt er nicht mit seinem Körper aus. Sondern mit der Bundeswehr. Neumann ist sich sicher: "Die ist schuld an meinem Schicksal." Er will eine Entschuldigung. Und Entschädigung. Beides wird ihm verweigert.

Dieter Neumanns Vater war Radar-Soldat. Lothar Neumann diente als Techniker auf dem Lechfeld bei Landsberg, Radarstellung "Konrad". Dort überwachte er mit Kameraden den Luftraum über der DDR und der Tschechoslowakei, es herrschte Kalter Krieg. Jahrelang stand Lothar Neumann an den Radargeräten und war zerstörerischen Röntgenstrahlen ausgesetzt. Ohne Schutz, obwohl die Bundeswehr wohl wusste, dass die Geräte gefährlich sind. Sicher ist: Es gab keinen Arbeitsschutz. Und viele von Lothar Neumanns Kameraden erkrankten an Krebs. Er selbst blieb von Geschwüren verschont, Lothar Neumann hatte Glück. Sein Sohn nicht.

Dieter kommt am 28. Juni 1961 zur Welt, zu einer Zeit, als in Deutschland viel über Missbildungen bei Kindern diskutiert wird - es geht um den Contergan-Skandal. Dieters Mutter hat in der Schwangerschaft keine Angst - sie hat die gefährliche Arznei nicht eingenommen. Alles läuft normal, Ultraschalls sind damals nicht üblich. Am Tag bevor die Wehen einsetzen, schuftet die Hochschwangere noch auf dem Feld ihrer Eltern in Königsbrunn. Früher, auf dem Land, wurde um eine Geburt kein Tamtam gemacht. Die Niederkunft verläuft ohne Komplikationen.

Dann legt die Hebamme der Frau Neumann den kleinen Buben, ihr drittes Kind, in die Arme. Sein linker Daumen ist am Oberarm festgewachsen, der rechte Fuß wächst direkt aus dem Unterkörper, das linke Bein ist ein verdrehter Klumpfuß. Wenig später werden Ärzte zu der jungen Mutter sagen: "Ihr Sohn hat eine multiple Extremitätenmissbildung." Sie sagen ihr auch, dass ihr Bub seinen zweiten Geburtstag nicht erleben wird.

50 Jahre später sitzt Dieter Neumann in seinem kleinen Bungalow, ebenerdig, eineinhalb Zimmer. Betreutes Wohnen der Sozialstation Friedberg. Heute früh war eine Pflegerin da, wie jeden Tag. Sie hat ihn gewaschen und angezogen. Später, am Abend, wird sie wieder kommen, dann leert sie seine Urinflasche. 33 Mal haben ihn die Ärzte operiert, vor kurzem hat Dieter Neumann erfahren: Er wird nie wieder auf Prothesen laufen können wie früher.

Dieter Neumann hat keine richtigen Freunde und keine Frau - obwohl er sich immer eine Familie gewünscht hatte. Heute sagt er: "Ich weiß nicht, wie sich meine Eltern entschieden hätten, wenn sie gewusst hätten, dass ich behindert bin." Ob sie ihn abgetrieben hätten, um ihm dieses Leben zu ersparen. Neumann macht eine Pause. Dann sagt er: "Sie haben es als gegeben hingenommen." Gegeben von Gott, an den sie glauben. Doch Dieter Neumann ist überzeugt: Sein kaputter Körper ist keine grausame Laune der Natur. Sondern das Ergebnis von Schlamperei bei der Bundeswehr.

Jahrzehntelang ahnt er das nicht. Jetzt hat er Beweise. Doch die reichen der Bundeswehr nicht. Wer dort Genaueres wissen will über die Kinder der radargeschädigten Soldaten, bekommt seitenlange Antworten voller Regelungen, Gesetze, Paragrafen. Und Sätze wie: "Den Vorwurf, aus Kostengründen auf ausreichenden Arbeitsschutz verzichtet zu haben, weist die Bundeswehr entschieden zurück." Kein Wort des Bedauerns.

Dabei war manchen früh klar, dass da etwas schiefgelaufen ist. Als Dieter Neumann zwei Wochen alt ist, bringen ihn seine Eltern ins Josefinumg. Ein Arzt schöpft Verdacht, hält aber dicht. Nur in einem Brief an einen Kollegen, datiert auf den 1. September 1961, schreibt er: "Sehr interessant scheint mir die Tatsache, dass der Vater dieses Kindes bei der Bundeswehr und zwar bei einer Radarabteilung arbeitet."

Und dem Arzt fällt noch mehr auf: In der Klinik seien zwei weitere Kinder behandelt worden mit "ganz ähnlichen Missbildungskomplexen". Auch ihre Väter: Radar-Soldaten. Man könne "fast an einen Zusammenhang denken". Der Arzt behält sein Wissen für sich: Den Neumanns, die wissen wollen, warum ihr Bub krank ist, gibt er ausweichende Antworten. Er bittet aber das Innenministerium und Strahlungsforscher "um Aufklärung". Das versandet. Wie vieles im Fall des Dieter Neumann.

Einer, der jedes Stück Information über den Skandal zusammenklaubt, und das seit Jahren, ist Heinz Dankenbring. Früher hat er gemeinsam mit Lothar Neumann am Radargerät AN/MPS-14 in Lechfeld gearbeitet. Heute ist er 77, lebt in einem gemütlichen Reihenhaus in Kaufbeuren und ist Mitbegründer des Bundes zur Unterstützung Radargeschädigter. Die Akten über verstrahlte Soldaten stehen überall, in jedem Zimmer, in allen Schränken, unter der Eckbank im Esszimmer. Dort sitzt er jetzt, um sich herum Ordner, Briefe, Gutachten. Neumann zufolge beweisen sie alle: Die Bundeswehr schaffte für die Radar-Soldaten wissentlich keine Bleischürzen und -handschuhe an. Aus Kostengründen. Es gab keine regelmäßigen ärztlichen Untersuchungen, den Soldaten wurde nicht einmal gesagt, dass sie sich das radioaktive Zeug abduschen sollen, bevor sie heim zu ihren Familien gehen. Die Strahlung war überall - an ihrer Kleidung, an ihren Körpern, in ihren Körpern. Und sie hat viele krank gemacht. Sehr krank.

Auch Dankenbring. Er hat einen Strahlenschaden dritten Grades, Hautkrebs an der Nase, immer wieder muss er operiert werden. Und er hat einen Samenschaden. Er war ein junger Mann, frisch verheiratet, als das festgestellt wurde. Er und seine Frau wollten Kinder. "Das war eine Tortur für mich", sagt er. Seine Stimme zittert, seine Augen füllen sich mit Tränen. Noch heute, ein halbes Jahrhundert später. Das Paar adoptiert damals einen Buben. Dann, wie durch ein Wunder, wird seine Frau doch schwanger. Die Tochter, die sie zur Welt bringt, ist gesund. Dankenbring schaut hinüber zur Kommode. Darauf stehen Bilder von seinen Enkelkindern, zwei freche Buben beim Rum-toben. "Sie sind mein ganzer Stolz", sagt er.

Dankenbring hat jahrelang gegen seinen alten Arbeitgeber prozessiert, den er früher sehr schätzte. "Nie hätte ich das gedacht", sagt er. Seine Schmerzensgeldforderung wurde abgelehnt, er verlor alle Verfahren. Entscheidend war: Er konnte der Bundeswehr keinen Vorsatz nachweisen. Nur eine kleine Zusatzrente von etwa 240 Euro gestanden sie ihm zu. Jetzt geht es Dankenbring nicht mehr um sich und die anderen kranken Ex-Soldaten. Sondern um deren Nachkommen. Um die zweite Generation der Strahlenopfer.

Dankenbring kennt jeden einzelnen Fall, es sind um die 50. Er hat Kontakt zu betroffenen Familien, in denen die Tochter mit sechs Fingern zur Welt kam, der Sohn mit einem verkümmerten Hoden. Von einem Kameraden ist sogar der Urenkel behindert, zu 80 Prozent. Es gibt medizinische Studien, die eine Verbindung nahelegen. Das Problem: Die Opfer müssen beweisen, dass Strahlung und Krankheit direkt zusammenhängen. Dafür braucht Dankenbring Wissenschaftler, verzweifelt hat er zig Experten um Hilfe gebeten. Gutachten kosten viel Geld – Geld, das weder die Opfer noch der Bund der Radargeschädigten haben. Jetzt hat Dankenbring neue Hoffnung. Die Charité in Berlin hilft: Gen-Material von Nachkommen aus ganz Deutschland wird geprüft. Die Bundeswehr weiß darüber Bescheid: Sie bestätigt, dass in 33 Fällen "Ansprüche im Zusammenhang mit Erkrankungen von Kindern ehemaliger sog. Radarsoldaten" geltend gemacht werden. Und noch so ein Bürokraten-Satz: "Sollten neuere Gutachten zu belastbaren anderen Ergebnissen kommen, würden entsprechende Fälle erneut geprüft."

Entsprechende Fälle. Dabei geht es um Menschen. Dankenbring sagt, er will nicht die Verantwortlichen von damals zur Rechenschaft ziehen. "Wer schuld ist, interessiert uns nicht. Wir wollen, dass die Bundeswehr Verantwortung übernimmt." Die Soldaten schworen damals, treu zu dienen. Jetzt, findet Dankenbring, muss die Bundeswehr für sie und ihre Familien sorgen. Das Schicksal der geschädigten Kinder lässt ihn keine Nacht ruhig schlafen. Auch die Neumanns leiden noch heute. Damals, nach Dieters Geburt, geben sie ihr Bestes. Jeden Tag nach Feierabend fährt der Vater vom Lechfeld ins Josefinum, zu seinem kleinen Sohn.

Als klar ist, dass Dieter doch älter wird als zwei Jahre, suchen die Eltern einen geeigneten Kindergarten, später eine Schule - spezielle Einrichtungen für Körperbehinderte sind damals selten. Doch ist das Verhältnis zwischen Sohn und Eltern schwierig. Dieter wächst nicht daheim, sondern im Krankenhausauf. Im Josefinum kennt er vom Keller bis zum siebten Stock jedes Zimmer. Er tratzt die Krankenschwestern, saust auf Prothesen durch die Gänge. Oft versteckt er sich, einmal finden sie ihn erst nach vier Stunden - in der Spülmaschine. Der kleine Dieter ist der Liebling der Station. Ein Lausbub.

Wenn er am Wochenende heimkommt, ist die Stimmung schlechter - zumindest empfindet er das so. Er wirft den Eltern vor, seine Geschwister unter der Woche zu verwöhnen. Er hat Schuldgefühle, wenn die Eltern wegen ihm einen Urlaub abblasen. Später kommt er ins Internat, macht eine kaufmännische Ausbildung. Er kämpft sich durch, weil er weiß: Meine Eltern unterstützen mich. Und doch ist er alleine. Jahrzehntelang lebt Dieter Neumann ohne den Verdacht, dass ihn die Strahlen zum Krüppel gemacht haben. Dann, 2001, schreibt der Stern über einen anderen Fall. Neumann sitzt mit seinem Bruder am Tisch, als sein Vater ins Zimmer stürmt, den Artikel in der Hand. "Steh auf!", ruft Lothar Neumann. "Wir müssen die Bundesrepublik Deutschland verklagen!"

Auf einen Schlag passt alles zusammen. Die Missbildungen. Der Bleischurz, den der Vater kurz nach Dieters Geburt plötzlich bei der Arbeit tragen musste. Jetzt beginnt der mühsame Kampf der Neumanns um Gerechtigkeit. Sie rufen im Josefinum an, verlangen den Chefarzt, bitten ihn, Dieters Akte herauszusuchen. Tatsächlich, die Unterlagen sind noch da. Der Arzt schickt Kopien, unter anderem von jenem Brief, in dem von den beiden anderen Kindern die Rede ist. Dann wird es unheimlich: Als die Neumanns zwei Wochen später noch einmal Einblick in die Akten haben wollen, sind sie verschwunden. Das Personal stellt die Klinik auf den Kopf, sucht überall. Die Akte "Dieter Neumann" ist weg. "Das ist ein Krimi", sagt der heute.

Es ist noch mehr passiert. Einmal, da ist sich Dieter Neumann sicher, hat jemand seine Friedberger Wohnung durchwühlt: Einige Bücher standen nicht mehr an ihrem Platz. Als er sich in Berlin mit anderen Betroffenen verabredet, verschwinden aus seinem Hotelzimmer Gutachten, Briefe, sein Handy. Er zeigt die unbekannten Täter an, ohne Erfolg. Beweise hat Dieter Neumann nicht. Aber ein komisches Gefühl. Manchmal hört er ein Knacken in der Telefonleitung, er fühlt sich verfolgt. Der zermürbende Kampf hat sich auch in seine Psyche gefressen. Den körperlichen Schmerz kriegt er inzwischen in den Griff. Meistens. Mit autogenem Training. Und indem er sich wehtut.

Wenn seine Muskeln in den Beinen, die er nicht hat, verkrampfen und er die Qual kaum erträgt, schlägt er sich selbst. Der Schmerz von außen betäubt den Schmerz tief drinnen. Pillen will er nicht nehmen. Er will klar denken können. Denn bei seinem Kampf gegen die Bundeswehr geht es um seine Existenz. Weil die Bundeswehr keine Entschädigung zahlt, braucht Dieter Neumann Stütze vom Sozialamt. Er lebt von Grundsicherung und Pflegegeld, das reicht fürs Nötigste. Für seinen Spezial-Rollstuhl musste er bei Vereinen um Geld betteln. Auch die Härtefall-Stiftung der Bundeswehr unterstützt ihn nicht - dort hat er vor zwei Jahren 30 000 Euro beantragt. Damit er im Alter einigermaßen versorgt ist.

Wenn sich nicht bald etwas tut, will Dieter Neumann in den Hungerstreik treten. Auch Heinz Dankenbring ist verzweifelt: "Langsam kann ich nicht mehr", sagt er. Politiker, die sich seit Jahren um Dieter Neumann kümmern, resignieren. Zig Schreiben haben sie formuliert, derzeit läuft die zweite Petition im Bundestag. Die SPD-Landtagsabgeordnete Simone Strohmayer sagt: "Bürokraten und Juristen bremsen, und Sozialbehörden fühlen sich nicht zuständig." Christine Kamm von den Grünen stellt fest: "Wir haben mehrfach Aufklärung vom Verteidigungsministerium gefordert, bislang jedoch zeigt sich das Ministerium wenig auskunftsfreudig." Nur das hat sie den Beamten rausgekitzelt: Dass die Akten von Lothar Neumann vernichtet wurden. Die Folge: Man kann die Strahlendosis, der Lothar Neumann zum Zeugungszeitpunkt ausgesetzt war, nicht mehr zweifelsfrei ermitteln.

Nun hoffen Dieter Neumann und seine Unterstützer auf Paragraf 80, Soldatenversorgungsgesetz. Demnach hat das Kind einer Soldatin, das während der Schwangerschaft geschädigt wurde, einen Versorgungsanspruch. "Das muss doch übertragbar sein auf Väter und ihre Kinder", sagt Dankenbring. Die Bundeswehr ist anderer Meinung. Geschädigte Kinder von Radar-Soldaten seien nur indirekt betroffen.

Die Geschichte dreht sich im Kreis. Dieter Neumann glaubt, dass "die auf Zeit spielen". Denn um bei Kindern eine Gen-Veränderung durch die Strahlenbelastung nachzuweisen, braucht man DNA der Väter. Viele sind gestorben, die anderen werden immer älter. Auch Dieter Neumann wäre zweimal fast gestorben, seine Organe standen vor dem Kollaps. Er weiß noch heute, wie sie sich angefühlt hat, die flüchtige Bekanntschaft mit dem Tod. "Ich bin in einem Raum, sehe Bilder aus meinem Leben", erinnert er sich. Hinter ihm geht die Tür zu, doch die vor ihm öffnet sich nicht. Dann hört er eine Stimme: "Den nicht. Den brauch ich noch." Dieter Neumann erzählt die Geschichte, lacht kurz und wird wieder ernst. Dann sagt er: "Ich werde 100 Jahre alt - nur um die bei der Bundeswehr zu ärgern."
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