Die vitalisierte Wertach: LEBEN MIT DEM NEUEN FLUSS

Raue Rampen sind ein wichtiger Bestandteil von Wertach vital – für Hochwasser- und Naturschutz. Foto: Saller
 
Beim Pfingsthochwasser 1999 staute sich gefährlich viel Treibgut am Goggeleswehr. Foto: Kleingärtner Perzheimwiese
 
Beim Anblick der Großbaustellen zur Aufweitung und Uferabflachung waren viele Menschen skeptisch, ob das gut werden würde. Hier an der Ackermannbrücke wurden Grundwasser abgepumpt und Wasserbausteine eingebracht. Foto: Bernhard Uffinger
 
1921 wurde die Luitpoldbrücke erbaut und mit diesem Heiligen geschmückt. Bei der Verbreiterung der Brücke in den 1960er Jahren stürzte die Figur in die Wertach und tauchte bei den Bauarbeiten zu Wertach vital wieder auf. Nun hat sie einen ungefährlicheren Platz an den neu gestalteten Uferwegen bekommen – ganz in der Nähe ihrer Brücke. Foto: Bernhard Uffinger
 
Picknick unterhalb des Gollwitzersteges 2009. Foto: Saller

Hochwasserschutz, Naturschutz und Lebensqualität für uns Menschen – das Projekt Wertach vital hat viele zukunftsorientierte Effekte. Eine Erfolgsgeschichte mit kleinen Fehlern.

Früher war das so: Wer im Sommer mit dem Fahrrad oder zu Fuß auf dem Wertach-Damm unterwegs war, bewegte sich durch einen schnurgeraden, auf Dauer etwas eintönigen, grünen Tunnel. Das glitzernde oder tosende Wasser des Flusses konnte man stellenweise erahnen, ans Ufer führte aber buchstäblich kein Weg. Entlang eines kleinen Teilstückes südlich der Localbahnbrücke kann man das heute noch sehen. Die Wertach floss seit etwa 150 Jahren begradigt vor sich hin, durch den verkürzten Flusslauf zu schnell geworden und unaufhörlich an ihrem Bett grabend, stellenweise drei Meter allein in der Zeit von 1975 bis 2000 – die vielen Wehre ließen nicht mehr zu, dass der Fluss seine Kiesel selbst heranschaffte.


Hochwasser

Dann kam Wertach vital. Im Vordergrund stand dabei der Hochwasserschutz für die Gemeinden entlang der Wertach und die Stadt Augsburg. Wie wichtig diese Planung war, die bereits 1997 vorgelegt wurde, erwies sich eindrücklich, als das berüchtigte Pfingsthochwasser von 1999 das Ackermannwehr am südlichen Stadtrand Augsburgs wegriss und der befreite Fluss sich über weite Gebiete der Stadtteile Göggingen und Pfersee ergoss. Zahlreiche Häuser, vor allem Keller, waren betroffen, die Feuerwehr holte per Schlauchboot Menschen aus ihren Wohnungen, Tiefgaragen wurden zu tödlichen Fallen und unzählige Autos wurden darin unwiederbringlich geflutet. In den Tagen nach der großen Überschwemmung begannen die Menschen aufzuräumen. In Gummistiefeln, mit Schaufeln und Schubkarren holten sie ihr zerstörtes Hab und Gut aus den nassen Kellern. In den Straßen stapelte sich tonnenweise Sperrmüll. Pumpen und Trockengebläse liefen Tag und Nacht. Spätestens jetzt war den offiziellen Stellen – Stadt Augsburg, Freistaat Bayern und der Unteren Naturschutzbehörde – klar: Mit der Wertach muss möglichst bald etwas passieren, und so erfolgte am 20. Oktober 2000 der Spatenstich zum Großprojekt Wertach vital.
Durch ein Hochwasser im Winter 2004/2005 wurde das Goggeleswehr – die Pferseer erinnern sich schmerzlich und kämpfen bis heute um einen Neubau – so unterspült, dass es nach vorübergehenden Stabilisierungsmaßnahmen schließlich abgebrochen werden musste. Lediglich das markante Häuschen fand eine neue Verwendung im Augsburger Zoo.
Schon immer war Augsburg und besonders Pfersee Opfer von Wertach-Hochwassern. Geschichtsbücher erzählen von unter Kies verschwundenen Römerlagern und von Pfersees Bürgern Anfang des 20. Jahrhunderts, die stets ein Boot bereithielten für den Fall des Falles.


Skepsis und Verluste

Nicht alle Zeitgenossen empfanden den Baubeginn von Wertach vital als gute Nachricht. Für die geplante Aufweitung und Abflachung der Ufer mussten in mehreren zeitlich gestaffelten Abschnitten Kleingärten weichen, Grundstücke abgegeben werden, neue Dämme an ungewohnten und nicht immer gewünschten Stellen verlaufen und ein Biergarten verlegt und vorübergehend geschlossen werden. Sehr viele dicke alte Bäume wurden gefällt, manche auch, weil sie in einem neuen Hochwasser-Fall zur Gefahr für Brücken und Wehre geworden wären, wenn der Fluss sie mitgenommen hätte. Für manches Teilstück waren zähe Verhandlungen und Nachbesserungen notwendig – die Baumaßnahmen verzögerten sich. Schließlich wurde in allen Bereichen eine Einigung erzielt, Ausgleichsflächen zur Verfügung gestellt. Große Bagger rückten an und rissen erst einmal tiefe Wunden in die bisher so grün zugewachsene Landschaft.


Vitalisierende Pläne

Auf alten Stadtplänen kann man es noch sehen: Die ursprüngliche Wertach brauchte 150 Meter Platz in der Breite mit ihren Armen, dem feuchten Auwald und sich änderndem Lauf. Für einen solchen Rückbau war die Bebauung auf Augsburger Gebiet viel zu nah an den Fluss gerückt. Trotzdem wollte man dem eingesperrten und dadurch viel zu schnellen und im Hochwasserfall gefährlichen Fluss wieder die Möglichkeit geben, sein Wasser „artgerecht“ zu verteilen, sich neue Wege zu suchen, die das Leben der Menschen an seinen Ufern nicht beeinträchtigen. Künftig sollte das weitere Eingraben des Flussbettes, die damit verbundenen Probleme mit dem Grundwasserstand und die Unberechenbarkeit der „schnell Fließenden“, wie die Wertach übersetzt heißt, entschärft werden. Außerdem erforderten die Erkenntnisse unserer Zeit Maßnahmen, die in und um den Fluss verschwundenen Arten im Tier- und Pflanzenreich ihren Lebensraum zurückgeben würden, damit sie nicht vollkommen aussterben. Dafür sollten auch der ausgetrocknete Auwald und die Gewässerstruktur aufgewertet werden. Unter der Federführung des Wasserwirtschaftsamtes Donauwörth wurde im Auftrag des Bayerischen Umweltministeriums geplant. Zahlreiche Umweltverbände, Bürgergruppen und die TU München waren einbezogen.


So ist es gelungen

Neben der Aufweitung wurden viele Detaillösungen für die einzelnen Eng- und Gefahrenstellen gefunden. Beispielsweise ist das Ackermannwehr heute ein Schlauchwehr, das je nach Wasserstand mehr oder weniger Wasser durchlässt. Hier ist auch ein Umgehungsbach für Fische entstanden, die so das Wehr ungehindert passieren können. Statt des Goggeleswehres gibt es nun eine so genannte „raue Rampe“. Große Steinbrocken bremsen den Fluss und überbrücken fünf Meter Höhenunterschied. Wie in unserer letzten Ausgabe zu lesen war, existiert auch wieder ein Plan für eine Fußgängerbrücke an dieser Stelle. Die schützenden Wälle und Deiche gehen von den Ausmaßen eines „Jahrhunderthochwassers“ aus und sind noch einen Meter höher gebaut worden. Zur Sicherung der Flusssohle, also um eine weitere Erosion in die Tiefe zu verhindern, baute man weite Streckenabschnitte als „Offenes Deckwerk“ aus. So würde der Fluss selbst arbeiten, wenn er die Möglichkeit hätte: Sechs oder sieben große Wasserbausteine werden auf jedem Quadratmeter verteilt. Anschließend werden sie mit Kies überschüttet, der die Fugen füllt. Kleinlebewesen profitieren von einem solchen Flussbett. In diesem Umfang ist die Bauweise ein Novum.


Stadtmenschen im Grünen

Als Naherholungsgebiet ist Wertach vital ein voller Erfolg. Gewundene Wege führen am Ufer entlang, der Fluss ist fast überall zugänglich und seine Kiesbänke auch für Kinder ungefährlich erreichbar. Zahlreiche Augsburger haben ihre eigene Art gefunden, die grüne Oase zu nutzen. Viele Radfahrer, Jogger, Hundebesitzer, Familien mit kleinen und großen Kindern und Ruhesuchende kann man entlang der veränderten Wertach beobachten. Vom ausgedehnten Spaziergang, stundenlangem Aufs-Wasser-Schauen, Sonnenbaden, Planschen im Wasser bis zu erlebnispädagogischen Maßnahmen, ist eine Vielzahl an Erholung spendenden Beschäftigungen gegeben. Schulklassen kommen mit Keschern und Becherlupen, um sich ein eigenes Bild von den Wasserbewohnern zu machen. Viele der Leute sind fast täglich eine Weile hier unterwegs. Der erwähnte Biergarten ist inzwischen eine äußerst beliebte Anlaufstelle für alle Wertach-Menschen, die bei passendem Wetter nicht nur auf Bänken und Liegestühlen, sondern auch auf den großen Ufersteinen Platz nehmen und sich fühlen wie auf einer Urlaubsinsel.


Keine echte Renaturierung

Das Plätschern des Wassers über die kleinen Rampenstufen an heißen Sommertagen ist Balsam für die Seele, hat aber auch einen ökologischen Nutzen. Durch die Bewegung über die Steine reichert sich das Wasser mit Sauerstoff an und die Wasserqualität steigt. Hinter den Felsen entstehen kleine Sandbänke, auf denen keine Algen wachsen. Dies sind wichtige Lebensräume für Fische und Kleinlebewesen. In der inzwischen schon wieder recht üppig gewordenen Vegetation am Ufer summt es, geübte Augen entdecken das eine oder andere seltene Insekt, so mancher hat schon Eisvögel beobachtet und die Anzahl der Fische, auch bisher nicht so häufig anzutreffender Arten, ist gestiegen. Im Wasser bietet fest verankertes Totholz Verstecke für Fische und andere Bewohner. An Sommerabenden nutzen Fledermäuse den Flusslauf als Jagdrevier. Auch Zugvögel brauchen die Wertach als Nahrungsquelle und Ruheplatz. Bernhard Uffinger, der das Projekt „Wertach vital“ von Anfang an für den Bund Naturschutz mit seinem Wissen über Pflegemanagement begleitet hat, warnt deshalb vor weiteren Zugeständnissen an die Neubebauung der ohnehin auf Stadtgebiet schmalen aber überregional bedeutenden Biotopachse entlang des Flusses. Konkret geht es beispielsweise um den Neubau der Straßenbahntrasse für die neue Linie fünf. Sollte sie durch die Hessenbachstraße führen, müssten so viele große Bäume weichen, dass das für manche Lebewesen ein unüberwindliches Hindernis werden würde. Die Durchgängigkeit, die man so mühsam versucht, wieder herzustellen, wäre verloren. Auch deshalb ging hier zuletzt die Tendenz zur Variante Holzbachstraße.
Ein weiteres Detail, das es den bedrohten Arten, denen Wertach vital alte Lebensräume zurückgeben soll, auf Stadtgebiet nicht leicht macht sich wieder anzusiedeln, ist die Uferbepflanzung. Den Menschen gefällt, was sie hier erleben: eine zunehmend grüne Oase mitten in der Stadt. Doch eine echte Renaturierung ist schon wegen der beengten Platzverhältnisse nicht möglich – im Landkreis ist das leichter und zeigt auch schon Erfolge. Zusätzlich gehören manche der gewählten Pflanzen nicht zur natürlich vorkommenden Vegetation am Wertachufer und wachsen zu schnell. So sehen Naturschützer beispielsweise die Verwendung von Heckenrosen und Silberpappeln als problematisch an und hätten lieber eine langsamer voranschreitende, der Natur überlassene Rückkehr an heimischer Flora gesehen – solche die sich von Norden nach Süden kommend ihre Reviere zurückerobert und solche die mit dem Fluss aus Richtung Alpen kommt. Die Einwanderung von fremden Arten, wie beispielsweise der kanadischen Goldrute, macht den weniger dominanten heimischen Pflanzen zusätzlich den Lebensraum streitig. Die Stadt Augsburg als zuständige Stelle für die Pflege der Böschungen, ist hier gefragt.
Auch bei der Befreiung eines Flusses als Schutzmaßnahme für die dort lebenden Menschen, müssen Länder und Kommunen die Kosten beachten. So kommt es, dass für die Uferbefestigung Kalkstein verwendet wurde, der wesentlich günstiger zu beschaffen ist, als beispielsweise ein deutlich robusterer Granit. Das könnte zur Folge haben, dass die Rampen schon in wenigen Jahren so rund geschliffen sind, dass sie saniert werden müssen – was erneut Kosten verursachen würde.


Müll, Lärm und Vandalismus

Angesichts der durch alle Bevölkerungsschichten positiven Meldungen über den Freizeitnutzen der vitalen Wertach, sind die offensichtlichen Spuren von Vandalismus verwunderlich. Die Stadt Augsburg muss immer wieder die Tafeln im grün bewachsenen Info-Pavillon und an markanten Punkten der Umgestaltung erneuern, weil sie durch großflächige Schmierereien unleserlich geworden sind. Direkt am abgeflachten Ufer steht auch ein schmucker pagodenartiger Pavillon, der von einem Spender gestiftet wurde. Auch dieser als Ruheplatz vorgesehene Ort ist von Farbe und Feuer gezeichnet. Sorge bereiten zudem die wilden Feuerstellen, die oft gefährlich nahe an der Vegetation angelegt werden.
Schon immer ist das Thema Müll an und in Wertach und Kanal ein Thema. Tonnen davon entsorgt die städtische Müllabfuhr. Unter dem Motto „Sauber ist in“ beteiligen sich Bürger, oft unterstützt von politischen Parteien, an den turnusmäßig stattfindenden Aufräumarbeiten an den Ufern. Was aber neu ist, seit die Kiesbänke von Partyfreunden genutzt werden können, sind ganze Berge an unappetitlichen Hinterlassenschaften vom halb gegessenen Steak bis zur Einwegspritze.
Unmittelbare Anwohner klagen nicht nur über laute Feste, sondern auch über das manchmal wie ein Sport betriebene absichtliche Zerdeppern von Glasflaschen auf dem Kies. Rufus Reiner Unfug, der hier fast täglich und so oft wie möglich barfuß spazieren geht, hat sich deshalb schon aus reinem Selbstschutz angewöhnt, die Augen stets auf dem Boden zu haben und gefundene Scherben, Kronkorken und ähnliches in einer mitgebrachten Tüte zu sammeln. Er wünscht sich mehr Papierkörbe, um es den Leuten noch leichter zu machen, ein sauberes Ufer zu hinterlassen. Vielleicht kann ja der nachhaltige Erholungswert dieser umfangreichen Umgestaltung eines vormals „toten“ Flusses auch in den Köpfen der Menschen eine Wirkung erzielen.
Der Bauabschnitt „Wertach vital 3“ von der Ackermannbrücke bis zur Mündung in den Lech, ist erst einmal zurückgestellt. Der Hochwasserschutz dort genügt noch den derzeitigen Ansprüchen und das Projekt LICCA Liber – der freie Lech – hat zunächst Vorrang.
2
Diesen Autoren gefällt das:
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.