Doktortitel mit 75 Jahren

Dieter Voigt nach seiner Disputation am 3. Dezember 2014 mit seinem jungen Doktorvater Martin Kaufhold (Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte). Foto: privat

Dieter Voigt macht mit 75 seinen Doktor über "Die Augsburger Baumeisterbücher des 14. Jahrhunderts"

In nur dreijähriger Bearbeitungszeit hat Dieter Voigt, Jahrgang 1939, im Rahmen seiner Dissertation einen einzigartigen Quellenbestand des Stadtarchivs Augsburg erschlossen und damit neue und detaillierte Einblicke in den mittelalterlichen Alltag Augsburgs möglich gemacht.

Die überlieferten "Augsburger Baumeisterbücher" stellen die größte serielle Quelle im Stadtarchiv Augsburg dar. Gut 26 Regalmeter füllend, umfassen sie den Zeitraum von 1320 bis 1789. Die Überlieferung ist zwar nicht lückenlos, aber für das 14. Jahrhundert sind insgesamt 14 Rechnungsbücher für 34 Rechnungsjahre mit Einnahmen und Ausgaben des mittelalterlichen Augsburg erhalten. Nach jetzigem Wissenstand hat Augsburg damit deutschlandweit die früheste und dichteste Überlieferung städtischer Rechnungen. Im Rahmen seiner Doktorarbeit hat Dieter Voigt diese Überlieferung - angereichert durch Steuermeisteramt-Fragmente (1321 bis 1332), ein Söldnerbuch (1360 bis 1382) und Aufzeichnungen im Leibgedingbuch von 1392 - durch Transkription und systematische Aufbereitung der Texte komplett erfasst und weiteren Forschungen zugänglich gemacht.

"Es ist erstaunlich, dass solch ein geschlossener Bestand mit reichhaltigen Informationen über die Finanzen der Reichsstadt und die vielen Aspekte des städtischen Alltags, die mit diesem Finanzwesen in irgendeiner Weise verbunden waren - von den Torzöllen über die Fürsorge für Waisenkinder, die städtischen Prostituierten, zahlreiche Baumaßnahmen bis hin zu Militärausgaben - bislang das Interesse der Wissenschaft nicht gefunden haben", bemerkt Martin Kaufhold, Inhaber des Augsburger Lehrstuhls für Mittelalterliche Geschichte und Betreuer von Dieter Voigts Doktorarbeit. Erst jetzt, so Kaufhold weiter, werde mit einer DFG-Förderung von 400 000 Euro an der Universität Mainz ein Projekt in Angriff genommen, das eine digitale Edition der Baumeisterbücher des 14./15. Jahrhunderts zum Ziel habe und für das Voigts soeben abgegebene Dissertation als Grundlage mit Blick auf das 14. Jahrhundert bereits angefragt worden sei.

Voigts Anspruch war es, die Strukturen der Baumeisterbücher selbst sowie die ihnen zu entnehmenden Geldströme zu analysieren. Zu diesem Zweck hat er in eine komplette Edition der Baumeisterbuch-Texte von Beginn bis 1400 vorgenommen und die jeweiligen Buchungseinträge in einer Kontenrahmensystematik codiert, die in Kombination mit einer auf CD beigefügten Datenbank ein breites Spektrum an Auswertungsmöglichkeiten eröffnet.

Der umfänglichen Transkription beziehungsweise Edition geht auf 300 Seiten eine differenzierte Einleitung voraus, die die edierten Handschriften beschreibt und detailliert Auskunft gibt etwa über die Änderungen in der Anlage der Bücher, über die in den Baumeisterbüchern regelmäßig aufgeführten städtischen Ämter und Aufgaben, über städtische Baumaßnahmen, über das städtische Boten- und Söldnerwesen und über die verschiedenen Währungen. Ein eigenständiger Anhang liefert zahlreiche Angaben zu Preisen für Sachwerte und für Arbeitsleistungen. Insgesamt werden rund 2500 Preisangaben und über 800 Angaben zu Arbeitslöhnen erfasst.

Hier erfährt man nicht nur, was Mühlsteine, Mäntel und Pferde unterschiedlicher Qualität gekostet haben, man kann diese Preise auch in Relation zu den Löhnen von Handwerkern, Müllern, Boten oder auch Henkern im städtischen Dienst setzen. Dem besonderen Wert, den Voigt auf den Lebensbezug gelegt hat, entsprechend, ergibt sich aus den Preis- und Lohntabellen sowie aus einer gezielten Datenbankabfrage die Möglichkeit, die Alltagserfahrung der Bewohner des spätmittelalterlichen Augsburg durch konkrete Vergleiche zu erhellen.

Besondere Aufmerksamkeit hat Voigt auch dem Söldnerwesen geschenkt, indem er ein Söldnerbuch, auf das er bei seiner Arbeit im Stadtarchiv stieß und das die städtischen Ausgaben für das Militär zwischen 1360 und 1382 erfasst, in seine Edition aufgenommen hat. Hier sind Personen, ihre Organisation, ihre Bewaffnung und Bezahlung sehr genau erkennbar. In dieser Form seien solche Quelle selten, betont Kaufhold, für die Militärgeschichte, aber auch für die Frage des Augsburger Engagements im süddeutschen Städtekrieg etwa, seien sie ausgesprochen wertvoll.

Voigts Dissertation, urteilt Kaufhold, stelle zum einen eine außerordentliche Erschließungsleistung dar - zumal angesichts des eigenständigen Wegs, den vor Voigt noch kein Bearbeiter eingeschlagen habe. Zum anderen sei sie aber auch eine hervorragende Einführung in den gesamten mittelalterlichen Bestand der Baumeisterbücher, und durch die Möglichkeit der gezielten Recherche nach Personen, Personengruppen, Tätigkeiten, Sachwerten, Löhnen und vielem mehr sei sie ein reicher Fundus für die spätmittelalterliche Stadtgeschichte Augsburgs, auf den die dringend gewünschte Neufassung dieser Stadtgeschichte nicht werde verzichten können.

Außergewöhnlich wie diese Doktorarbeit selbst ist auch ihr Verfasser: Dieter Voigt wurde 1939 in Leipzig geboren, seit 1961 lebt er in Augsburg, wo er bis zu seiner Pensionierung als Klinikreferent arbeitete. Nach dem Eintritt in den Ruhestand hat er sich an der Universität Augsburg zunächst als Gasthörer eingeschrieben, später dann regulär für ein Magisterstudium mit dem Hauptfach Mittelalterliche Geschichte, das er 2011 erfolgreich abschloss. Um sich mit der Transskription und Auswertung der Augsburger Baumeisterbücher den Doktortitel zu erwerben, hat er gerade mal drei Jahre gebraucht - um im Alter von 75 Jahren nun "trotzdem" der Älteste zu sein, der je an der Universität Augsburg seinen Doktor gemacht hat.
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