"Ein Dirndl ist keine Tracht!"

Dirndl und Lederhosen sind in. Doch mit traditioneller Tracht haben sie so gut wie nichts zu tun. Übrigens, in den "Balkon" gehören richtige Blumen, betont Trachtenexpertin Marianne Hinterbrandner. Und die Haare dürften auf keinen Fall offen sein.

Das Dirndl zum unschlagbaren Preis von 60 Euro in unterschiedlichen Farben mit Bluse und Schürze. Die Lederhose ist nur wenige Euro teurer. Die Lockangebote für Trachtenmode sind vielfältig. Doch was bekommt der Kunde dafür? Ist das echte Tracht oder modische Bekleidung? Auf jeden Fall schaut es mitunter sehr schön aus. Für Marianne Hinterbrandner ist klar: „Ein Dirndl ist keine Tracht!“

Die Frau ist vom Fach. Sie ist die einzige Frau, die als Gauvorstand einen Trachtenverband führt. Sie steht dem altbayerisch-schwäbischen Gauverband vor. So kategorisch ihre Aussage, so kulant ist sie, wenn beide Bekleidungsarten streng getrennt werden. Das Dirndl sei eine Modebekleidung aus der Gruppe der Trachtenmode. „Ich hab auch ein Dirndl. Manches Mädel sieht richtig fesch in einem Dirndl aus. Auch die Männer können in der Lederhose was hermachen“, erkennt sie lobend an. Dirndl würden auf den Volksfesten seit knapp zehn Jahren immer beliebter. Dennoch: „Diese Mode hat uns kein einziges neues Mitglied in den Trachten- und Heimatvereinen gebracht“, bilanzierte Marianne Hinterbrandner nüchtern. Die Tracht stehe für eine bestimmte Haltung und eben nicht für eine Moderichtung. Dazu ist die Tracht als Zeichen für die Herkunft aus einer bestimmten Region auch zu aufwendig.

Erst seit gut 200 Jahren sei es dem Volk erlaubt, buntes Tuch oder Schmuck offen zu tragen. Das Haus Wittelsbach habe sich um die Verbreitung von Trachten im Land sehr verdient gemacht, erzählte Marianne Hinterbrandner. Wenn Susi ihr Dirndl anzieht, dann schlüpft sie in das Kleid, zieht sich eine Bluse drüber und bindet sich die Schleife. Dabei achtet sie darauf, die Schleife an der richtigen Seite gebunden zu haben. Vielleicht soll es ja beim Anbandeln klappen? Ihre sonnengebräunten Arme und Beine kommen in dem farbenfrühen Dirndl gut zur Geltung. Das Dekoltee spricht für sich. Bei sommerlichen Temperaturen schlüpft sie in die Ballerinas. Und schon geht sie zum Plärrer. „Das gehört einfach dazu!“ meinte sie lachend.

Ihre Freundin Julia braucht fürs Dirndl ähnlich lange Zeit. Wesentlich länger dauert es, wenn sie ihre Tracht anzieht. Zuvor hat sie ihre Haare geflochten und gesteckt. Die müssen letztlich unter eine Kopfbedeckung. „Offenes Haar gehört nicht zur Tracht!“ faucht sie. Über ihrer Unterwäsche trägt Julia eine weiße Spitzenhose, etwas abschätzend auch als Liebestöter bezeichnet. Dann zieht sie ihre weißen Kniestrümpfe an. Insgesamt soll keine Haut zu sehen sein. Darüber gehört ein weißer Unterrock. „Ob der eng ist oder weit, das ist egal“, meinte die Frau Gauvorstand. Bei der Länge der Tracht erinnerte schmunzelnd sie an die Regel: „Ein Maßkrug sollte drunter passen.“ Bevor sich Julia ihre Schürze bindet zieht sie eine weiße Bluse an. Darüber wird eine Art Bolero mit langen Ärmeln getragen. Das Mieder wird geschnürt. „Die Schürze wird grundsätzlich hinten mittig gebunden, alles andere ist für Dirndl schön, hat aber keinen Bezug zur Tracht“, stellte Marianne Hinterbrandner klar.

An der Schnürung des Mieders wird der Schmuck angehängt. Das Samthalsband oder die Kropfkette dekorieren den Hals. Als Kopfbedeckung wird ein flacher Filzhut getragen, vielfach mit Quasten, einer Spielhahnfeder oder weiterem Schmuck geziert. Alles in allem können so 2000 Euro zusammen kommen. „Deshalb trag ich auf dem Plärrer auch ein Dirndl“, meinte Marianne Hinterbrandner ganz pragmatisch.

Während sich bei der Gebirgstracht, die beim Platteln getragen wird, die Rockglocke weit heben soll, ist die eigentliche Tracht eher schlank geschnitten. Dafür sind die Stoffe durchaus edler. Seide für 80 Euro der laufende Meter („fünf Meter braucht man für einen Rock“) sind keine Seltenheit. Für eine gute Lederhose seien schnell 700 Euro fällig, erzählte die Fachfrau. Den hübschen Mädchen in ihren Dirndln sind diese Gedanken fremd. Für sie ist das Dirndl ein modisches Gewand. Mal sehen, welchen Trend das nächste Jahr bereit hält.
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