Eine "reizvolle Herausforderung": Der künftige Intendant des Theaters Augsburg im Interview

André Bücker wird ab September neuer Intendant am Theater Augsburg. Foto: David Libossek

André Bücker ist der "Neue" am Theater Augsburg. Im September dieses Jahres beginnt er seine Intendanz und folgt damit auf Juliane Votteler. Der gebürtige Niedersachse ist ein bekennender Wagner- und Goethefan, fährt einen alten Volvo und liebt Italien. Nicht ganz von ungefähr - seine Frau ist Italienerin und bereits seit einiger Zeit lebt die Familie mit dem fünfjährigen Sohn in Pfersee. Dem studierten Theaterwissenschaftler eilt der Ruf des streitbaren Geistes voraus, "sein" Theater ist Teil des öffentlichen Diskurses und setzt Themen, er kann sich für vieles begeistern und verlässt sich in der Regel auf sein Gefühl.

StadtZeitung: Sie beginnen Ihre Intendanz diesen Sommer unter erschwerten Bedingungen. Das Große Haus wurde ein Jahr eher geschlossen, als vorgesehen, das Bürgerbegehren gegen die Theatersanierung hing lange Zeit wie ein Damoklesschwert über Ihrer Planung. Und wann genau das Haus wiedereröffnet werden kann, ist erfahrungsgemäß nicht so genau vorhersehbar. Wie gehen Sie mit diesen "Eckdaten" um? Mit welchen Überlegungen treten Sie in Augsburg an?
André Bücker: Ich habe mich ja auf diese Situation hin beworben und wusste, was auf mich zukommt. Im Gegenteil: Es reizt mich, ein Theater über diesen Weg für die Stadtgesellschaft zu öffnen und räumlich zu verbreitern. Das ist nicht nur eine Notwendigkeit, sondern auch positive Herausforderung. Die Auswahl der Stücke folgt ganz anderen Regeln und auch bei den Regisseuren sollte man im Vorfeld berücksichtigen, ob die einzelnen Kandidaten mit so einer Situation umgehen können - nicht zuletzt in der Personenführung. Neben den festen Interimsspielstätten haben wir mehr als bisher die Möglichkeit, mit einzelnen Projekten in die Stadtteile zu gehen - an Plätze, die bisher nicht für das Theater gedacht waren. Ich mag es, wenn sich Inhalte natürlich und selbstverständlich mit Räumen verbinden. Diese Möglichkeit war ein Grund für meine Bewerbung hier in Augsburg. Ein anderer war sicher der unglaubliche kulturelle Reichtum dieser Stadt. Deren Historie mit der gesellschaftlichen Gegenwart von heute zu verknüpfen ist eine spannende Aufgabe. Dafür gibt es in Augsburg einen unerschöpflichen Fundus.

Ich bin mir übrigens sicher, dass wir die Menschen gerade durch die Interimsspielstätten begeistern können. Das Gaswerk etwa hat Kultstatus-Potenzial. Klar, wir müssen an der Akzeptanz des Publikums arbeiten und daran, dass es unser Programm annimmt. Darum mache ich mir allerdings nicht so große Sorgen, die Augsburger sind mir sehr aufgeschlossen und neugierig begegnet. Eher wird die finanzielle Situation zu einer Herausforderung: Wir haben an allen Spielstätten weniger Plätze als im großen Haus, müssen daher öfter spielen und die Einnahmen sehr im Blick behalten.

Wenn das Theater dann nach den Jahren der Sanierung in das Herz der Stadt zurückkehrt, wird der Neubau ein Begegnungsort sein, der große Lust macht auf dieses neue Zentrum, das dort entstehen soll.


StaZ: Sie sind bereits ein Jahr vor Beginn Ihrer Intendanz nach Augsburg gezogen. Welchen Eindruck haben Sie als noch "Außenstehender" vom Kultur- und Theaterleben der Stadt - etwa im Vergleich mit Ihrer früheren Wirkungsstätte Dessau?
Bücker: Das Kultur- und Theaterleben ist hier äußerst vital, das Theater Augsburg ist ein großes leistungsfähiges Dreispartenhaus, das auf hohem Niveau produziert. Es gibt eine lebendige Musik- und eine freie Szene die sehr breit aufgestellt ist. Die Situation der Theater im Osten ist generell eine andere. Zu DDR- Zeiten hatte Theater dort einen hohen Stellenwert, jede kleinere Stadt hatte ein eigenes Haus. Heute kämpfen die Bürger sehr um den Erhalt ihrer Institutionen, die natürlich in dieser Anzahl nach der Wende nicht mehr zu halten waren. Grob gesagt, gibt es im Osten eine höhere Wertschätzung für die Institution Theater als im Westen, wo es selbstverständlich ist, eine Theaterlandschaft zu haben. Das harte Ringen um die nackte Existenz einzelner Häuser kennt man hier im Westen nicht so... obwohl ich mich im Zuge des Bürgerbegehrens schon auch an diverse Kulturkämpfe der letzten zehn Jahre im Osten erinnert fühlte.

StaZ: Sie sind ein erfahrener Regisseur - sowohl im Musiktheater- wie auch im Schauspiel. Wie wirkt sich das auf Ihre Intendanz in Augsburg aus? Was unterscheidet Sie am meisten von Ihrer Vorgängerin Juliane Votteler?

Bücker: Wie Sie schon sagten: Ich bin Regisseur. Das wirkt sich natürlich auf meine Führung des Hauses aus und ist gleichzeitig der Hauptunterschied zu meiner Vorgängerin. Außer Maskenbildner habe ich am Theater schon fast alles gemacht und bin daher sehr nah dran am Betrieb, den Organisationsstrukturen und Gewerken. Durch meine zwei Intendanzen am Nordharzer Städtebundtheater und in Dessau kenne ich auch die Arbeit unter schwierigen Bedingungen, bei der Improvisationstalent und Pragmatismus gefragt sind. Der Intendant ist Regisseur eines Hauses, zwar größer gedacht, aber mit ähnlichen Aufgaben. Hier wie dort geht es geht um Timing, Ansprache, und den praktischen Blick für die Machbarkeit von Dingen.


StaZ: Welche Schwerpunkte haben Sie für Ihre erste Spielzeit in Augsburg geplant?
Bücker: Was das Musiktheater angeht, wird es eine hochinteressante Mischung aus neuem und klassischem Repertoire geben. In der ersten Spielzeit sechs Musiktheaterproduktionen - drei von lebenden Komponisten - ein guter Schnitt, finde ich. Thematisch und musikalisch wird es ein ziemlicher Rundumschlag, immer mit mindestens einem Anknüpfungspunkt für das Publikum. Im Ballett gibt es keinen totalen Bruch- oder Stilwechsel. Wir setzen die erfolgreiche Linie mit anderen Akzenten und den hiesigen tollen Tänzern fort. Immer eine Produktion pro Spielzeit choreographiert unser Ballettchef Ricardo Fernando dabei selbst. Im Schauspiel wird es, ähnlich wie im Musiktheater, große Klassiker und "spezielle" Projekte geben - thematisch breit aufgestellt. Inhaltlich wird es ein deutlich politischer Spielplan werden mit stadtgesellschaftlichen Themen und größeren Zusammenhängen. Meine eigenen Wurzeln sind im Schauspiel, dazu habe ich eine große Affinität, deshalb ist es mir auch wichtig, ein großes festes Ensemble mit starken Persönlichkeiten hier in Augsburg zu haben.


Das Interview führte Iris Steiner
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