Einsatz hinter Gittern

Der Aufenthalt in der JVA Gablingen gehört zum Alltag der Suchtberater. Das Gefühl, den ganzen Tag hinter Gittern zu verbringen, kann manchmal beklemmend sein. (Foto: Siegfried P. Rupprecht)

Die Externe Drogenberatung der Drogenhilfe Schwaben unterstützt Inhaftierte in den Gefängnissen Kaisheim, Augsburg und Gablingen, die sich eine Grundlage für ein drogenfreies Leben in Freiheit schaffen wollen. Dieser Job ist für die Berater nicht immer leicht.

„Man muss in unserem Job auch Bock haben auf kriminelle Geschichten“, sagt Birgit Wieser. Die Pädagogin sitzt gemeinsam mit ihren vier Kollegen in einem kleinen aber hellen Büro in der Jesuitengasse, in dem sich das Team donnerstags zum Gespräch trifft. Bei entspannter Stimmung wird über Organisatorisches gesprochen, aber auch über Dinge, die nicht unbedingt für zartbesaitete Gemüter geeignet sind. Über die Erlebnisse der jeweiligen Woche, wenn der Arbeitsalltag die fünf Pädagogen nicht zum gemütlichen kollegialen Austausch, sondern hinter Gitter führt, zur Drogenberatung in der Justizvollzugsanstalt (JVA).
Wer im Gefängnis sitzt und eine Straftat aufgrund einer Drogenabhängigkeit begangen hat, soll die Möglichkeit bekommen, sich schon während der Haft die Basis für ein drogenfreies Leben zu schaffen. Das hat der Gesetzgeber im Betäubungsmittelgesetz festgelegt. Voraussetzung ist, dass die Haftstrafe unter zwei Jahren liegt oder eine Reststrafe von unter zwei Jahren aussteht. Dann kann ein Inhaftierter seine Strafe statt in der JVA in einer Therapieeinrichtung verbüßen.
Gefangene, die eine solche Behandlung aufgrund einer Abhängigkeit von illegalen Betäubungsmitteln wollen, müssen dieses Angebot aus eigenem Antrieb wahrnehmen. In den JVAen Kaisheim, Augsburg und seit kurzem Gablingen können sich die Inhaftierten mithilfe eines Antrags an die externe Suchtberatung der Drogenhilfe Schwaben wenden. Dann kommt es zum Gespräch mit einem der Suchtberater.
„Wir treffen keine Entscheidung, aber wir vermitteln“, beschreibt Sozialpädagogin Sonja von Klipstein die Arbeit der Externen Drogenberatung. Denn bei der Vermittlung in eine Therapieeinrichtung sei eine breite Vernetzung wichtig. Entscheidend sind hierbei vor allem das Gericht, die Staatsanwaltschaft und der Kostenträger. Die Kooperation mit diesen entscheidenden Stellen sei aber sehr gut, sind sich die Berater einig, ebenso wie die Zusammenarbeit mit den zuständigen Gefängnissen.
Zusätzlich zur Therapievermittlung ist die Aufarbeitung der Suchtvergangenheit der Inhaftierten ein wichtiger Aspekt der Gespräche. Von Gewalt in der Kindheit über Geschichten aus der Haft bis hin zu Zukunftsvorstellungen - was hier zur Sprache kommt, ist von Klient zu Klient verschieden. "Wir hören so viele Geschichten, wir könnten damit ganze Bücher füllen", erklärt Pädagogin Anicèe Bernhardt. Konkrete Beispiele wollen die Berater aber nicht nennen, zum Schutz ihrer Klienten. „Wichtig ist, dass wir nicht werten. Wir nehmen eine akzeptierende Grundhaltung ein und bieten unsere Hilfe an“, sagt Teamleiter Michael Abold.
Neben ihrer Funktion als Seelentröster, Zuhörer und Vermittler unterziehen die Suchtberater die Inhaftierten auch einer Motivationsprüfung. „Wir müssen uns ein Bild davon machen, ob die Klienten wirklich motiviert sind, eine Therapie zu machen oder nur aus dem Gefängnis raus wollen“, erklärt von Klipstein.
In der JVA Kaisheim hat das Team im vergangenen Jahr 1548 Beratungen mit 234 Klienten durchgeführt, in Augsburg waren es 500 Beratungen mit 78 Inhaftierten. Während sich in Kaisheim hauptsächlich Strafgefangene im Regelvollzug befinden, sitzen in Augsburg Untersuchungshäftlinge ein. „Wenn jemand zum ersten Mal in Haft ist, kommt er oft auch zum ersten Mal dazu, wirklich in Ruhe nachzudenken.“ Das seien wichtige Momente, „wenn die Inhaftierten dann erkennen, was sie eigentlich gemacht haben, und das als Chance wahrnehmen“, beschreibt von Klipstein.
Aber nicht immer gelingt es den Klienten, auf Dauer ein drogenfreies Leben zu führen. „Sucht ist chronisch“, sagt Wieser. „Und Erfolg ist individuell." Für den einen bedeute er, „safer use" zu praktizieren, also Regeln für einen weniger riskaneten Umgang mit Drogen zu lernen. Für den anderen sei ein wichtiger Schritt, einfach zu lernen, wie er weiterleben wolle. Manchen gelinge es auch, clean zu bleiben. „Den Süchtigen gibt es nicht, deshalb kann man auch nicht pauschal sagen, was ein Erfolg ist", erklärt Bernhardt.
Die Arbeit mit Häftlingen und die Auseinandersetzung mit schwierigen Themen gehören zum Arbeitsalltag der Pädagogen. Ebenso wie der tägliche Aufenthalt im Gefängnis. „Es ist gefühlsmäßig schon komisch, sich den ganzen Tag hinter Gittern aufzuhalten. Auch wenn wir abends wieder gehen können“, findet Wieser. „Das macht schon was mit einem.“
Für die jungen Frauen kommt hinzu, dass sie oft mit männlichen Häftlingen allein sind. „Die Männer sind überwiegend sehr nett zu uns und werden eigentlich nicht aggressiv. Aber am Anfang muss man schon klar stellen, dass man eigentlich nicht als Frau, sondern eher als große Schwester da ist“, schmunzelt von Klipstein. Vor allem in Kaisheim, wo die Männer sich frei bewegen können und manchmal in Gruppen unterwegs sind. Zur Sicherheit sind die Berater innerhalb der Gefängnismauern immer mit einem Handy mit Notfallknopf ausgestattet. Zum Einsatz im Ernstfall kam das Gerät bislang zum Glück nicht. Auch wenn fast jeder früher oder später den Alarm mal aus Versehen ausgelöst hat. Für die Frauen ist es beruhigend zu wissen, dass im Fall des Falles sofort rund zehn Beamte zur Stelle wären.
Nicht nur in den Gefängnissen hat das Team mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Auch Vorurteile von Außen kommen immer wieder vor. „Manche Menschen denken, die Gefangenen würden sich ein schönes Leben in den Rehabilitationseinrichtungen machen“, erklärt von Klipstein. „Und dass der Steuerzahler für diese Extraleistung aufkommen müsse.“ Aber: „Ein Tag in Therapie ist so teuer wie ein Tag in Haft.“
Die Gespräche mit den Kollegen machen es den Beratern leichter, mit all den schwierigen Situationen in ihrem Job umzugehen. „Das Team ist sehr wichtig. Ohne den gegenseitigen Austausch – das wäre schrecklich“, sagt Wieser. Deshalb sind sie auch ein wichtiger Teil der Arbeitswoche, die entspannten Donnerstagvormittage.

Kristin Deibl
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