Entscheidungen am Krankenbett

In medizin-ethischen Fragen gute beraten: Ärzten und Pflegepersonal des Klinikums Augsburg steht das Klinische Ethikkomitee in Krisensituationen zur Seite. Foto: Anastasia Trifanova

Leben oder sterben, retten oder gehen lassen - es sind die schwierigsten Entscheidungen, vor die ein Mensch gestellt werden kann. Für die Ärzte und Pfleger am Klinikum Augsburg gehören sie zum Alltag. Unterstützung in besonders schweren Fällen erhalten sie vom Klinischen Ethikkomitee (KEK), das vermittelt, berät und Empfehlungen gibt.

Sie haben schon alles gesehen, und doch kommen sie manchmal an ihre Grenzen. Einer Ärztin der II. Klinik für Kinder und Jugendliche erging es im vergangenen Jahr so: Sie wandte sich an das Klinische Ethikkomitee des Klinikum Augsburg mit der Bitte um eine ethische Fallbesprechung. Was war passiert? Ein kleines Mädchen wurde in einen Autounfall verwickelt und trug schwerste irreversible Verletzungen davon. Es konnte nicht mehr selbstständig schlucken und atmen. Es war abzusehen, dass es nie wieder die Fähigkeit zu eigenständiger Nahrungsaufnahme, Kommunikation und Bewegung erlangen würde. Der Hirnstamm war so schwer geschädigt, dass das Leben des Kleinkindes für immer von Maschinen abhängig wäre. Die Ärztin schaltete das Klinische Ethikkomitee ein. Das KEK berät in solchen Fällen das medizinische Team und bietet eine Empfehlung zum weiteren Vorgehen an.

Professor Michael Frühwald, Chefarzt der I. Klinik für Kinder und Jugendliche und Sprecher des KEK, weiß um Fluch und Segen der modernen Medizin. Weil immer bessere medizinische Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, gibt es auch immer mehr dieser Grenzfälle. "Das stellt alle Klinik-Mitarbeiter zunehmend vor ethische Fragen, die ohne intensive Beratung häufig nicht eindeutig zu beantworten sind", sagt Frühwald.

Das KEK wurde 2013 gegründet und setzt sich aus rund 25 Mitarbeitern aus allen Bereichen der Medizin, der Pflege, der Administration sowie der Klinikseelsorge am Klinikum Augsburg zusammen. Die Mitglieder werden vom Vorstand des Klinikums für drei Jahre berufen und agieren unabhängig.

Die Aufgaben des KEK sind dabei vielfältig: An erster Stelle steht die moderierte klinische Ethikberatung in Krisensituationen. 2014 bearbeitete das KEK fünf Fälle, heuer waren es bislang zwei. "Wir wollen im Schnitt auf zehn Fälle pro Jahr kommen", erklärt die KEK-Geschäftsführerin Renate Linné. Zudem entwickelt das KEK Leitlinien zu ethischen Fragestellungen, etwa zur Therapiebegrenzung bei Erwachsenen, zu Fragen der Ökonomie im Krankenhaus oder zum Umgang mit Ernährungssonden bei Demenzkranken, bietet Weiterbildungen zu ethischen Themen für Mitarbeiter an und will nicht zuletzt die Öffentlichkeit für komplexe ethische Fragestellungen im Klinikalltag sensibilisieren.

Auch zum derzeit diskutierten ärztlich unterstützen Suizid hat sich das KEK geäußert. In seiner Stellungnahme distanziert es sich von diesem Gedanken. "Wir wollen dem Patienten Hilfe und Begleitung beim Sterben geben, aber kein Hilfe zum Suizid. Das lässt sich nicht mit dem ärztlichen Auftrag vereinbaren", ist Frühwald überzeugt. Gleichwohl gibt er zu, dass diese Position auch in der KEK umstritten ist. Deshalb habe man auf eine Empfehlung verzichtet und sich im Komitee auf eine Stellungnahme geeinigt.

Besonders häufig betroffen von ethischen Fragestellung ist die Notaufnahme. Deren Chef, Dr. Markus Wehler, schätzt, dass von den 250 Fällen täglich zwischen fünf und zehn Fälle die behandelnden Ärzte und Pfleger an ethische Grenzen führen. "Das passiert natürlich nicht montags um 8.30 Uhr. Und es gibt auch keine Zeit, um auf eine Empfehlung des KEK zu warten", beschreibt Wehler. Junge Ärzte seien da manchmal überfordert. "So was lernt man nicht im Medizinstudium, so was lernt man nur am Patientenbett." Genau das soll aber vermittelt werden an der künftigen Universitätsklinik in Augsburg. Erfahrene Ärzte sollen als Tutor die jüngeren am Patientenbett begleiten, wenn es in Krisensituationen um Entscheidungen zwischen Leben und Tod geht. Man dürfe nicht vergessen: "Hinter jedem Fall steht ein Mensch", erinnert Professor Frühwald.

von Markus Hoeck
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