Fachkongress in Augsburg: Netzwerk Leichte Sprache unterstützt Menschen mit Lernschwierigkeiten

Gemeinsam für leichte Sprache: Stephanie Schuchmann, Vorstand im Netzwerk Leichte Sprache, Josef Ströbel, Vorstand des Vereins „Mensch zuerst“, Anja Seidel von der Universität Leipzig, Gabriele Zehe, Bärbel Mickler, beide Vorstand im Netzwerk Leichte Sprache, Verena Bentele, Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung, Franz Minnerrath von der Caritas und Christine Borucker, Vorstand im Netzwerk Leichte Sprache, setzen sich für Menschen mit Lernschwierigkeiten ein.
Sie habe sich schon einmal den Magen auspumpen lassen müssen, weil sie den Beipackzettel eines Medikaments nicht richtig verstanden habe, erzählt Gabriele Zehe. Sie ist im Vorstand des Netzwerks Leichte Sprache, das sich dafür einsetzt, für Menschen mit Lernschwierigkeiten sprachliche Barrieren abzubauen. Viele Mitglieder des Netzwerkes kamen nun aus ganz Deutschland, aber auch aus Österreich, Luxemburg, Norditalien und der Schweiz in Augsburg zum alljährlichen Fachkongress zusammen.
Gebrauchsanleitungen, Speisekarten oder auch das Wahlprogramm einzelner Parteien – für Menschen mit Lernschwierigkeiten sind diese alltäglichen Dinge oft unverständlich. Das Netzwerk Leichte Sprache, das es seit 2013 gibt, will da Abhilfe schaffen. Es wolle Schwierigkeiten in Sprache und Kommunikation bewusst machen, Barrieren abbauen und Menschen mit Lernschwierigkeiten einen Zugang zu Bildung und Wissen ermöglichen und ihnen helfen, besser an der Gesellschaft teilzuhaben, erklärt Christine Borucker. Sie sitzt ebenfalls im Vorstand des Netzwerks und leitet außerdem das Fachzentrum für leichte Sprache in Augsburg.
Das Netzwerk, wie auch sein Vorstand, setzt sich zusammen aus Übersetzern und Prüfern. Übersetzer sind Menschen ohne Lernbehinderungen, die Texte in leichte Sprache übertragen. Anschließend werden diese von Prüfern, Menschen mit Lernschwierigkeiten, auf ihre Verständlichkeit geprüft. Die leichte Sprache funktioniert nach festen Regeln. Fremdwörter oder Anglizismen beispielsweise werden vermieden oder erklärt, die Sätze sind nicht zu lang oder verschachtelt. Für die Zukunft möchte das Netzwerk, zu dem rund 100 Mitglieder gehören, erreichen, dass Prüfer leichter Sprache als bezahlte Tätigkeit anerkannt wird. Sie könnten bei Ämtern und Behörden aber auch in Firmen eingestellt werden.
Dafür setzt sich auf Bundesebene auch Verena Bentele ein, die Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung. Sie ist ebenfalls Gast auf dem Fachkongress in Augsburg, der übrigens komplett in leichter Sprache abgehalten wird. Durch die Reform des Behindertengleichstellungsgesetzes müsse es Bescheide von Behörden und Ämtern ab 2018 auch in leichter Sprache geben, berichtet sie. Das sei ein wichtiger Schritt.
Doch im privaten Bereich fehle die Barrierefreiheit oft noch. Denn da greife das Allgemeine Gleichstellungsgesetz. Dass auch dieses reformiert wird, dafür will sich Bentele, die selbst blind ist, stark machen. Und noch ein weiteres Anliegen hat sie: Menschen mit Behinderung, denen ein rechtlicher Betreuer zur Seite gestellt wurde, haben bisher kein Wahlrecht. „Auch da brauchen wir eine Reform“, fordert die Behindertenbeauftragte. „Dazu gehört aber, dass Politiker das, wofür sie sich einsetzen, auch in leichter Sprache kommunizieren.“
Ein wichtiger Einsatzort für leichte Sprache ist neben der Politik auch das Arbeitsleben. Damit beschäftigt sich ein Forschungsprojekt der Uni Leipzig. Unter dem Titel „LEISA – Leichte Sprache im Arbeitsleben“ wurde das Projekt gemeinsam mit Menschen mit Lernschwierigkeiten entwickelt. Bislang seien eine Online-Befragung und Arbeitsplatzbeobachtungen durchgeführt worden, berichtet Anja Seidel von der Uni Leipzig.

Von Kristin Deibl
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.