Flüchtlinge: Jung, fremd und allein

Minderjährige Flüchtlinge in Augsburg. In einer Gemeinschaftsunterkunft, wie hier an der Calmbergstraße in Augsburg, landen unbegleitete jugendliche Flüchtlinge in der Regel selten. Sie leben in Einzelzimmern in Wohngruppen, in die sie je nach individuellen Bedürfnissen vermittelt werden. Foto: Libossek

Minderjährige Flüchtlinge, die alleine nach Deutschland kommen, sind für Jugendhilfeträger eine Herausforderung

Fünfmal so viele unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge als angenommen spülte es voriges Jahr in Bayern an. Ihre Zahl wird sich heuer wohl noch einmal verdoppeln. Ihre speziellen Fälle stellen die zuständigen Jugendhilfeträger in Augsburg vor eine immense Herausforderung.

Sie sind unter den vielen Flüchtlingen eine besondere Gruppe: unbegleitete Minderjährige, kurz uM. Voriges Jahr war damit gerechnet worden, dass 600 von ihnen in Bayern aufschlagen. Am Ende kamen fast 3000. 435 von ihnen muss Schwaben unterbringen. Das sagt die Durchführungsverordnung Asyl. Um die jungen Menschen kümmern sich die örtlichen Jugendhilfeträger. Der Aufwand ist enorm. "Es ist ein hoher Zeit- und Bearbeitungsdruck", sagt Sabine Nölke-Schaufler, Leiterin des Amts für Kinder, Jugend und Familie in Augsburg.

Das liegt natürlich zum einen an der Anzahl, "die in Salamitaktik erweitert wird", beklagt Nölke-Schaufler. Sie erwartet, dass bis Ende diesen Jahres bis zu 6000 junge Flüchtlinge in Bayern weilen werden. Zum anderen stünden behördliche Hürden im Weg. Jugendhilfe und Asyl überschneiden sich etwa in ihren Zuständigkeiten, hinzu kommen unter anderem Abstimmungsprobleme zwischen den verschiedenen Regierungsebenen. Und natürlich die vielen Vorschriften. Haben die jungen Flüchtlinge beispielsweise nicht binnen drei Tagen einen Vormund, trägt die Regierung von Schwaben die Kosten nicht.

Hinzu kommen die klassischen Faktoren wie Sprachschwierigkeiten, kulturelle Unterschiede oder negative Erfahrungen der Jugendlichen mit staatlichen Einrichtungen. "Die Stellen sind überlastet", sagt Nölke-Schaufler. Deshalb wurden dem Team nun sieben weitere Mitarbeiter zugesprochen.

Sie werden Teil eines Netzes, das die 70 Jugendlichen, die Augsburg aufnehmen muss, auffängt. Zunächst landen die unbegleiteten jungen Menschen in zentralen Inobhutnahmen. Acht Wochen verbringen sie in der Regel in diesen Wohngemeinschaften, von denen in Augsburg drei existieren und 47 Plätze bieten. Drei weitere Inobhutnahmen sollen noch entstehen.

In diesen Unterkünften wird ein sogenannter Clearingbericht über die Jugendlichen erstellt. Der ist entscheidend für die Anschlussunterbringung, in die sie vermittelt werden: Brauchen sie überhaupt Jugendhilfe, reicht eine normale Jugendgruppe oder benötigen sie gar eine therapeutische Betreuung? Eine Einrichtung letzterer Art gibt es nur einmal - nämlich sieben Plätze im Frère-Roger-Kinderzentrum - unter den acht Anschlussunterkünften in der Fuggerstadt, die insgesamt Platz für 65 Jugendliche haben.

Alle diese Einrichtungen sowie die Inobhutnahmen werden von freien Trägern geführt. Ihre Mitarbeiter sind nicht extra ausgebildet: "Das läuft learning by doing", sagt Nölke-Schaufler. Ohnehin könne man den Jugendlichen in den Inobhutnahmen nur "lebensnahe Punkte" beibringen: Streifenkarte, Straßenverkehr, Organisation - viel mehr ist in acht Wochen nicht drin.

Dafür melden sich jede Menge Freiwillige, betont Sozialreferent Stefan Kiefer. Entscheidend sei jedoch, dass sich die Jugendlichen auf die Helfer, die im Freiwilligenzentrum geschult werden, einlassen. Und dass die Ehrenamtlichen koordiniert werden - auch das sei oft schwierig für die Träger, erklärt Kiefer.

Der Sozialreferent stellt sich gar die Frage, "wie lange die Jugendhilfe dem Ansturm noch aufnehmen kann und das Niveau bei dem Tempo halten kann." Wichtig sei daher, die jungen Flüchtlinge eine gewisse Selbstständigkeit entwickeln zu lassen. Gerade in den Anschlussunterkünften.

Eine Vermittlung dorthin "klappt in der Regel", sagt Nölke-Schaufler. Wenn nicht, landen Asylbewerber, die noch im laufenden Verfahren sind, in einer Gemeinschaftsunterkunft. Sind sie auch das nicht, "greifen Hartz IV und, und, und". Was mit den jungen Menschen nach ihrer Volljährigkeit passiert? "Sie erhalten ab dem 18. Lebensjahr eine Duldung, bleiben dann bis sie 19, 20 sind hier", erklärt Nölke-Schaufler. Und dann? "Da kann ich nichts zu sagen."
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