Früherer Chefarzt erhebt schwere Vorwürfe gegen Klinikum

"Es wird gerudert wie bei Ertrinkenden": Das Klinikum ist laut dem früheren Chefarzt völlig überlastet. Foto: Archiv
 
Prangert die Zustände im Klinikum an: Rolf Harzmann. Foto: David Libossek

Ein ehemaliger Chefarzt des Augsburger Klinikums kritisiert den "Sparkurs des Krankenhauses auf Kosten des Personals und der Patienten". Er spricht von Unterbesetzung, internen Querelen und der zwischenzeitlichen Abmeldung der Notaufnahme von der Leitstelle. Patienten seien gefährdet. Sein früherer Arbeitgeber reagiert.

Rolf Harzmann blickt auf einige DIN-A 4-Seiten in seinen Händen. Es ist eine Überlastungsanzeige. Diese bezieht sich auf Tage in den vergangenen drei Monaten. Tage, an denen die Zustände im Klinikum Augsburg zu einer "Gefährdung von Patienten" wurden. So formulierten es die 16 Oberärzte, die das Dokument unterschrieben haben. Harzmann liest nun vor.

Die Ärzte monieren in dem Schreiben an die Klinikverwaltung den Personalmangel und fehlende Arbeitsmittel. Sie schildern, dass Betten auf der Intensivstation sowie der Inneren Medizin nicht belegt werden können, weil es für weitere Patienten zu wenig Pfleger gebe. Und sie berichten vom 24. und 25. Februar, als sich die Notaufnahme von der Leitstelle abmelden musste, weil sie schlicht keine weiteren Menschen mehr behandeln hätte können.

Harzmann kann nicht tatenlos zusehen. Der Mann, der stets ein passendes Zitat von Brecht, Luther oder aus Goethes Faust parat hat, muss eingreifen. 22 Jahre lang war der Mediziner am Klinikum tätig, vier Jahre lang ärztlicher Direktor. Jetzt sucht er die Öffentlichkeit. Weil ihm das Klinikum am Herzen liege, sagt er, und weil er gegenüber den Patienten sowie den Schwestern und Pflegern eine Verantwortung spüre.

Die stünden in den Interessen des Klinikums nämlich momentan keinesfalls an erster Stelle - sondern das Geld. Der Sparkurs und das bedingungslose Anstreben der Schwarzen Null - also einer ausgeglichenen Bilanz - führten zur Überlastung. Mehr und möglichst aufwändigere Fälle bei gleichem oder weniger Personal; diese Arbeitsverdichtung sei nicht zumutbar - und auch gefährlich.

"Daraus resultieren Unfreundlichkeit, die sich auf die Genesung der Patienten auswirkt. Die Burnout-Rate steigt, was zu noch weniger Personal führt und dann passieren Fehler", führt Harzmann aus und bringt sein Ansinnen auf den Punkt: "Es geht darum, Schlimmeres zu verhindern."

Etwa den Ausbruch einer Infektionskrankheit. Der sei laut den Oberärzten angesichts der derzeitigen Zustände nur eine Frage der Zeit. Zustände wie etwa der Platzmangel, der etwa meterlange Sauerstoffschläuche nötig mache, um Betten zu erreichen, die auf dem Gang stehen.

Einen solchen Schlauch habe er noch nicht gesehen, sagt der Vorstandsvorsitzende des Klinikums, Alexander Schmidtke. Dass der Sparkurs mit den Problemen der Klinik etwas zu tun hätte, streitet er ab. Man habe sogar 1,5 Millionen Euro in die Hand genommen, um 25 Pflege- und zehn Wirtschaftsversorgungsstellen, also Küchen-, Handwerks- oder Desinfektionspersonal, zu schaffen. Sogar zwei Nachtschwestern gebe es nach Kritik von der Gewerkschaft Verdi nun pro Station.

4,5 Millionen Euro habe das Klinikum 2014 an Defizit erwirtschaftet, sagt er. Auch deshalb sei "nicht wahr, dass es nur um die schwarze Null geht. Dieser Generalverdacht ärgert mich." Die Notaufnahme, mit 57 Ärzten und 72 Pflegekräften die zweitgrößte Deutschlands, habe sich etwa abmelden müssen, weil die Intensivstationen voll waren - unter anderem, weil Augsburg Patienten aus München aufnehmen muss, wenn dort alle Intensiv-Betten belegt sind. Auch suchten zahlreiche weniger stark erkrankte Patienten die Notaufnahme auf, "die ihren Symptomen nach da gar nicht hingehören".

Eine erhöhte Infektionsgefahr entstehe ebenfalls nicht wegen der Schwarze-Null-Manie, sondern wegen der offenen Grenzen. So müssten sich etwa wegen MRSA-Verdachts immer mehr Menschen aus anderen Ländern einem Screening unterziehen. Und das fordere wiederum Kapazitäten.

Zurück zu Rolf Harzmann. Der sieht als weitere Bedrohung die umfangreiche Sanierung. Dass diese bei laufendem Betrieb umgesetzt wird, hält er für untragbar. "Sollte sie bis 2018 nicht abgeschlossen sein, zieht die Intensivstation interimsweise in Container um", sagt er. Grund sei, man wolle die für dieses Jahr anberaumte Wandlung in eine Uniklinik nicht zu gefährden.

Die Intensivstation ist die hygienisch komplexeste Abteilung des Klinikums. Einzelzimmer und totale Sterilität sind hier unabdingbar. Das setze man auf's Spiel, mahnt Harzmann, denn in den Containern, in denen Hygiene ohnehin schwer umsetzbar sei, sollen Patienten gar in Doppelzimmern untergebracht werden. Das Problem des Konzepts: "Laien hören hier auf Pseudokenner", kritisiert Harzmann die Planer und auch OB Kurt Gribl, der im Aufsichtsrat des kommunalen Unternehmens sitzt.

"Das Fachpersonal wird vor dem Abschluss nicht in die Planung eingebunden", moniert Harzmann. Fatal, denn hier liege die entscheidende Kompetenz. Ein Zeichen des mangelnden respektvollen Umgangs mit Leistungserbringern, den Harzmann dem Klinikum attestiert. Er spricht gar von Einschüchterung. Und von Einseifen. Etwa mit einem Schreiben, in dem das Klinikum den Patienten versicherte, dass es nur um ihr Wohl besorgt sei. Ärzte und Pflegekräfte hätten sich gar geweigert, den Schrieb zu unterzeichnen.

Einen guten Dialog mit dem Personal sehe hingegen Schmidtke. "Ich wüsste nicht, wer da wen einschüchtert", sagt er. Er sei ob der "emotionalisierten Debatte gelassen", sogar "dankbar, dass sich jemand mit unseren Problemen beschäftigt". Reinreden lassen will er sich aber nicht: "Wir sind Profis im Vorstand", versichert er. Rolf Harzmann wird wohl so bald nicht damit aufhören, eben das zu hinterfragen.
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