Fünf Zeitzonen unter einem Dach: Im Förderwerk St. Elisabeth leben junge Flüchtlinge

Die Uhren in der Wohngruppe des Förderwerks St. Elisabeth zeigen neben der Augsburger Zeit auch die Uhrzeiten aus den Herkunftsländern der Jugendlichen (Foto: KJF/ Kathrin Ruf)

Augsburg - Fünf Uhren nebeneinander, die mittlere zeigt die Uhrzeit Augsburgs, die anderen die Uhrzeiten in Teheran, Asmera, Damaskus und Kabul. Die Zeitmesser hängen an der Wand der Wohngruppe des Förderwerks St. Elisabeth im Augsburger Univiertel. Aus dem Iran, Eritrea, Syrien und Afghanistan kommen die jungen Männer, die in der Einrichtung vorübergehend ein Zuhause gefunden haben.

"Es ist ein unsägliches Leid für sie, dass sie von ihren Familien getrennt sind", berichtet Anja Hindermayr, die den Bereich Wohnen im Förderwerk St. Elisabeth leitet. Im Amtsdeutsch heißen die jungen Menschen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, kurz UmF. Im Auftrag des Jugendamtes kümmert sich das Förderwerk St. Elisabeth, das zur Katholischen Jugendfürsorge (KJF) Augsburg gehört, jetzt um zwölf Jugendliche. Auch in anderen Einrichtungen der KJF werden minderjährige Flüchtlinge betreut, insgesamt im Moment knapp 200.

Einer von ihnen ist der 17-jährige Amir (Name geändert) aus Afghanistan, der jetzt im Förderwerk St. Elisabeth lebt. Er ist motiviert, schnell Deutsch zu lernen. "Am liebsten würde er acht Stunden am Tag lernen", berichtet Hindermayr. Der Deutschkurs, den er im Moment besuchen kann, geht aber nur 20 Stunden die Woche.

"Draußen komme ich ohne Deutsch nicht zurecht", sagt Amir in gebrochenem, aber verständlichen Deutsch. Er würde sehr gerne eine Schreinerlehre in Deutschland machen. Andere der jungen Flüchtlinge gehen in sogenannte Übergangsklassen in Augsburger Schulen. Ein Deutschlehrer kommt regelmäßig in die Wohngruppe, um mit den Jugendlichen zu lernen.

Darüber hinaus stehen unzählige Arzt- und Behördentermine an, zu denen die Mitarbeiter die jungen Flüchtlinge begleiten. In der Wohngruppe gibt es außerdem ein hauswirtschaftliches Training. Rund um die Uhr sind die Mitarbeiter der Gruppe für die jungen Flüchtlinge da.

Alle haben sie schlimme Erfahrungen hinter sich, die meisten zeigen Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung. Einer wird bereits in der Traumaambulanz des Josefinum betreut. Bei den anderen steht zunächst das Ankommen in der Wohngruppe im Vordergrund. "Die Voraussetzung für eine Therapie ist ein sicherer Ort", so Hindermayr. Daher müssten sie jetzt erst zu ihren Betreuern sichere Bindungen aufbauen. Trotzdem seien es auch ganz normale Jugendliche, die in der Pubertät sind, ihre Grenzen austesten, sich in der Gruppe behaupten müssen. Auch die unterschiedlichen Nationalitäten müssten zusammenfinden.

Ganz gut klappt das zum Beispiel schon am Mittwochabend. Da haben die Mitarbeiter Teamsitzung und die Jugendlichen kochen dann gemeinsam ohne Aufsicht. "Jeder möchte etwas Typisches aus seiner Heimat zum Abendessen beisteuern", berichtet Carolin Faßnacht, die Diplom- und Trauma-Pädagogin der Wohngruppe. Die genauen Fluchterlebnisse sind für die Mitarbeiter erst einmal zweitrangig.

Die jungen Flüchtlinge werden ganz bewusst nicht gezielt danach gefragt. Nur wenn sie von sich aus erzählen, hören die Pädagogen sensibel zu. Denn schnell können die traumatischen Erlebnisse sonst wieder wachgerufen, eine sogenannte Rückführung in das Trauma ausgelöst werden.

Dann reagieren die Jugendlichen für Außenstehende unerklärlich, wirken wie der Wirklichkeit entrückt. "Unsere Aufgabe ist es vielmehr, herauszufinden, wie jeder Einzelne von ihnen tickt und sie dann auf schwierige Situationen so vorzubereiten, dass sie sich selbst regulieren können", so Hindermayr und gibt ein konkretes Beispiel: "Hunger und Essen sind ein sehr sensibles Thema, denn jeder der zwölf hat Hunger auf seiner Flucht erlebt." Daher könne bereits ein nicht ganz prall gefüllter Kühlschrank Panik auslösen. Darum weisen die Mitarbeiter darauf hin, wenn zum Beispiel Joghurt oder Bananen zur Neige gehen: "Hast du gesehen, dass nur noch drei Bananen da sind? Wenn du noch eine möchtest, solltest du dir jetzt eine nehmen oder später einkaufen gehen."

Jeder der Jugendlichen hat einen Vormund. Regelmäßig kommen diese sowie Dolmetscher zu Besuch. Denn gerade bei den rechtlichen Dingen des Asylantrags müssten die Mitarbeiter der Wohngruppe sicher sein, dass die jungen Flüchtlinge sie auch verstanden haben, erklärt Faßnacht. Aber auch viele bürokratische Fragen müssten mit den jungen Männern immer wieder besprochen werden. Dazu gehören beispielsweise: Darf ich bleiben? Oder: Warum habe ich keinen Ausweis, warum hat aber ein anderer Junge der Wohngruppe einen? Die rechtlichen Dinge seien für sie alle undurchsichtig und dadurch angsteinflößend.

Ein Ziel haben sie alle: Schnell Deutsch lernen und dann einen Beruf erlernen. Und auch die Mitarbeiter der Wohngruppe lernen von ihren Flüchtlingen, wie Faßnacht berichtet, zum Beispiel ein paar Worte Arabisch. "Schnell, schnell" heißt etwa "yalla, yalla" und wird oft gebraucht. Zum Beispiel jetzt, als einer der Flüchtlinge los muss, zu einem Zahnarzttermin. (
Von Kathrin Ruf)
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