Großes Herz für kleine Tiere

Der Rasse-Kleintierzuchtverein feiert sein 100-jähriges Bestehen. Damals traten vor allem Fabrikarbeiter ein, um sich mit der Zucht ein Zubrot zu verdienen.

1913 ist das letzte friedliche Jahr vor dem Ersten Weltkrieg. Danach überziehen Angst und Schrecken Europa. In Gersthofen haben im August 1913 Kaninchenzüchter, die sich von ihrem Verein "Augusta Augsburg" getrennt hatten, viel Skepsis, ob sie mit ihrer Vereinsgründung in einem fast reinen Bauerndorf Interesse für die Kleintierzucht wecken können. Doch die Hoffung siegt. Die junge Pflanze, so ist in der Chronik nachzulesen, sei über Erwarten gut gediehen. Jetzt feiert der Rasse-Kleintierzuchtverein sein 100-jähriges Bestehen. Dazu gehen am Samstag und Sonntag, 24. und 25. August, auf der Vereinsanlage an der Siedlerstraße 6 ein Gartenfest und eine Jungtierschau über die Bühne.

Zwei Aspekte waren für das Aufleben des neuen Vereins ausschlaggebend. Zum einen kultivierten die Züchter zur Futtergrundlage die großen Ödlandflächen östlich der Ludwig-Hermann-Straße und das Augelände über dem Lech, zum anderen suchten die Arbeiter der „Lech-Chemie“ nach ihrer Tätigkeit in den Fabrikhallen einen Ausgleich. Viele von ihnen waren aber auch aus Existenznöten darauf angewiesen, ein Zubrot zu suchen. Und das fanden sie in der Kleintierzucht.

1919 stießen zu den Kaninchenzüchtern die Ziegenzüchter. Sie waren es, die dem neuen Verein in der breiten Öffentlichkeit ein Image verliehen. Vereinslokal war bis zum Bau des Vereinsheims das Gasthaus „Zum lenkbaren Luftschiff“. Als erster Vorsitzender fungierte Johann Christ.

Die Kriegs- und Nachkriegsjahre bescherten dem Verein einen großen Mitgliederzustrom. Die Vereinsleitung sei außerstande gewesen, alle Interessenten mit Grundstücken zu versorgen, so die Chronik. Doch nicht die Liebe zu den Kleintieren trieb die Aufmerksamkeit in die Höhe, vielmehr Hunger, Not und Bedürftigkeit. Dies belegte die Feststellung, dass viele Vereinsmitglieder ihrem „Nothelfer“ Kleintier den Rücken kehrten, als sich die Lebensbedingungen wieder normalisiert hatten.

Ein Blick in die Chronik zeigt: Im Jahr 1944 wurden rund 1 000 Kaninchen gezüchtet sowie 720 Felle und 54 Kilogramm Angorawolle abgeliefert. Knapp über 100 Ziegen standen unter Milchkontrolle.

Mit dem Einsetzen des Wirtschaftswachstums in den 1950er-Jahren liebäugelte der Verein mit einer eigenen Standarte. Diese wurde 1958 feierlich geweiht. Im gleichen Jahr wurde die Sparte Geflügel, 1959 die Jugendgruppe aus der Taufe gehoben.

Die nachfolgenden Jahre brachten dem Verein einen grundlegenden Strukturwandel. Von 1968 bis 1970 entstand an der Siedlerstraße ein schmuckes Vereinsheim. Alle damit verbundenen Kosten brachten die Mitglieder - noch immer vorwiegend Fabrikarbeiter und Handwerker - aus Spenden und mit freiwilligen Arbeitsleistungen auf. Die verwendeten Ziegelsteine wurden beispielsweise aus Bauschutt herausgeputzt. 1971fand sich eine Frauengruppe zusammen.

Im April 1978 unternahm der Verein seinen bisher mutigsten Schritt in die Zukunft. Die seit mehr als vier Jahrzehnten bestehende Zuchtanlage an der Siedlerstraße wurde beseitigt und es entstand eine neue Gemeinschaftszuchtanlage. In der Chronik heißt es dazu: „Alle Häuser und Ställe wurden in Eigenleistung erstellt, rund 10 000 Quadratmeter Gelände mit Hacke und Schaufel einplaniert und gärtnerisch gestaltet.“ Später errichteten Vereinsmitglieder neben einem Kühlhaus noch einen Gesellschaftsraum, einen Sitzungs- und Schulungsraum sowie einen Lagerraum. Noch heute sei die Anlage die Visitenkarte des Rasse-Kleintierzuchtvereins, betont Vorsitzender Alfred Weber.

Höhepunkt ist die jährlich stattfindende Kleintierschau mit Gartenfest auf dem Vereinsgelände. Und nicht zu vergessen: So ganz „nebenbei“ geben Bundesmeister und Europasieger sowie Landes- Bezirks- und Kreismeister-Auszeichnungen Zeugnis von der Arbeit, dem Können und den Leistungen der Züchter.

Gartenfest und Jungtierschau sind samstags von 14 bis 22 Uhr und sonntags von 10 bis 20 Uhr geöffnet.
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