Heimliche Helden der Sommernächte: Unterwegs mit der Augsburger Stadtreinigung

 
Die Reste der Sommernächte: Hasan, Heinz-Dieter und Reiner (von links) tragen die Müllsäcke zum Presswagen, Stefan Ganser (rechts) beobachtet die Arbeiten. Auch Faruk und Ahmed (kleines Bild links) leisten beeindruckende Arbeit im Kampf gegen die Müllmassen. Fotos: David Libossek

Die Sommernächte sind am Samstag zu Ende gegangen - und haben in der Innenstadt ihre Spuren hinterlassen. Während die meisten Augsburger noch schliefen, kümmerte sich ein Trupp der Stadtreinigung um den Müll, der Bürgersteige und Plätze säumte. Frühschicht mit den heimlichen Helden der Sommernächte. Ein dreckiger Job am Morgen danach.

Ein Tross orangefarbener Rösser bricht durch das Grau, das sich an diesem Morgen über Augsburg gelegt hat. Eines hat ein gewaltiges Maul, das nach etwas giert, das es zermalmen kann. Andere sind mit Borsten bestückt, ein weiteres speit dampfendes Wasser aus den Nüstern an seiner Flanke. Die Wesen bilden die Fahrzeug-Flotte der Augsburger Stadtreinigung. Ihre Reiter heißen Adem, Suat, Reiner, Hasan, Ahmed, Faruk, Hakan und Heinz-Dieter.

Sie schwärmen mit 13 ihrer Gefährten aus auf ein Schlachtfeld, wie es selbst diese erfahrenen Recken selten zu Gesicht bekommen: die Augsburger Innenstadt am Sonntagmorgen nach den Sommernächten. Der Feind: tonnenweise Müll.

Der Kolonne, die gerade das Depot Ost nahe des Schlachthofquartiers verlässt, folgt Stefan Ganser. Der Mann in der Lederjacke leitet die Disposition der Straßenreinigung in Augsburg. "Normalerweise", sagt er, "sind wir fertig, wenn die ersten Augsburger ihre Semmeln holen". Aber heute ist nicht normal. Als Beweis dafür genügt, dass Ganser mit rausfährt - denn das mache er nur in speziellen Fällen.


Augsburger Sommernächte bedeuten Extremfall für die Müllabfuhr

Drei kleine und eine große Kehrmaschine, ein Spritzen-, und fünf Gruppenfahrzeuge sind auch beim dritten Sommernächte-Einsatz dabei, zählt Ganser auf, während er sein Auto durch die fast leere Stadt lenkt. Auch das entspricht nicht einem Standard-Wochenende. Da sind es zwei kleine Kehrmaschinen und drei Gruppentransporter. Heute ist zudem der Presswagen dabei - besagtes Ross mit dem großen Maul. Darin wird der Müll, wie der Name es verrät, gepresst und so komprimiert.

Millionen kleiner Tröpfchen schwirren durch die neblige Luft, einige setzen sich auf Gansers Brille ab, als er am Rathausplatz aussteigt. Der gepflasterte Boden ist bedeckt von einem Teppich aus Plastikbechern, Kippen, Limettenschalen und Servietten. Die Borsten voraus frisst sich bereits eine Kehrmaschine durch den Unrat, während zwei Arbeiter mit Bambusbesen ihr stetig neue Nahrung zuschieben.

"Wir müssen sehr viel mit der Hand rauskehren", kommentiert Ganser. Schließlich sind die Aufbauten der Sommernächte im Weg. Am Nachmittag komme eine weitere Einheit, erläutert er, die wegräumt, was unter den Buden zum Vorschein kommt.

Image des Berufs "Müllmann" hat sich gebessert

Mittlerweile ist Ganser unterwegs in Richtung Maximilianstraße. Seit 18 Jahren ist er dabei, früher hat er selber an vorderster Müllbeseitigungs-Front gekämpft. Wie es sich für einen Veteranen gehört, belegt er das auf dem Weg über die mit Abfall übersäte Maxstraße und vorbei an überquellenden Mülleimern mit zahlreichen Anekdoten. Das Image des Berufs habe sich im Lauf der Jahre gebessert, findet er, zumal Stadtreiniger ein zukunftssicherer Job sei, denn: "Dreck wird es immer geben."

Derweil schließen Adem, Heinz-Dieter und ihre in Orange gehüllten Mitstreiter auf. In einem - anhand der Müllmassen - schier beeindruckenden Tempo bahnen sie sich ihren Weg durch die Partyhinterlassenschaften: Unzählige mehr oder weniger volle Becher, Döner- und andere Essensreste oder ein Strohhut, den Hasan kurzerhand auf- und nicht mehr absetzt.

Von den Sommernächten bleibt auch ein unfassbarer Gestank

Nun bestens behütet und freihändig Zigarette rauchend, leert er mit seinen Kollegen die Abfalleimer in Säcke und hievt diese in den Presswagen. Der verschlingt die Masse und drückt sie mit einer Metallplatte in seinen Schlund. Der Saft trieft an den Seiten des Lasters hinaus, der Pressvorgang schwängert die feuchte Luft mit dem Gestank nach abgestandenem Alkohol, kalter Zigarettenasche und Essensresten. "Gewürz", juchzt Hasan lauthals.

Haben sich diese Männer tatsächlich an diesen ekelerregenden Hauch gewöhnt, der direkt aus der Hölle aufzusteigen scheint? "Diejenigen, die die Biotonnen abholen, haben's oft noch schlimmer", erwidert Ganser nüchtern - und geht angenehmerweise nicht ins Detail.

Stadtreingung Augsburg: "Sehen, was wir wert sind"

Während Hakan auf dem Gehsteig vor dem Drei Mohren zwischen der Luxus-Sitzgarnitur den Müll herausfegt und das Spritzenfahrzeug Erbrochenes von der Treppe des Norma spült, ist der Tross bereits an der Ulrichskirche angelangt. Wie die Heinzelmännchen machen sie nahezu unbemerkt den Dreck der Feiernden weg. "Die Leute sollen mal sehen, was wir wert sind", sagt Suat unvermittelt. Heimliche Helden brauchen eben hin und wieder einmal Anerkennung.
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