Homophobe Zeitungsbeilage des Familienbunds Augsburg löst Empörung aus

So sah das Cover der "Familienbunt"-Beilage aus. Foto: StaZ

In einem Beitrag einer Zeitungsbeilage des Familienbunds der Katholiken im Bistum Augsburg werden „zehn Thesen gegen die Homo-Ehe“ aufgestellt. Homosexuelle in Augsburg sind empört, Politiker bezeichnen den Artikel als "homophobe Hetze". Auch die Regierung steht im Fokus: Die umstrittene Beilage war staatlich gefördert.

Eine Beilage des Familienbunds der Katholiken im Bistum Augsburg hat große Aufregung ausgelöst. Sie wurde mit der „Augsburger Allgemeinen“ und der „Allgäuer Zeitung“ verteilt. Mit verklärenden und falschen Argumenten wird in einem Beitrag Stimmung gegen die Gleichstellung der Homo-Ehe gemacht. Vor allem unter Homosexuellen, aber auch in der Politik ist man entsetzt. Besonders pikant: Das Magazin wurde vom Bayerischen Familienministerium gefördert.

„Familienbunt“ steht auf dem Cover der Beilage über einer knalligen Kinderzeichnung. Daneben stellt sich der Herausgeber, der Familienbund der Katholiken im Bistum Augsburg, vor. Er habe es sich zur Aufgabe gemacht, die christlichen Werte von Ehe und Familie in Kirche, Staat und Gesellschaft zu sichern. Zu diesem Bestreben gehört offenbar auch, die Gleichstellung der Ehe zweier homosexueller Partner zu konterkarieren.

Vergely: "Nach Gleichstellung der Homo-Ehe fällt das Inzestverbot"

Denn auf Seite sieben ist ein Artikel des französichen Theologen und Philosophen Bertrand Vergely abgedruckt. Mit „Diktatur durch Verwirrung“ ist er betitelt. „Zehn Thesen gegen die Homo-Ehe“, kündigt Vergely an. Er wolle mit seinen Ausführungen daran erinnern, was Kinder brauchen, betont der Autor. Darum sei er noch lange nicht homophob, schiebt er seinen Ausführungen vor. Dann beginnt das, was die Augsburger SPD später als "Manifest" und die Grünen als – eben doch – „homophobe Hetze“ bezeichnen werden.

Das Problem sei dabei keinesfalls, dass jemand seine Meinung gegen die Gleichstellung der Homo-Ehe äußert. Doch Vergely verwendet in seiner Aufzählung Argumente, "die radikal und bereits tausendfach wissenschaftlich widerlegt sind", kritisiert Florian Rummler vom Queer-Referat der Uni Augsburg, ein Helferkreis für homosexuelle Studenten.

So behauptet Vergely etwa, die Gleichstellung der Homo-Ehe würde zwangsläufig dazu führen, dass das Inzestverbot aufgehoben wird. Niemand würde mehr wissen, „wie er im Hinblick auf den anderen ist“, führt der Autor weiter aus. Der Familienbegriff würde absurd, die Autorität der Eltern eliminiert. „Die Familie explodiert sozusagen“, pointiert Vergely polemisch.

SPD: "Argumentation, um homophobe Ressentiments zu schüren"

Freilich hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. Dass Paragraf 1307 im Bürgerlichen Gesetzbuch – dieser erklärt Verwandtschaft in gerader Linie als Ehehindernis – durch Öffnung der Homo-Ehe fällt, sei Unsinn, schreibt etwa die SPD in einer eigens verfassten Pressemitteilung. „Diese Argumentation dient nur dazu, homophobe Ressentiments zu schüren“, kritisiert die Partei weiter und prangert auch an, dass Vergely behauptet, dass Kinder, die in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft aufwachsen, benachteiligt würden. In Regenbogenfamilien gebe es jedoch keine Hinweise auf eine schlechtere Entwicklung der Kinder, argumentieren hingegen die Befürworter der Gleichstellung.

Vergely stellt zudem die These auf, dass Homosexuelle mit der Gleichstellung der Homo-Ehe mit dem Recht auf ein Kind ausgestattet würden. Das gebe es für homosexuelle Paare genauso wenig wie für heterosexuelle Paare, entgegnet die SPD. Die Leihmutterschaft sei in Deutschland ohnehin verboten.

Queer-Referat der Uni Augsburg: Empörung ist groß

Florian Rummler kritisiert in einem von ihm verfassten Artikel Vergelys Ausführung, die suggeriere, dass „gleichgeschlechtlich Liebende nicht in der Lage seien, ein Kind als Mensch zu sehen und nicht nur als Produkt einer Dienstleistung“.

Auch aufgrund dieser Behauptung ist die Empörung im Helferkreis über die Veröffentlichung der Beilage groß, sagt Rummler in einem Telefonat. „Ich bin enttäuscht vom Bistum, dass es auf lokaler Ebene solch fundamentalistisches Gedankengut verbreitet." Das entspreche "nicht dem Geist einer Friedensstadt“. Er könne so etwas nicht dulden.

"Stellungnahme des Bistums ist heiße Luft"

Deshalb hat er bereits eine Stellungnahme der „Augsburger Allgemeinen“ eingefordert; und erhalten. Die Zeitung habe Rummler wissen lassen, sie sei nicht verantwortlich für die Inhalte von Beilagen.

Auch das Bistum hat Rummler auf dessen Anfrage eine Antwort gegeben. Heiße Luft, fasst er deren Inhalt zusammen. Das Bistum berufe sich darauf, dass der Text ein Gastbeitrag gewesen sei. „Die ziehen sich aus der Affäre“, urteilt Rummler.

Bistum Augsburg: "Keinen Einfluss auf Inhalte"

Gegenüber unserer Zeitung äußerte sich das Bistum ebenfalls. "Die inhaltliche Verantwortung für die Beilage in der Augsburger Allgemeinen liegt allein beim Familienbund, sie wurde – wie bei den Publikationen anderer Verbände auch – eigenständig und ohne irgendwelche Einflussnahme seitens des Bistums erstellt. Sie ist deshalb auch keine Veröffentlichung des Bistums Augsburg", teilt ein Sprecher mit. Weil man eine offene Diskussion nicht beeinflussen wolle, "wird es hierzu vorerst seitens des Bistums Augsburg keine Kommentierung geben".

Nur so viel: Vergelys Ausführungen stelle "der Familienbund in der Beilage zur Diskussion". Das Bistum beruft sich zudem auf den „Katechismus der Katholischen Kirche“, in dem festgehalten ist, "dass es eine Ehe nach kirchlichem Verständnis nur zwischen einem Mann und einer Frau geben kann".

Familienbund: "Meinungen auch mal 'aushalten'"

Auf den Katechismus bezieht sich auch der Familienbund, der sich am Mittwochnachmittag selbst zu seiner Beilage äußerte. Vergelys Beitrag "hat zu Irritationen geführt, die von uns weder gewollt noch beabsichtigt waren. In keinster Weise war von uns beabsichtigt, andere damit zu verletzten oder herabzusetzen. Sollte das der Fall sein, bedauern wir das sehr", heißt es in dem Schreiben.

"Diktatur durch Verwirrung" sei ein "Debattenbeitrag, eine Meinungsäußerung". Emotionale Themen wie die Homo-Ehe kann man "unseres Erachtens nur auf einer sehr ehrlichen und wirklich toleranten Basis führen. Dazu gehört es auch, dass man die Meinung anderer einfach einmal ,aushält'“, erklärt sich der Familienbund.

Förderung des Staatsministeriums: "Nicht für Inhalte verantwortlich"

Was seltsam anmutet, ist das Logo des Freistaats, das im Impressum von "Familienbunt" auftaucht: „Diese Ausgabe wurde gefördert durch das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration“, wird darunter verlautbart.

Das Ministerium äußerte sich dazu kurz und bündig: Es fördere die Öffentlichkeitsarbeit der bayerischen Familienverbände, darunter eben auch die des Familienbunds. „Das Sozialministerium ist dabei weder in die redaktionellen Inhalte der Publikationen noch in deren Auswahl eingebunden oder einzubinden. Dies fällt in die alleinige Verantwortung der Zuwendungsempfänger. Eine Zensur findet nicht statt.“ Sozialstaatssekretär Johannes Hintersberger erklärte am Mittwoch im Landtag, dass sein Ministerium den Familienbund mit 19.000 Euro jährlich fördere. Er teile den Inhalt der Beilage nicht und kündigte Gespräche mit dem Zuwendungsempfänger an.

Florian Rummler hofft derweil, dass die Sache ein gutes Ende nimmt. "Vielleicht tritt das Bistum ja mit der Community in einen Dialog."

von David Libossek
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