Hospizhelfer begleiten Sterbende auf ihrem letzten Weg

Carmen Schopf und Rosemarie Stadler (von links) betreuen unheilbar Kranke. Sie gehören zu den circa 100 ehrenamtlichen Helfern des St. Vinzenz-Hospiz, die stationär und ambulant für die Patienten da sind.

Im Augsburger St. Vinzenz-Hospiz begleiten circa 100 Ehrenamtliche die Sterbenden in ihrer allerletzten Lebensphase. Warum diese Unterstützung so wichtig ist, wird bei einem Besuch deutlich.


Freundlicher kann ein Raum kaum wirken: Große Fenster, bunte Wände, helle Holzmöbel, eine Balkontüre. Nicht zu glauben, dass der Tod hier allgegenwärtig ist. "Was haben Sie denn gedacht, wie es bei uns aussieht?", fragt Babetta Fuchs vom Augsburger St. Vinzenz-Hospiz und lächelt.

Vielleicht trister. Auf jeden Fall nicht so farbenfroh. Das einzige, das etwa an ein Krankenhaus erinnert, ist der Triangelgriff über dem Bett in der Mitte des Zimmers. Erst heute Nacht sei der Patient verstorben, sagt Fuchs, die seit 20 Jahren unheilbar Kranke begleitet. Das sei auch immer "eine Beschäftigung mit der eigenen Endlichkeit", fährt sie mit einer bemerkenswerten Lockerheit fort, um schließlich Cicely Saunders, die Begründerin der modernen Hospizbewegung und Palliativmedizin, zu zitieren: Hospizarbeit bedeute "nicht dem Leben mehr Tage geben, sondern den Tagen mehr Leben."

Sechs Jahre im Wachkoma
Mehr Lebensqualität in der allerletzten Lebensphase möchten die 32 Angestellten und die circa 100 ehrenamtlichen Helfer des St. Vinzenz-Hospiz ihren Patienten ermöglichen. Im Fokus steht dabei in erster Linie die seelische Betreuung, die medizinische Versorgung bleibt in den Händen der Ärzte. Der stationäre Teil der Einrichtung befindet sich im Augsburger Stadtteil Hochzoll. Die meisten Sterbenden werden jedoch zu Hause betreut - etwa von der Ehrenamtlichen Rosemarie Stadler. Der 73-Jährigen mit dem gelben Jackett und den roten Haaren sieht man ihr Alter nicht an. "Diese Tätigkeit hält mich jung und ich nehme meine eigene Gesundheit intensiver wahr", betont Stadler, die seit acht Jahren als Hospizhelferin arbeitet. Sie möchte "da sein für Patienten und für die Angehörigen." Ein paar Stunden pro Woche widmet sich die ehemalige Lehrerin der "moralischen und spirituellen Begleitung" der Kranken und ihrer Familien.

Als ihr Bruder nach einem Unfall sechs Jahre lang im Wachkoma lag, sei ihr aufgefallen, wie wichtig eine Betreuung auch für Angehörige sei. "Nun möchte ich etwas von meiner Kraft weitergeben und den Familien helfen, ein Stück Normalität zu finden."

Normalität schaffen, dafür ist in der stationären Einrichtung auch "Gypsy" zuständig. Die Hospizkatze liegt zusammengekuschelt im Gemeinschaftsraum. Mit Gypsy zu spielen, erläutert Babetta Fuchs, tue den Patienten gut. "Das Wichtigste ist, dass sich unsere Gäste wohlfühlen." Gäste? "Ja, wir sprechen bei unseren Patienten von Gästen", erklärt Fuchs. Denn der Aufenthalt sei immer zeitlich begrenzt. Für die meisten endet er mit dem Tod. Manche stabilisieren sich aber auch und kommen im Anschluss etwa in ein Altenheim. Dass jemand im Hospiz aber wieder gesund wird, darüber solle man sich keine Illusionen machen, denn die unheilbar kranken Menschen "kommen ja tatsächlich hierher, um zu sterben", sagt Fuchs.

"Reden hilft"
Kosten entstehen für Patienten keine. "Die Krankenkassen bezahlen einen Teil und das Hospiz finanziert sich zudem aus Spenden", erklärt Geschäftsführerin Christine Sieberth. Doch ohne die vielen Ehrenamtlichen sei diese Form der Betreuung nicht möglich.

Vorbereitet auf ihre Aufgaben werden die Freiwilligen mit einer 80 Stunden umfassenden Ausbildung, in deren Mittelpunkt Krankheitsbilder, Trauerarbeit und die Phasen des Sterbens stehen. Im Anschluss treffen sich die ausgebildeten Hospizhelfer regelmäßig in ihren Gruppen und sprechen über ihre Einsätze.

"Reden hilft", betont Rosemarie Stadler. Vor allem ihr erster Fall um eine junge Brustkrebspatientin sei ihr sehr nahe gegangen. Genauso die Betreuung des krebskranken Vaters eines achtjährigen Sohnes. Beiden Familien habe sie viel Unterstützung geben können, erzählt sie. Mehr kann und will sie nicht sagen - wegen der Schweigepflicht, der auch Hospizhelfer unterliegen.

Anderer Umgang mit dem Tod
"Kinder gehen mit dem Thema Tod viel offener um als Erwachsene", erklärt die 73-Jährige, die sich wünscht, dass die Gesellschaft in dieser Hinsicht von der jüngeren Generation lernt. Insgesamt werde in Familien aber oft gar nicht über das Sterben gesprochen. Oft höre sie Sätze wie: "Sagen Sie meinem Mann bloß nicht, dass er stirbt." Doch dabei "ist es so wichtig zum Beispiel auch mal miteinander zu weinen."

Wichtig sei auch Spiritualität, egal welcher Religion oder Konfession ein Patient angehört. "Ab und an kann man auch einfach mal gemeinsam ein Gebet sprechen", sagt Rosemarie Stadler. Im St. Vinzenz-Hospiz gibt es dafür im Erdgeschoss eine kleine Kapelle. "Hier finden auch Gottesdienste statt", erklärt Babetta Fuchs und führt weiter durch den hellen Gang. Das Licht und die Bilder an den Wänden erzeugen positive Atmosphäre. Am Ende des Flures sagt Fuchs aber wieder einen Satz, der erneut in Erinnerung ruft, wo man sich gerade befindet. "Das da hinten ist der zweite Eingang, mit der Zufahrt für den Krankenwagen und den Leichenwagen."
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