„Ich mache Superstars“

100 Stunden die Woche, oft 17 Stunden Tage – Augsburg – München – Tel Aviv. Ein Termin jagt den nächsten, das Handy bimmelt ununterbrochen. „Das ist mein Leben.“ Erwin Kistler ist 53 Jahre alt und gehört zu den führenden Kleinkunst- und Kabarettveranstaltern Deutschlands. Und mittlerweile darüber hinaus: Österreich, Schweiz, Luxemburg, Mallorca und als Tourneeveranstalter für Max Raabe führte sein Weg nach Israel.

Das immense Arbeitspensum des 53-Jährigen beeindruckt. Über den „Godfather“ der Konzertveranstalter Fritz Rau wurde mal gesagt: „Er schläft nie. Er überlebt bei Bier, Schnitzeln und Gugelhupf.“ Außer, das Kistler keinen Alkohol trinkt, trifft dieser Satz auch auf ihn zu. „Beruf und Freizeit sind eins. Ich mache 24 Stunden am Tag das, was mir Spaß macht.“ Immer unterwegs im Auto oder Flieger trägt der große, bullige Mann einen Schrittzähler am Hosenbund: „Mein Arzt hat gesagt, ich musswenigstens 10 000 Schritte täglich schaffen.“ Seinen Urlaub verbringt er in New York in Comedyclubs und sammelt neue Geschäftsideen.

15 feste Mitarbeiter halten ihm im Augsburger Konzertbüro den Rücken frei für die Betreuung der Künstler. Das komplette Management der Künstler Claudia Schlenger und Hanns Meilhamer (Herbert und Schnipsi), Heißmann & Rassau, Silvano Tuiach, Michl Müller, Karsten Kaie und Volker Klüpfel und Michael Kobr (Kluftinger- Autoren) übernimmt Kistler mittlerweile mit seiner Frau Maria Löffler. „Wir kümmern uns um alles persönlich.“

Gelernt im eigentlichen Sinne hat der gebürtige Adelshausener diesen Job nicht. Hauptschule, Wirtschaftsschule, Filialleiter eines Supermarktes. „Aber das war nicht meins. Ich war so oft es ging in der Kleinkunst-Szene in München unterwegs.“ Dort sammelt er erste Kontakte und die Idee, „Kunst aufs Land“ zu holen. Als die Dorfwirtschaft in Zahling (Landkreis Aichach-Friedberg) frei wird, greift der damals 24-Jährige zu und eröffnet das „Wag’nradl“. Doch der Spagat zwischen Gastronomie und Kleinkunstbühne wird schwer. Die Dorfgemeinschaft beäugt das Geschehen und die unverheirateten Wirtsleute in „ihrer Wirtschaft“ kritisch. Doch Kistler – „bin nicht auf den Mund gefallen“ – geht offen auf die Leute zu und holt namhafte Künstler wie Eisi Gulp, Herbert & Schnipsi, die Mehlprimeln und Fredl Fesl nach Zahling.

Doch nach zwei Jahren war 1985 „die Luft raus“. „Eine Veranstaltung im Monat war uns zu wenig und Gastronomen sind wir nicht.“ Das alte hölzerne Wag’nradl wird abgehängt. Der Umzug nach Königsbrunn folgt, Tochter Nadine kommt zur Welt und Kistler ist wieder Filialleiter eines Supermarktes. „Ein Kulturschock“, sagt er rückblickend.

Doch die Kleinkunstszene lässt ihn und seine Frau nicht los. Sie arbeiten beide ehrenamtlich im Kulturverein und Kistler kramt seine Kontakte wieder hervor. Seine Frau gründet „Löffler-Kistler Concerts“. Vom heimischen Wohnzimmer mit einem Fax suchen sich beide im Augsburger Raum ihre Nische. „Bei den ersten vier Veranstaltungen haben wir draufgezahlt. Es war ein holpriger Start.“ Doch nach einem Jahr trägt sich die Arbeit, Kistler wagt den Sprung ins kalte Wasser und steigt hauptberuflich ein. Mit dem Management von Herbert & Schnipsi – die Veranstaltungen sind immer ausverkauft – ist die Zukunft gesichert.

Nachdem die führenden Augsburger Konzertveranstalter 2000 vom Markt gehen, zieht das Ehepaar in die Fuggerstadt und gründet das Konzertbüro Augsburg – der Weg ist frei.

Sie binden Künstler an sich, in denen andere Veranstalter noch gar nichts sehen. Eigene Ideen werden in die Programme eingebracht, Regie geführt. Sie sichern sich die Rechte an den Veranstaltungen in Bayern von Mario Barth, der damals noch vor 500 Leuten auftritt. „Wir sehen das Potenzial in den Menschen und greifen zu.“ Hundeflüsterer Martin Rütter tritt in Hammel bei Neusäß vor 800 Leuten auf – Kistler glaubt an ihn und übernimmt das Management. Er bucht in ganz Deutschland große Hallen, in Köln kommen 10 000 Zuschauer – Vox bietet Rütter eine eigene Sendung. „Wir haben ihn zum Superstar gemacht“, sagt Kistler stolz.

Den größten Coup landen Erwin Kistler und Maria Löffler 2008 als Tourneeveranstalter für Max Raabe und dem Palastorchester. Konzertveranstalter aus ganz Europa wollten den Auftrag – die Fuggerstädter bekommen den Zuschlag für zirka 100 Auftritte jährlich in ganz Deutschland. 2010 begleiten sie die Gruppe bei Auftritten in Tel Aviv, Haifa und Jerusalem.

Nur 13 Jahre sind seit der Zeit vergangen, in der das Ehepaar durch die Gegend fährt und selber plakatiert. Heute suchen sie sich ihre Künstler aus. „Luxus“, sagt Kistler und genießt. Seine Frau und er begleiten die Künstler auf ihrem Weg nach oben, nehmen niemanden mehr ohne das Zeug zur Karriere.

„Regionale Künstler interessieren mich nicht mehr, ich will Superstars machen“, sagt der Mann, der in Zahling mal klein anfing.
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