„Ich will kein Stein im Beet werden“: Eine Heroin-Abhängige aus Augsburg erzählt ihre Geschichte

Für jeden Drogentoten aus dem Großraum Augsburg wird vor dem Eingang der Einrichtung ein Stein abgelegt. Dieses Jahr kamen bislang 23 hinzu.

23 Menschen sind im Großraum Augsburg in diesem Jahr bereits den Drogentod gestorben. Sylvia ist diesem Schicksal voriges Jahr nur knapp entkommen. Sie wäre im Dezember beinahe an einer Überdosis gestorben. Hier erzählt sie davon, wie sie bereits mit zwölf Jahren süchtig nach Medikamenten war, wie sie mehrfach versuchte, sich das Leben zu nehmen und wie die Drogen über ihr Leben bestimmen.

Dieses Mal ist es zu viel. Die Drogen haben ihr ohnehin schon das Leben genommen. Nun würden sie es eben zu Ende bringen, was soll’s. Der Schuss Heroin, den sich Sylvia in die Venen gejagt hat, würde ihr Goldener sein. Die Injektion, die sie in eine andere Welt befördert – eine, ohne den Stoff und all das Leid, das man sich mit ihm in die Blutbahn und ins Leben ballert. Doch Sylvia wacht wieder auf.

Heute, etwas mehr als ein halbes Jahr später, sitzt Sylvia, deren Name geändert wurde, an einem Tisch im Augsburger Stützpunkt der Drogenhilfe Schwaben. „Ich möchte schon noch ein paar Jahre leben“, sagt sie und angesichts ihres Alters von 42 Jahren klingt das beklemmend. Doch in diesem Haus, in dem die Pinnwand im Gemeinschaftsraum vor Todesanzeigen überquillt, sieht so eben die Realität aus. Der Tod ist allgegenwärtig.


Großraum Augsburg: Fünf Drogentote binnen einer Woche

Seit zehn Jahren gibt es den Treff der Drogenhilfe in der Nähe des Königsplatzes. Bis zu 50 Menschen suchen ihn täglich auf. Ratschen mit anderen aus der Szene, lassen sich von einem der Mitarbeiter beraten, kochen, musizieren oder holen sich saubere Spritzen – ein Angebot, das gegen HIV- oder Hepatitis-Infektionen vorbeugen soll. Trotz aller Hilfe ist die Situation laut Geschäftsführerin Gerlinde Mair „katastrophal“.

23 Drogentote zählt der Großraum Augsburg bereits im Jahr 2016 – im Vorjahr waren es zum selben Zeitpunkt 15. Allein in der vorvergangenen Woche starben fünf Menschen in der Region den Drogentod. Wieder fünf Steine mehr in einem Beet vor dem Eingang der Einrichtung. Fünf Steine mehr, die dort symbolisch für jeden Drogentoten aus Augsburg und Umgebung ruhen.

Im Dezember wäre beinahe auch einer für Sylvia in den rötlich braunen Rindenmulch gebettet worden. Man hätte ihn dort wohl schon früher ablegen müssen, aber „der Andi“, sagt sie, „hat mir schon oft das Leben gerettet. Ich weiß nicht, ob ich ohne ihn noch leben würde.“ Der Andi, das ist Andreas Köjer, ein Sozialarbeiter der Drogenhilfe. Seit mehr als 20 Jahren – damals arbeitete Köjer noch als Streetworker – kennen sich die beiden bereits.


„Heroin, damit man geradeaus gehen kann“


Wenn Andi zu Szenetreffs kommt, erzählt Sylvia, „ist das als käme Tom Cruise – gleich stehen alle um ihn rum“. Sie muss lachen. Ihre grünen Augen blicken kurz nach unten. „Langsam merke ich“, sagt sie, „dass ich mich wieder über Sachen freu.“ Davor bestimmten die Drogen über ihre Gefühlswelt. Das Koks, das dem Körper die Glückshormone raubt. Das Heroin, ohne das sie morgens nicht aus dem Bett kam.

„Früher nahm man die Drogen, um Spaß zu haben“, konstatiert Sylvia, „heute braucht man sie dafür, dass man geradeaus gehen kann.“ Ein halbes Gramm Heroin benötigte sie, „um nicht affig zu sein“. Affig heißt, Entzugserscheinungen zu zeigen. Affig heißt: Schwitzen, Zittern, Kotzen.

„Mehrmals versucht, mir das Leben zu nehmen“


„Ich bin zurzeit gut substituiert“, fasst Sylvia ihre derzeitige Ersatzstoff-Therapie zusammen. Das ist die rationale Variante. Denn die Frau mit den langen hellbraunen Haaren macht einen aufgeräumten Eindruck, spricht klar und bedacht. „Mir gefällt, dass ich wieder funktionier’“, sagt sie. „Ich schau nicht mehr aus, wie ein ausgewrungener Schwamm.“

Dass das nicht selbstverständlich ist, lässt sich nicht nur an der Überdosis im Dezember festmachen. Der Suizid auf Raten, wie Köjer die Drogenabhängigkeit bezeichnet, beginnt, als Sylvia zwölf Jahre alt ist. Mit Hustenstiller, der damals noch das Opiat Kodein beinhaltet.

Es folgen Schlaftabletten aus Mamas Schränkchen, Kiffen, Alkohol, mit 18 Koks. Hauptsache, die schwere Kindheit vergessen, raus aus der Realität. Jahre des Experimentierens „mit allem außer Crack“ enden mit 27. „Ich habe in dieser Zeit mehrmals versucht, mir das Leben zu nehmen“, erzählt Sylvia.


Sucht besiegt Kopf: "Egal, ob wieder drei Leute im Klo am Oberhauser Bahnhof sterben"


Draußen prasseln mittlerweile dicke Regentropfen an die Fenster des Hauses, das als einziges in Augsburg für seinen Innenraum denkmalgeschützt ist. Im Heroin findet sie schließlich einen Fluchtweg. Jetzt spielt es keine Rolle mehr, ob sie sterben will oder nicht. Der Stoff macht die Ansagen.

„Man denkt nicht an den Krankenwagen, der kommt. An die Windel auf der Intensivstation. Egal, ob wieder drei Leute im Klo am Oberhauser Bahnhof gestorben sind und man selbst könnte die nächste sein – der Kopf zählt dann nicht.“

Nach dem Gefängnis obdachlos: Sylvia will jetzt wieder arbeiten


Ebenso das Gesetz. 18 Monate Knast brachten die Drogen Sylvia zuletzt ein. Als sie 2015 rauskommt, bleibt ihr nichts. Sie ist obdachlos, nächtigt in Notschlafplätzen, am Bahnhof oder auf Parkbänken. Mittlerweile ist sie bei ihrer Schwägerin untergekommen, derzeit wartet sie auf einen Bescheid aus München, um in eine Einrichtung für Drogenabhängige über 40 zu kommen.

Sylvia will wieder als Friseurin arbeiten – „darauf habe ich mehr Lust als je zuvor“ – auch wenn die Angst groß ist. „Der Schiss, der geringe Selbstwert wegen der scheiß Drogen“, sagt sie. Sie träumt von einer eigenen Wohnung. „Keine Exoten“ seien seine Klienten, wirft Köjer ein. „Die meisten sehnen sich nach Normalität.“ Dahin begleite er sie auf kleinen Schritten. Dass sie ganz von den Drogen loskommen, sei freilich toll, jedoch nicht das primäre Ziel.

Kinder leben in einer Pflegefamilie: "Kenne es nicht anders"


Es sind eher Momentaufnahmen, die sich aneinanderreihen. Etwa dass Sylvia Kontakt zu ihrer sieben Jahre alten Tochter und dem ein Jahr älteren Sohn haben kann. Die beiden leben bei Pflegeeltern. Dort seien sie „supergut aufgehoben“, sagt sie. Ihr Verhältnis zu den Kindern sei unproblematisch.

Dass sie nicht bei ihr groß werden, bedauert sie nicht. Das mag zunächst hart klingen, „aber ich kenne das nicht anders. Und außerdem ist das rund um die Uhr Mutter sein nicht meins.“

"Ich will kein Stein im Beet werden"


Auch weil die Leiden zu schwer auf ihr lasten. Ihr 21-jähriger Sohn aus einer anderen Beziehung ist derzeit auf der 63er. So nennt die Szene die forensische Psychiatrie. Eine eigens hergestellte Kräutermischung brachte ihn dorthin – immerhin nicht ins Grab. Machtlos, wie in Handschellen gelegt, habe sie die Nachricht aufgenommen, erzählt Sylvia. „Ich habe es ihm nicht anders vorgelebt“, spricht sie mit gesenkter Stimme, ehe sie einen Blick von Andreas Köjer auffängt. „Es ist nicht deine Schuld“, sagt er.

Die Worte richten Sylvia auf. Substitutionen, Entgiftungen und Therapien hat sie mit dem Andi durchgestanden, alles scheint ihr jetzt durch den Kopf zu schießen, Tränen steigen in ihren Augen auf und trüben das Grün. „Ihm würde ich mein Leben in die Hände legen“, flüstert sie beinahe und schiebt hinterher: „Ich will kein Stein im Beet werden.“

• Im Annahof in Augsburg gedenken Mitarbeiter und Besucher der Drogenhilfe Schwaben am morgigen Donnerstag den Drogentoten. Um 11 Uhr beginnt eine Veranstaltung mit Infostand, Livemusik und Schweigeminute (12.30 Uhr). Um 13 Uhr werden weiße Luftballons steigen gelassen, um 16 Uhr wird in St. Anna eine Andacht abgehalten.
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