In Kontakt mit der Sucht

Einen Rückzugsort aus der Drogenszene bietet der Streetwork-Kontaktladen KiZ den Süchtigen in der Holbeinstraße 9.

Rund 40 Menschen kommen täglich in den offenen Café-Betrieb des Streetwork-Kontaktladens KiZ in der Holbeinstraße 9. Sie suchen dort Beratung oder wollen sich einfach über ihre Sorgen und Nöte austauschen. Seit einem Jahrzehnt bietet die Einrichtung nun bereits eine Anlaufstelle für Drogensüchtige. Heute feiert der Kontaktladen sein Jubiläum, gemeinsam mit dem Bezirk Schwaben, der Stadt Augsburg und dem Landkreis Augsburg, die die Realisierung möglich gemacht haben.

Was 2005 als Modellprojekt begonnen hat, ist heute aus der Innenstadt kaum mehr wegzudenken: Für viele Süchtige und ehemalige Junkies ist der KiZ-Kontaktladen eine wichtige Anlaufstelle, für einige eine Möglichkeit, ein stabileres Lebensumfeld zu entwickeln, für manche gar eine Ersatzfamilie.

KiZ steht für Kontakt im Zentrum. Also für einen Ort, der den Menschen zur Verfügung steht, die zuvor Teil der Drogenszene in der Innenstadt waren. Die Szene am Königsplatz hat der Laden schon vor Jahren teilweise entschärft und damit unter Beweis gestellt, dass solch ein Konzept funktioniert.

Teil des Teams im KiZ ist Andreas Köjer. Er arbeitet seit zwanzig Jahren als Streetworker und hat während dieser Zeit verfolgt, wie sich die Szene verändert hat. Die Süchtigen verteilten sich heute mehr im Stadtbereich als früher und neue Substanzen wie Badesalze oder Kräutermischungen bestimmten den Markt, erklärt er. „Die frühere Opiatszene hat sich gewandelt. Die neuen Drogen führen schneller zu irreparablen Schäden. Die Leute sind psychotischer und es gibt verstärkt Angstzustände.“

Das bewährte Konzept der Einrichtung aber ist dasselbe: Offener Café-Betrieb, Beratung und Weitervermittlung, Projektarbeiten und Streetwork. Das Café soll den Süchtigen einen Rückzugsort aus der Szene und eine offene Streetworker-Sprechstunde bieten.

Ein wichtiges Thema ist in der Einrichtung auch „Safer Use“: Die Süchtigen bekommen hier neben Information und Beratung auch kostenlose Kondome und für zwanzig Cent neue Spritzen. Eigentlich sollten Spritzen umsonst getauscht werden können Doch bereits im April war das Budget dafür erschöpft. Die Wirkung von Badesalzen reiche deutlich kürzer aus als etwa bei Heroin, erklärt Köjer. Deshalb bräuchten die Konsumenten bis zu 20 Spritzen am Tag. Nichtsdestotrotz hält er das Angebot nicht nur aus hygienischen Gründen für sehr wichtig: „Die Spritzen bleiben im System und tauchen nicht auf irgendwelchen Spielplätzen auf. Außerdem hilft es uns, den Kontakt zu Konsumenten von Badesalzen herzustellen und zu halten.“ Denn diese würden ihre formal legalen Drogen oftmals im Internet bestellen, müssten also das Haus nicht verlassen und könnten somit nur schwer erreicht werden.

Gespritzt werden darf in der Einrichtung allerdings nicht – und dealen ist sowieso strengstens verboten. Mit der Kripo Augsburg wurde vereinbart, in der Nähe des Kontaktladens keine Kontrollen durchzuführen. Die Süchtigen sollen keine Angst haben zu kommen.

Neben den täglichen Öffnungszeiten des Cafés bietet die Einrichtung Angebote, die die persönlichen Stärken und Interessen der Drogenabhängigen fördern sollen, dazu gehören Koch- und Musikkurse, Reparaturen und Renovierungen sowie ein Fahrradverleih.

Auch bei der Weitervermittlung im Drogenhilfesystem, bei Behördenangelegenheiten und juristischen Fragen stehen die Sozialarbeiter und Pädagogen unterstützend zur Seite. Im Kontakt mit den Süchtigen sind die Streetworker aber nicht nur in der Einrichtung, sondern auch in der Szene präsent, machen Hausbesuche und bieten eine Krisenintervention.

Für Andreas Köjer besteht seine Arbeit aber nicht nur aus Krisen. „Ich treffe hier auf spannende und humorvolle Leute. Wir lachen viel zusammen, da geht es nicht nur ernst zu. Und wir feiern die Erfolge, die anderen vielleicht klein erscheinen. Wenn es zum Beispiel jemand mit unserer Hilfe schafft, einen Job zu kriegen oder eine Wohnung zu finden, sind das sehr schöne Momente.“

Das Café ist montags, donnerstags und freitags von 11 bis 15 Uhr sowie dienstags von 12 bis 16 Uhr geöffnet. Jeden Mittwoch, von 9 bis 13 Uhr gibt es die offene Streetwork-Sprechstunde.

Von Kristin Deibl
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