Integration mit Geschmack

Spaß mit Semmelknödel: Der Integrationsbeauftragte des bayerischen Landtags Martin Neumeyer (Zweiter von rechts) mit Ndeye Fall (links) und Walter Haugg, Azubis der Kulturküche, sowie der Köchin Filiz Dalici beim Rollen und Kochen von Semmelknödeln. Foto: David Libossek

Die Augsburger Kulturküche fertigt am Tag bis zu 1500 Essen. Nun feierte der Integrationspreisträger achtjährigen Geburtstag. Zur Feier werden türkisches Gebäck und Semmelknödel serviert. So bunt wie das Menü ist auch das Projekt selbst. Das Miteinander seiner Menschen ist das Salz in der Suppe.

An einem grauen Metalltisch stehen fünf Frauen. Sie kneten und rollen Teig, schneiden kleine Dreiecke aus. Andere rühren eine grün-weiße Masse an und befüllen damit die fertigen Teigstücke. Aus dem Ofen duftet bereits appetitanregend die erste Fuhre der kleinen Leckereien, die aussehen wie Croissants. Pualca heißen sie und kommen aus der Türkei. "Ich habe das Rezept", sagt Filiz Dalici lachend und stemmt stolz die Hände in die Hüften. Ein Hefeteig sei es, gefüllt mit Fetakäse und Petersilie, verrät die Türkin. Aber das könne variieren.

Die Frauen, die mit ihr um den Tisch stehen, stammen aus dem Irak, Syrien, Deutschland und der russisch-kasachischen Grenzregion. Sie sind Teil eines Projekts in Augsburg, das kürzlich mit dem Integrationspreis Asyl des Freistaats ausgezeichnet wurde: die Kulturküche - oder auch "Kültürküche" wie die Damen sie nennen. Die Pualca gehören an diesem achten Geburtstag des Projekts zum Menü.

Der Mann hinter der Kulturküche ist Bernd Beigl. Ein junggebliebener Mittvierziger, der zu Hemd und Sakko Jeans und Chucks kombiniert. Eigentlich ist er gelernter Bankkaufmann. Aber das ist lange her. Nach der Geburt seines zweiten Kindes ging er in Elternzeit - und veränderte sich. Er begann in sozialen Projekten mitzuwirken und sie anzustoßen. So auch einen Treff für ausländische Frauen. "Wir wollten sie aus den Wohnungen rausbringen", sagt Beigl.

Die Geschichte verselbstständigte sich. Die Frauen wollten ein Café mit Kinderbetreuung gründen, weil so etwas in Augsburg fehlte. Frei ist jedoch nur eine Küche. Also schmissen sie gemeinsam den Herd an - und machen ihn acht Jahre lang nicht mehr aus.

Zuerst fragt eine Schule an, ob die Damen nicht für die Mittagsbetreuung kochen könnten. Weitere folgen. Auch das Catering der Küche wird ein Renner. Heute dampft es in insgesamt vier Küchen. Eine neue wird händeringend gesucht. 30 bis 35 Festangestellte arbeiten mittlerweile für das Projekt, 13 in Teil- oder Vollzeit. Sie fertigen bis zu 1500 Mahlzeiten am Tag.

Ein Sozialprojekt, das plötzlich eine mittlere Großgastronomie ist, muss sich jedoch auch umstellen. "Manchen fiel das strukturierte arbeiten nicht so leicht", sagt Beigl. Das Akquirieren sei hingegen kein Problem, die Mundpropaganda allein reiche aus.

Sie ist eine Zutat in dem einfachen Erfolgsrezept. Das wichtigste Gewürz ist kein Geheimnis, Beigl verrät es gerne: Zusammenhalt. Dadurch, dass alle im selben Boot sitzen, müssen die Küchenkräfte lernen, sich miteinander zu verständigen. Das gehe nun einmal am leichtesten mit einer gemeinsamen Sprache: Deutsch. Und damit taten sich zunächst fast alle schwer. So muss sich keiner grämen, keiner kocht sein eigenes Süppchen. Jeder hilft hier jedem.

Zudem profitiert die Küche von der immensen Vielfalt. Zahlreiche Filzstiftpunkte auf einer Weltkarte im Gang markieren die Herkunftsländer der Küchenkräfte. Sie liegen verteilt über Afrika, Asien, Amerika und Europa. Diese Einflüsse schlagen sich auch in den Töpfen und Pfannen der Küche wieder. Bereits vor dem Start der Kulturküche begannen Beigl und seine Damen zudem damit, ein eigenes Kochbuch zu veröffentlichen.

Sogar Azubis bildet die Kulturküche aus. Derzeit Ndeye Fall aus dem Senegal und den lernbehinderten Walter Haugg aus Bobingen. Letzterer profitierte speziell vom Geburtstagsbesuch des Integrationsbeauftragten des bayerischen Landtags, Martin Neumeyer. Der ist gelernter Koch und verriet sein Geheimrezept für Semmelknödel. "Die zu kochen, könnte Teil meiner Prüfung am Mittwoch sein", freute sich Haugg über die Ratschläge. Und auch seine Kollegin frohlockte: "Ich will Semmelknödel im Senegal bekanntmachen."
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