Jahresrückblick 2015: Von Abgebrannt bis Zuflucht

Theater ums Theater: Das Schauspielhaus muss saniert werden. (Foto: David Libossek)
Abgebrannt.
Soweit ist es ja noch nicht, dass in der Augsburger Stadtkasse nur mehr eine alte Büroklammer, ein angelutschtes Hustenbonbon und ein Zehn-Pfennig-Stück zum Vorschein kommen, wenn Finanzreferentin Eva Weber den Wasserstand checkt. Dennoch steht es um den Haushalt der Stadt eher, naja, mäßig. So flattert eine Rüge des Bezirks ins Rathaus, Augsburg möge doch bitte seine Ausgaben besser kontrollieren. Nun segnet OB Kurt Gribl jedes Projekt persönlich ab – oder eben nicht. Immerhin: Die Hälfte ihrer Verbindlichkeiten aus 2014, 21,6 Millionen Euro, gleicht die Stadt im Nachtrag aus. Der Rest muss nächstes Jahr folgen.

Bimm-Bamm.
Die Rockband „White Stripes“ oder doch der Quasi-Augsburger Mozart? Ein digital gesteuertes Glockenspiel soll künftig 99 verschiedene Musikstücke vom Perlachturm läuten lassen. Die Lieder-Wünsche der Augsburger überschlagen sich. Nur mit den Spenden hapert’s: Die Alt-augsburggesellschaft hat das Geld noch nicht zusammen, um das Glockenspiel 2.0 möglich zu machen.

Charakterfrage.
Stoisch nimmt Mitte März Georg Schmid sein Urteil zur Kenntnis. Der ehemalige Landtagsabgeordnete aus Donauwörth wird in Augsburg zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und vier Monaten verurteilt, muss 120 000 Euro an gemeinnützige Einrichtungen zahlen. Er hatte seine Frau 22 Jahre lang als Scheinselbstständige beschäftigt, um, so sieht es das Gericht als erwiesen an, die Sozialkassen zu prellen – um insgesamt 320 000 Euro. Viel schwerer wiegt der moralische Aspekt: Schmid habe das „System der Aufwandserstattungsansprüche Jahr für Jahr bis zum letzten Tropfen leergeschaufelt“, rügt der Richter.

Drama in unendlich Akten.
Marode, unsicher, akut schließungsgefährdet: Das Augsburger Theater ist 2015 ein Unendlich-Akter. Rundgänge durchs Krisengebäude, Architektenplan, Söderscher Heilbringer-Auftritt mit bayerischen Steuermillionen, Finanzierungskonzept auf Raten (siehe auch „Abgebrannt“), offener Brief von Kritikern, Bürgerbeteiligung – Fortsetzung folgt. Garantiert.

Energiegeladen.
Irgendwie ist das alles suboptimal gelaufen für OB Gribl. Zu komplex für die gemeine Stadtbevölkerung sei die geplante Fusion der Energiesparte der Stadtwerke und Erdgas Schwaben zu einem neuen Unternehmen, befindet der Stadtchef. Das sehen die Augsburger jedoch anders und strafen Gribl via Bürgerentscheid Mitte Juli ab. Es ist die erste große politische Niederlage für den OB, der im November Seehofers fünfter Stellvertreter als CSU-Chef wird.

Fatima.
Eine 17-Jährige reist aus Augsburg nach Syrien, um sich den IS-Kämpfern anzuschließen. Die Nachricht schockt im Februar die Stadt, gilt die salafistische Szene in Augsburg doch eigentlich als klein. Fatima ist nach Angaben der Sicherheitsbehörden eine von rund hundert Frauen aus der Bundesrepublik, die bis Anfang des Jahres den Weg in die Kampfzone angetreten haben. In Deutschland gilt sie seither als „Gefährderin“.

Geschmacklos.
Wer war doch gleich Percy Hoven?, fragt man sich im Oktober. Und: Wie viel darf eigentlich Satire? Monatelang hatte der ehemalige Big-Brother-Moderator und Bobinger B-Promi Percy Hoven einen YouTube-Kanal betrieben, in dem er als maskierte Kunstfigur Dr. Alfons Proebstl gegen Flüchtlinge hetzte und so zum Pegida-Liebling avancierte. In Dresden trat er sogar neben dem Anführer der rechts-dämlichen Bewegung, Lutz Bachmann, auf. Nach seiner Enttarnung tut ihm plötzlich alles leid. War doch nur Satire, erklärt er. Diese Entschuldigung nimmt dementsprechend aber kaum jemand ernst.

Homophobe Hetze.
Jessas, Maria! Was ist nur in den Familienbund des Bistums Augsburg gefahren? In einer kunterbunt illustrierten Zeitungsbeilage formuliert ein Theologe ein Manifest der Homophobie und nagelt den Lesern der Augsburger Allgemeinen „Zehn Thesen gegen die Homo-Ehe“ an den Frühstückstisch. Pikant: Gefördert wurde die Veröffentlichung vom bayerischen Familienministerium, das sogleich verkündet, von den Inhalten nichts gewusst zu haben.

International.
Basken in Zottelkostümen und Spitzhüten auf dem Christkindlesmarkt, FCA-Fans, die in Bilbao mit stehenden Ovationen des Atlethic-Anhangs gefeiert werden und zu guter Letzt das Wunder von Belgrad inklusive der großen Belohnung: zwei Spiele gegen den FC Liverpool. Der FC Augsburg hat sich inklusive des selbstironischen „Keine-Sau“-Mottos in seiner ersten Europa-League-Saison teuer verkauft – wovon freilich auch die Stadt profitiert. Und vielleicht ist ja am 18. und 25. Februar das nächste Wunder drin – nur mit „Keine Sau“ hätte es sich dann wohl endgültig erledigt.

Ja-Wort – oder doch nicht.
Ein echter Dauerbrenner. Jahrelang wurde nach einem Standort gesucht, an der Finanzierung getüftelt: Im Dezember diskutiert der Stadtrat über die Feuerwehr-Erlebniswelt. Vom Konzept sind die Räte überzeugt, Sorgen bereitet eine Millionenbürgschaft. Inwiefern die Stadt den brandheißen Vergnügungspark in einer ehemaligen Firmenhalle von Manroland unterstützen wird, soll im Januar erneut besprochen werden.

Kinder vom Bahnhof O.
Ein Umzug prägt die Alkoholiker- und Drogenszene am Oberhauser Bahnhof in diesem Jahr. Vom Bahnhofsvorplatz siedeln die Männer und Frauen hinter das Gebäude um, auf einen ehemaligen Kinderspielplatz. Mittelfristig könnte ein weiterer Ortswechsel anstehen, denn zur Entlastung des Areals plant die Stadt eine Art Trink-raum, in dem Alkoholkonsum erlaubt sein soll, allerdings unter Aufsicht.

Lebenslänglich.
Raimund M. muss für lange Zeit ins Gefängnis. Das zweite Urteil im Polizistenmord-Prozess fällt im März. M. trifft allerdings nicht die Höchststrafe, die sein Bruder Rudi R. bereits im Jahr zuvor erhielt. Sicherungsverwahrung bleibt dem an Parkinson erkrankten und nicht vorbestraften älteren der beiden kriminellen Gebrüder erspart.

Mutti-Tag.
Zunächst hatte sich ihr Besuch noch verschoben: Das Wetter in Köln ließ Angela Merkels Flieger nicht starten, in den Hallen des Roboterherstellers Kuka in Augsburg warteten sie umsonst auf die Mutter der Nation. Merkel erscheint dann doch noch, gibt sich volks- und roboternah, schüttelt menschliche wie maschinelle Hände, lobt Kuka in ein paar Sätzen und entschwindet nach einer halben Stunde Tamtam wieder.

Notruf aus der Notaufnahme.
Die Aufregung ist groß, als im Frühjahr bekannt wird, dass das Klinikum die Leitstelle bat, keine Krankenwagen mehr zu seiner Notaufnahme zu schicken. Der Grund: Die Intensivstation konnte keine Patienten mehr aufnehmen. Die Ereignisse überschlagen sich. Zunächst schlägt ein ehemaliger Chefarzt Alarm, dann geht das Krankenhaus selbst in die Offensive und prangert das Gesundheitssystem, den auferlegten Sparzwang und das Verhalten vieler Patienten an, die mit Symptomen die Notaufnahme aufsuchen, die sie auch vom Hausarzt behandeln lassen könnten. Die Notaufnahme koste das Klinikum 3,6 Millionen Euro pro Jahr, das Personal sei zu 130 Prozent ausgelastet, heißt es. Im August reagiert die Verwaltung: Sie will den Gürtel in den kommenden zehn Jahren noch enger schnallen.

Omnipräsent.
Baustellen, Nahverkehrsplan, Sozialticket für Bus und Tram: Das Thema Verkehr geht auch 2015 immer. Eine kontroverse Diskussion löst im Frühsommer der Vordereinstieg aus. Auf der Linie 32 machen die Stadtwerke zunächst dicht, nach dieser Testphase heißt es ab August in allen Bussen: „Bitte vorne einsteigen“. Die Begeisterung der Fahrgäste hält sich in Grenzen.

Pantherrenaissance.
Dass die Endrunde der DEL mal wieder ohne den Augsburger EV ausgespielt wird, bewegt die Verantwortlichen dazu, umzudenken. Unter dem Schlagwort „Restart“ läuft im Sommer eine Sanierung ab, wie sie selbst im schnelllebigen Profisport selten vorkommt. Um Neo-Trainer Mike Stewart werkeln die Verantwortlichen an einer nahezu komplett neuen Mannschaft. Ob die Renaissance nun geglückt ist, wird sich im März entscheiden: Da starten die Playoffs der DEL.

Querdenker.
Von Elversberg nach Liverpool: Die Erfolgsgeschichte des FC Augsburg hat er wesentlich mitgeschrieben: Walther Seinsch übergibt nach 14 Jahren sein Präsidenten-Amt an Klaus Hoffmann ab und verkauft seine FCA-Anteile. Der Querdenker in der Sportjacke wird zudem – ausnahmsweise in feinem Zwirn – zum Augsburger Ehrenbürger ernannt. Im Dezember veröffentlicht der Ruheständler ein Buch über Wladimir Putin und wird Ehrenpräsident des FCA – dieses Mal wieder in Trainingsjacke.

Rechtes vom Stadtrand.
Im Augsburger Stadtteil Bergheim schlägt im Mai die Eliteeinheit GSG 9 zu: Die Spezialkräfte nehmen den Rädelsführer einer rechtsradikalen Gruppe namens „Oldschool Society“ fest, einen 56-Jährigen, der als „Präsident“ der Organisation gewirkt haben soll. Die Neonazis sollen Asylbewerberunterkünfte, Moscheen und Salafisten als Anschlagsziele ins Visier genommen haben. Auch eine größere Menge Sprengstoff wird bei den Durchsuchungen gefunden.

Strecken-Streit.
Welche Straße ist die beste Trasse? Der Streit über den geplanten Verlauf der Tram-Linie 5 nimmt im Sommer erneut Fahrt auf. Die „Bürgeraktion Pfersee“ schmückt die Bäume in der Hessenbachstraße, für den Gleisbau soll anderes Grün gefällt werden. Die Alternative Holzbachstraße gefällt wiederum dem „Bürgerforum Thelott- und Rosenauviertel“ nicht. Einigen könnten sich beide Initiativen auf die Rosenaustraße, doch die passt schlecht in die Pläne der Stadtwerke. Nun warten alle auf das anstehende Planfeststellungsverfahren.

Tote Tiere.
Giraffen, Löwe, Nashorn: Dem Augsburger Zoo sterben 2015 reihenweise die Attraktionen weg. Der Tierpark muss schließlich gar verkünden, dass es aufgrund neuer Haltungsvorgaben vorerst keine Giraffen mehr geben wird. Ähnlich schlecht sieht es bei den Elefanten aus, denn auch deren in die Jahre gekommene Anlage entspricht nicht mehr den Vorgaben. Ein modernes und größeres Gehege würde jedoch mehrere Millionen Euro kosten, was das, im Vergleich mit anderen bayerischen Tierparks, kleine Budget des Zoos übersteigt.

Unvollendet.
Augsburg und seine Arenen – für eine Römerstadt ist dieses Kapitel ein ziemlich trauriges. Die schier nie enden wollende Episode des Curt-Frenzel-Stadions wird 2015 garniert von einer – mittlerweile funktionierenden – Lautsprecheranlage, die hier ohrenbetäubend laut, dort kaum hörbar leise läuft, und von der Fassade: Der verpasst man zum Deutschland-Cup im November doch noch schnell einen Namens-Schriftzug, an dem zunächst – wieso auch immer – ein einzelnes „K“ prangt. Immerhin trägt das Frenzel-Stadion ein Gewand; wenn auch ein streitbares. Im Gegensatz zur jetzigen WWK-Arena. Die steht immer noch nackig an der B 17. Die Stadt hat kein Geld, um sie einzukleiden. Blöd nur, dass man den FCA vor einigen Jahren von eben dieser Pflicht befreit hat – mit den Baba-Millionen wäre vielleicht ein heißer Fummel für die B 17-Beton-Braut drin gewesen.

Vergnügung.
Ob Römerfest, La Strada oder die lange Kunstnacht: In Augsburg gibt es einiges zu feiern. Die Zukunft zweier Fest-Lieblinge ist zunächst jedoch ungewiss. Gibt es das Modular jetzt jedes Jahr? Und kommt Max16? Der Stadtrat sagt schließlich einmal „ja“ und einmal „jein“: Für die kommenden drei Jahre wird das Modular Festival fix gemacht. Aufgrund eines veränderten Sicherheitsbedürfnisses und den damit verbundenen hohen Kosten lasse sich ein weiteres Maxstraßenfest jedoch nicht realisieren. Die Nachfolge treten nun die „Augsburger Sommernächte“ an.

Widerlich.
Der Augsburger Kinderarzt Harry S. soll insgesamt 21 Buben missbraucht haben. Im November startet am Augsburger Landgericht der Prozess gegen den pädophilen Mann, der bereits am ersten Verhandlungstag seine unfassbaren Taten gesteht. Die Übergriffe hat Harry S. fotografiert oder gefilmt und, nach Tatort und Opfername sortiert, auf seinem Computer abgespeichert. Zudem befinden sich auf seinen Festplatten mehrere 10 000 Dokumente mit kinderpornografischem Inhalt. Ein Urteil soll im kommenden Frühjahr fallen.

X-Faches.
Für die Straßenbahnunterführung unter dem Hauptbahnhof wurde 2006 noch mit Kosten von 70 Millionen Euro kalkuliert. Aktuell ist von 143 Millionen Euro die Rede, ohne Nebenkosten. Der Bund der Steuerzahler fürchtet gar, dass der Tunnel am Ende insgesamt rund 300 Millionen Euro verschlingen wird. Vervielfacht hat sich auch die Bauzeit: Sollten die Arbeiten ursprünglich bis 2019 fertig sein, heißt es nun: Endstation 2022. Einen symbolischen Spatenstich mit Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt gönnt sich die Stadt im Juli. Inzwischen ist der erste Tunnelabschnitt fertiggestellt.

Y, das.
Der Duden definiert diesen Buchstaben als einen Ersatz für eine Unbekannte. Ein gewisser Rüdiger Wenk avanciert im Frühjahr zum Y in der Weltbild-Gleichung. 67 Filialen des Augsburger Unternehmens übernimmt seine Firma „Lesensart“, die bis dato nur als Adresse in Aarhaus nahe Münster existiert und von der dort noch niemand je gehört hat. Ein knappes halbes Jahr später ist „Lesensart“ insolvent. Die Zukunft der Filialen: Y.

Zuflucht.
3300 Asylbewerber leben Ende 2015 in unterschiedlichen Einrichtungen, Wohnungen und Pensionen in Augsburg. Die Anzahl der Flüchtlinge, die in der Stadt ankommt, ist hoch, die Unterkünfte kurzzeitig knapp. So wird etwa die Turnhalle der Reischleschen Wirtschaftsschule zwei Mal zur Notunterkunft, an der Berliner Allee wird ein Zelt errichtet. Die Solidarität der Augsburger ist enorm, die Kleidersammlungen von „Übergepäck eines Flüchtlings“ werden zu sozialen Happenings, um die herum zeitweise der Verkehr zusammenbricht. Negativ in Erinnerung bleibt eine Bürgerinformation in der Hammerschmiede, in der sich einige Besucher lautstark gegen eine Flüchtlingsunterkunft einsetzten – und die Einrichtung tatsächlich verhinderten.

Janina Funk und David Libossek
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.