Jeder Zettel ist ein Leben

Elisabeth Fritz hat mehr als 4000 Sterbebilder zusammengetragen. Darauf steht zum Beispiel, ob Männer und Frauen verheiratet oder als "tugendsame Jünglinge oder Jungfrauen" starben.

Von der königlichen Straßenwärters-Gattin bis zur ehrsamen Weichenstellers-Witwe - die Erinnerungen an verstorbene Bürger aus Bobingen hat Elisabeth Fritz alle fein säuberlich in einem Karton gesammelt. Die sogenannten Grab-, Sterbe- oder Totenzettel können interessante Lebensgeschichten erzählen. Zu ihrer Sammlung, die heute etwa 4000 Bilder umfasst, kam sie durch Zufall: "Als wir 1997 im Keller einen Wasserschaden hatten, sind beim Aufräumen auch etliche Sterbebilder zutage gekommen. Und weil mein Mann alte Fotos sammelt, waren schnell unsere Neugier und das historische Interesse geweckt."

Die gute Erhaltung auch sehr alter Dokumente erklärt sich damit, dass die Zettel ins Gebetbuch eingelegt und über viele Jahre vor Lichteinfall geschützt waren - man schloss die Toten sozusagen in die Gebete ein. Außer der alphabetischen Einsortierung gibt es eine Gliederung nach bestimmten Personengruppen wie Bürgermeister, Geistliche oder Soldaten. Stolz präsentiert die Sammlerin ihre Alben mit Raritäten: einem Sterbezettel von Pfarrer und Landrat Franz Xaver Ebentheuer von 1853 und einem der Gutsbesitzersgattin Anna Deuringer von 1860 ("Sie starb, als kämpfend sie gebar").

Neben einer bildlichen Darstellung auf der Vorderseite war stets auch der gewählte Text auf der Rückseite von großer Bedeutung. "Zwischen 1880 und 1950 waren die Sterbebilder sehr beredt", weiß Elisabeth Fritz. So erfahren wir vom Familien- und Gesellschaftsstand "ehrengeachteter" Männer und Frauen und davon, ob sie verheiratet, verwitwet oder als "tugendsame Jünglinge oder Jungfrauen" dahingeschieden waren. Schmunzeln muss man heutzutage, wenn von "ehrbaren Fräulein" oder "tugendsamer Jungfrau" die Rede ist, welche unverheiratet selbst noch mit 80 oder 90 Jahren so bezeichnet wurden.

Bei den Begriffen "Hochwohlgeborene" kann man davon ausgehen, dass diese aus besseren Kreisen stammten. In der Landwirtschaft spielten Hof- und Flurnamen eine wichtige Rolle: Es wurde genau festgehalten, ob die verstorbene Person Bäuerin, Austragsmutter, Bauernsohn oder der "Huberbauer" war. Vermerkt wurden früher auch Verdienste beim Militärdienst und Kriegsauszeichnungen, Verdienste in öffentlichen Ämtern und wichtige weltliche sowie geistliche Orden und Ehrenzeichen. Auch die Berufsbezeichnung galt als unerlässlich und so erfahren wir von längst ausgestorbenen Berufen wie Flurwärter, Nachtwächter oder Weichensteller. Zur Sammlung von Elisabeth und Georg Fritz gehören auch ein Gebetbuch "für fromme katholische Christen" aus dem Jahr 1857, ein Zeugnis aus dem Ersten Weltkrieg, Feldpostkarten und historische Fotos von Bobingen.

So lassen sich ganze Lebensgeschichten rekonstruieren wie zum Beispiel jene von Festina Geigenberger, die 16 Jahre lang Handarbeitslehrerin in Bobingen war. Oder von Johann Haggenmiller, der sich vom Hilfslehrer zum Kunstmühlendirektor hochgearbeitet hatte und 1920 gestorben war.

Eine große Rolle, vor allem bei verstorbenen Kindern, spielten Schutzengelbilder oder auch Darstellungen von Maria oder Christus als Spender von Trost und Zuversicht. Gerne wählte man Abbildungen der als wundertätig geltenden Marien- oder Heiligenfiguren bekannter Wallfahrtsorte in Bayern, vor allem der "Schwarzen Madonna" von Altötting.

"Hinter jedem meiner 4000 Zettel steht ein Leben", sagt die Sammlerin. "Heute bekomme ich oft Bilder zugeschickt oder die Nachbarin steckt mir welche in den Briefkasten." Sie wurden oft mit Sinnsprüchen - meist alte Gebetstexte, Bibel- oder Kirchenväterzitate - versehen. Häufig findet sich das lateinische "Requiescat in pace" (ruhe in Frieden), abgekürzt zu R.I.P., auf der Vorder- oder Rückseite des Sterbebildes.

Technisch waren die Sterbebilder von etwa 1860 bis 1890 in Stahlstich oder Lithografie ausgeführt. Ab 1880 verlegte man sich zunehmend auf die Chromolithografie. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Kupfertiefdruck aufgenommen. Heute ist der Druck nach Motiven alter Kunst üblich sowie melancholische Landschaftsbilder, aber auch randlose Vierfarbendrucke.

Im weiteren Sinn versteht man unter Totenzetteln auch Nachrichten, die früher im Ort verteilt oder versandt wurden. Ihrem Zweck nach waren sie jenen ähnlich, die man auch heute noch benutzt, um das Ableben eines Menschen der Öffentlichkeit mitzuteilen und zur Beerdigung einzuladen, aber auch, um das Gedenken im Gebet zu erbitten. Sie sind eine sehr informative Quelle für die Ahnenforschung. Der bisher älteste bekannte Totenzettel wurde 1663 in Köln gedruckt für die dort am 23. Juni 1663 verstorbene Catharina Balchem.

Im 19. Jahrhundert verbreitete sich der Brauch über das gesamte katholische Europa und erreichte 1840 Bayern. Lediglich die Sterbebilder von Honoratioren oder anderen "hochstehenden" Persönlichkeiten weisen hie und da ein Foto des Verstorbenen auf. Erst mit den Gefallenenbildchen des Ersten Weltkrieges wurde das Einrücken eines Fotos auch in Bayern üblich.
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