Jobcenter Augsburg überlastet: Existenzen in der Warteschleife

Land unter ist derzeit im Jobcenter in Augsburg der Normalzustand. Viele Antragssteller müssen länger auf ihre Leistungen warten. Foto: Anna Wilhelm

Gestresste Mitarbeiter, wütende Kunden und verstärkte Sicherheitsvorkehrungen: Das Jobcenter Augsburg ist seit Januar komplett überlastet. Antragssteller müssen mindestens sechs Wochen auf Zahlungen warten. Ein Blick hinter die Kulissen.

Ein großer Raum, hellbraune Holzstühle, aneinandergereiht an einem dunklen Metallgestell. Darauf sitzen Araber in Anzügen, dunkelhäutige Männer mit Schirmmützen und Frauen mit Kinderwägen. Smartphones in den Händen oder an den Ohren, verschiedenste Sprachen versuchen den Fernseher und die darüber flimmernden Nachrichten zu übertönen. Ein Sicherheitsmann flaniert zwischen den Reihen, beobachtet die Wartenden.

Die Szene wirkt wie an einem internationalen Flughafen, ist aber Alltag mitten in Augsburg. Alltag im Jobcenter. Die Wartenden starren hier nicht auf einen Flugplan, sondern auf eine kleine schwarze Anzeige mit rot leuchtenden Nummern. Das Zettelchen, das sie vorher gezogen haben, ist für viele eine kleine Kostbarkeit, weit wichtiger als ein Flugticket. Es könnte wegweisend sein für die eigene Existenz.

Blinkt die Nummer auf, ist das lange kein Grund, abzuheben. Am Tresen entscheidet ein Mitarbeiter, ob man überhaupt einen Sachbearbeiter zu Gesicht bekommt. "Abfangjäger", nennt ein Kollege diese Stelle. Und die hat dieser Tage viel zu tun. Denn die Sacharbeiter sind derzeit völlig überlastet.

17.000 Augsburger sind von den Leistungen abhängig. Zwei Mal im Jahr müssen die Empfänger vor Ort eine Weiterbewilligung beantragen. Diese haben Vorrang und sind ohnehin kaum mehr zu bewältigen. Für den Rest? Keine Zeit. "Es bleiben Hunderte von Sachen liegen. Die Leute kommen nicht mehr an ihr Geld", sagt ein Angestellter, dessen Name nicht genannt werden soll. Eigentlich haben die Mitarbeiter einen Maulkorb verpasst bekommen, dürfen sich öffentlich nicht mehr äußern.

Eine, die trotzdem reden darf, ist Anna Grau. Sie ist nicht nur Personalratsvorsitzende sondern auch Verdi-Vertrauensfrau. In dieser Funktion erzählt sie, wie sehr der Job momentan "am Nervenkostüm zerrt". Kaum einer der Mitarbeiter schlafe nachts mehr durch, die Umstände seien gesundheitsgefährdend. Nicht nur wegen der körperlichen und psychischen Belastung.

"Manche Kunden stehen mit dem Rücken zur Wand", sagt sie. Diejenigen etwa, denen Inkassounternehmen oder Haft drohen, wenn sie ihre Rechnungen nicht bezahlen. Man weiß ja nie, wozu Menschen in solchen Ausnahmesituationen fähig sind. Eine Bombendrohung gegen das Jobcenter gab es schon. Künftig sollen Taschen kontrolliert werden, fordern die Mitarbeiter. Ein zusätzlicher Wachmann wurde bereits eingestellt.

Der Ausnahmezustand brach im August vorigen Jahres auf den Rechnern des Personals aus, als das Programm Allegro für die Aufnahme von Anträgen installiert wurde. Augsburg war eines der ersten Jobcenter überhaupt, das die neue Software nutzte. Alle bereits bekannten Daten müssen händisch in das neue System übertragen werden. "Und das Programm funktioniert hinten und vorne nicht", sagt der Mitarbeiter. Seit Januar gilt zudem das Vier-Augen-Prinzip. Jeder bearbeitete Antrag muss von einem weiteren Sachbearbeiter gegengeprüft werden.

"Das hat uns den Rest gegeben", sagt der Mitarbeiter, "seitdem geht gar nichts mehr". Das Jobcenter sei ohnehin seit Jahren chronisch unterbesetzt. Der jetzige Mehraufwand sei nicht mehr zu schultern. In der Regel sollte es zwei Wochen dauern, bis die Sozialleistung auf dem Konto ankommt. Momentan sind in Augsburg von sechs Wochen die Rede, "aber nicht mal das ist realistisch", sagt Anna Grau.

Und an dem Geld hängen Existenzen. Miete, Rechnungen, Nahrung. "Es kommen Menschen, die aus Asylheimen raus müssen und nicht mal eine Matratze haben", erzählt Grau. Kurzfristige Hilfe: undenkbar. "Wir sind nicht mehr reaktionsfähig."

Über den Personalschlüssel entscheidet das Bundesministerium für Arbeit. Das habe zwar eine neue Studie anfertigen lassen, die Erhebung wurde jedoch vor Allegro und Vier-Augen-Prinzip erstellt. Sozialreferent Stefan Kiefer hat mittlerweile reagiert. Bereits im Januar wurden fünf neue Stellen geschaffen, fünf weitere Kräfte sollen ab März zum Jobcenter-Team stoßen. Das sei "ein Tropfen auf den heißen Stein", sagt Grau. Und der komme auch noch zu spät. Alleine wegen der Einarbeitungszeit .

Kiefer weiß das. Er meint aber auch, dass die Probleme in Berlin gelöst werden müssen. Etwa dadurch, das Vier-Augen-Prinzip erst einmal auszusetzen. Er kritisiert den Schritt, "ein Computerprogramm im laufenden Betrieb zu testen und dann noch eine solche Schaufel oben drauf zu setzen".

Anna Grau probiert in der Krisenzeit derweil neue Wege. Als kürzlich eine Kundin in ihrem Büro weinte, kennzeichnete sie deren Akte mit einem Herz, "in der Hoffnung, dass es so etwas schneller geht".
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