Kaisersee: „Die Nackten sind nicht das Problem!“

Im Gespräch mit der Stadtzeitung stellt Günter Leibig klar, er habe nichts gegen die FKK-Freunde und die Schwulen gesagt. Er betont: "Unser Problem sind die nächtlichen Besucher, die teils morgens noch komatös am Ufer liegen und unsere Angler verdrängen!"

"Das grenzt schon fast an Beleidigung und ist einfach nur weltfremd", sagt Markus Schuster. Der 28-jährige aus der Firnhaberau kommt seit Jahren zum Nacktbaden an den Kaisersee. Seine Verärgerung kommt durch die angeblichen Äußerungen des Fischerei-Vereinsvorsitzenden Günter Leibig. Dieser hatte angeblich gegenüber einer Augsburger Tageszeitung erklärt, er möchte in der kommenden Saison die Nudisten vom See weg haben. Mit aller Härte möchte man gegen die Nacktbader vorgehen. Neben Platzverweisen solle es Anzeigen und gegebenenfalls einen Zaun um den ganzen See geben, der die Angler vor den FKKlern schützt. Doch im Gespräch mit der StadtZeitung stellt Leibig die Sache richtig: „Das wurde in der Tageszeitung falsch dargestellt. So habe ich dass nie gesagt.“ Natürlich sieht er Probleme, die durch Besucher am Kaisersee entstehen. Aber im Wesentlichen sind das nicht die Badegäste, die untertags den See besuchen. Leibig: „Unser Problem sind die nächtlichen Besucher, die teils morgens noch komatös am Ufer liegen und unsere Angler verdrängen.“

Der Lechfischereiverein Augsburg ist seit drei Jahren der Inhaber des Sees. „Das Gerücht, die Nudisten wären vor uns da gewesen, stimmt nicht“ stellt Leibig klar. Seit der See ausgehoben wurde ist der Verein durch Pacht am See aktiv. Erst vor drei Jahren erfolgte dann der Ankauf. „Dieser wurde notwendig, da wir in Kürze den Europaweiher als Gewässer verlieren und sonst gar kein eigenes Ausbildungsgewässer für unseren Fischernachwuchs hätten,“ sagt der Vorsitzende. Gegen die Nacktbader – insbesondere die vielen Rentner, die seit Jahren kommen – habe Leibig überhaupt nichts. Er ist sich auch bewusst, dass diese sehr ordentlich sind und ihren Müll wieder mitnehmen. Sein Problem sind die nächtlichen Gäste. „Dabei ist es gerade so, dass wir im Kaisersee viele nachtaktive Fische haben und daher zu dieser Zeit gerne auf unserem eigenen Gelände unserem Hobby nachgehen möchten.“

Leibig selbst findet die Darstellung in der Tageszeitung ärgerlich. Es ist ihm vollkommen bewusst, dass ein Zaun nicht möglich ist. „Das könnten wir uns als kleiner Verein auch überhaupt nicht leisten“ stellt er richtig. Gerne lädt er auch nächstes Jahr zum gemeinsam Aufräumen an den See ein und ist jetzt schon gespannt, wie viele sich dann tatsächlich beteiligen.

Markus Schuster hingegen ärgert die Tatsache, dass die sexuellen Handlungen in der ursprünglichen Berichterstattung auf Schwule pauschalisiert wurde. Er selbst ist schwul. Viele seiner Freunde, die an den See kommen auch. „Natürlich ist das seit Jahren ein Platz, an dem sich Schwule und FKK-Freunde gemeinsam zum Baden treffen.“ Von wildem Sex und einer Belästigung der anderen Badegäste kann seiner Meinung nach jedoch nicht die Rede sein. „Es gibt ab und zu welche, die im Wald hinter dem See verschwinden, die stören aber auch ganz sicher keinen.“ Außerdem, meint er, solle man da mal ein wenig genauer hinsehen, denn die Lust überkomme mindestens genauso viele Heterosexuelle wie schwule Pärchen. „Die pauschalisierte Verurteilung von Schwulen finde ich daneben.“

Mit seiner Auffassung steht Schuster nicht alleine da. Auch alle anderen Badegäste, die an diesem Nachmittag am See treffen, sehen die Sache ähnlich. Sie alle stören sich an der bisher erfolgten Berichterstattung, die die Seebesucher in „eine Schmuddelecke“ dränge. „Das hat jahrelang hier reibungslos funktioniert. Dass hier Nackte baden, das weiß man schon seit über 30 Jahren“, meint Theresia Köpper, die fast jeden schönen Tag am Kaisersee verbringt. Selbst die wenigen Badegäste, die nicht hüllenlos am See ihren Badetag verbringen, stören sich nicht an den Nacktbadern.

Die Erklärung des Vorsitzenden gegenüber der StadtZeitung macht nunmehr jedoch deutlich, dass es sich eher um ein nächtliches Problem handelt. Gegen die Nacktbader möchte man auch von polizeilicher Seite im Grunde nicht vorgehen. Zwar ist in Bayern offiziell das Nacktbaden verboten, an vielen Seen wird hier jedoch ein Auge zugedrückt. Auch Augsburgs Umweltreferent Rainer Schaal sieht die Angelegenheit versöhnlich. Er wünscht sich einen Konfliktmanager, der zwischen den Badegästen und den Fischern vermittelt.
Leibig sieht die Vermittlungsversuche mit der Stadt mit Skepsis. „Das bräuchte es eigentlich nicht. Denn die anständigen Badegäste sind überhaupt nicht unser Problem.“ Eine Patentlösung für das nächtliche Treiben am See hat er jedoch auch nicht. Zwar könnte er und von ihm Bevollmächtigte als Eigentümer des Sees Platzverweise aussprechen. In der Praxis werde das aber nur schwer durchsetzbar sein.

Nackte Tatsachen

Ein Kommentar von Florian Winkler-Ohm


Der Kaisersee ist seit Jahrzehnten ein Ort an dem friedlich nackt gebadet wird. Alter, Geschlecht und Herkunft spielen dabei keinerlei Rolle. Die Szene dort ist akzeptiert. Von der Rentnerin mit 85 Jahren bis zum 20jährigen Schwulen baden hier alle friedlich und mit großer gegenseitiger Toleranz nebeneinander. Selbst wenn es ab und an einmal zu intimeren Handlungen im Schutz des nahen Waldes kommt, ist das genauso häufig oder selten wie an anderen textilen Badeseen. Es herrscht ein tolerantes Miteinander das sich seit Jahren bewährt hat. Wer lieber mit Textil baden möchte, ist genauso willkommen wie die überwiegende Mehrheit die lieber so badet, wie Gott sie schuf. Keiner stört sich am anderen. Das auch der Fischereiverein seine Interessen als Inhaber des Sees durchsetzen möchte ist verständlich. Das trifft weniger die Gäste, die untertags am See baden, als vielmehr diejenigen die nachts das Ufer zur Partyzone erklären. Vielleicht wären einige nächtliche Kontrollen hier hilfreicher als eine geplante Vermittlung der Stadt zwischen Badegästen und Fischereiverein. Denn die, die Günter Leibig Sorge bereiten, sind dann aktiv wenn die anständigen Nacktbader längst brav in ihren Betten liegen. Schade nämlich, wenn wegen weniger Störenfriede der Ruf vieler jahrelanger Badegäste, die nun mal lieber nackt als angezogen baden, ein wenig beschädigt würde.
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