Kirchenasyl: Tschetschenische Familie sucht Zuflucht in Stadtbergen

Der Familie geht es sehr gut. Tina Hochheuser muss bei diesem Satz durchatmen. Die Erleichterung schwingt mit. Sie ist zwar eine Momentaufnahme, aber nach den Anstrengungen der vergangenen Wochen ist ein befreiendes Durchschnaufen mal drin. Die nächste Aufregung kommt bald genug.

Doch jetzt zählt eben erst einmal, dass es der Familie gut geht. Im Kirchenasyl in der Pfarrei Maria Hilfe der Christen in Stadtbergen.

Um die Mutter und ihre vier Kinder dreht sich derzeit alles in Stadtbergen – und auch das Leben der interkulturellen Trainerin Tina Hochheuser. Sie ist eine der vielen Ehrenamtlichen, die sich um die 30-jährige Tschetschenin mit ihrem Nachwuchs kümmert. Vor acht Monaten ist die Familie in Stadtbergen angekommen. Sie war über Polen nach Deutschland geflohen.

Auf der Flucht vor einer in Tschetschenien unumstößlichen Regel: Stirbt der Vater, gehen die Kinder über in den Besitz der Schwiegermutter. Widerstand ist zwecklos – selbst, wenn die Oma die Mutter und ihre Kinder wegsperrt und körperlich aber auch psychisch misshandelt. Der letzte Ausweg heißt schließlich Flucht. Und damit das Risiko einem Ehrenmord zum Opfer zu fallen. Ein Zurück ist keine Option, denn Tschetschenien hat nur etwa 1,3 Millionen Einwohner unter denen eine dichte Clanstruktur herrscht. Eine Mutter ausfindig zu machen – kein Problem.

Dieses Martyrium erlitt die Familie, die jetzt in der Stadtberger Pfarrei Zuflucht sucht. Und zwar nicht direkt vor dem Bruder, der „den Ehrenmord an der Mutter angekündigt hat“, wie Hochheuser erzählt und es noch einmal nachschieben muss: „Ihr eigener Bruder.“ Die Familie sucht Schutz vor dem Staat. Denn obwohl die Familie nachweislich traumatisiert, der älteste Sohn gar suizidgefährdet ist, schickte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge im Februar einen Bescheid: Die Familie muss ausreisen. Nachdem erste juristische Mittel dagegen nicht griffen, drohte die Vollstreckung der Abschiebung. Da traf Stadtpfarrer Konrad Huber einen Entschluss: "Ich gewähre der Familie Kirchenasyl."

Das Ziel: Zeit gewinnen. Für Widerspruch in höherer Instanz und für eine Petition im Landtag. 300 Stadtberger haben dafür unterschrieben, dass die Familie bleiben darf. Doch das Engagement der Menschen ist mehr als eine Unterschrift. Freiwillige bringen die Kinder in die Schule und den Kindergarten. Oder kaufen für die Mutter – sie darf das Pfarrheim nicht verlassen – ein.

Kochen kann die 30-Jährige selbst. Im Pfarrheim gibt es eine Küche. Schlafen können sie und ihre fünf bis elf Jahre alten Kinder in einem Pfarrjugendraum. Die freiwillige Feuerwehr hat ihn mit Stockbetten ausgestattet.
All das zeigt, wie integriert die fünf Tschetschenen in Stadtbergen sind. Die Kinder haben viele Freunde gewonnen, sind weiterhin in Vereinen dabei. Die beiden Mädels singen und besuchen mit dem jüngeren Bub das Turnen. Der Älteste spielt begeistert Fußball. Ganz normale Kinder eben. Außer, dass sie ständig um diese Normalität bangen müssen. Die behandelnden Ärzte fürchten, sie da herauszureißen, würde zu einer „ernsten Destabilisierung“ führen. Das teilt die Pfarrei mit.

„Fall Augsburg“ hat keinen Einfluss


Vom Landratsamt, das den Ausreisebescheid ausführen muss, haben die Stadtberger vorerst keine Schritte zu befürchten. „Wir respektieren das Kirchenasyl“, sagt Max Rauscher, Sachgebietsleiter der Ausländerbehörde. Er wolle zunächst den Ausgang der Petition abwarten. Falls diese scheitert, würde er zunächst das Gespräch mit der Familie suchen, ihr Möglichkeiten aufzeigen.

Dass die ebenfalls tschetschenische Familie, die von der Polizei im Februar aus dem Kirchenasyl in der Oberhauser Kirche St. Peter und Paul geholt worden war, das Vorgehen des Landratsamtes beeinflusse, verneint er: „Auch wenn Augsburg nicht gewesen wäre, würden wir dieses Kirchenasyl respektieren.“ Zumindest so lange der Ausgang der Petition offen ist – danach könnte es auch für Tina Hochheuser und ihre Mitstreiter wieder sehr schnell sehr aufregend werden.
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