Lehrlinge im Gefängnis: „Ich hab’ was geleistet“

Ilona näht Handtaschen aus Filz, wallende Tunikas und Hosen für elegante Damen. Dafür bekommt sie 1,25 Euro die Stunde. Trotzdem arbeitet die 22-Jährige mit Begeisterung: „Da hab ich was geleistet. Der Tag hat seinen Sinn gehabt.“

Ilona ist keine Leihkraft, auch keine Schwarzarbeiterin aus Osteuropa. Ilona sitzt in der Justizvollzugsanstalt Aichach ein. Wie lange sie dort bleiben muss, was die Gründe für ihre Haft sind, darf aus Datenschutzgründen nicht bekannt werden. Auch Ilonas richtiger Name nicht. Fest steht: Sie muss viel auf dem Kerbholz haben, wenn sie in Aichach arretiert ist. Das größte Frauengefängis Bayerns hält über 450 Haftplätze für „schwere Mädels“ vor und 140 für Männer, die hier ihre Reststrafe verbüßen.

40 straffällig gewordene Jugendliche sind hinter Gittern. Viele von ihnen haben keinen Schulabschluss und keinen Beruf, zwangsläufig also schlechtere Chancen, nach dem „Knast“ draußen wieder Fuß zu fassen. Eine Berufsausbildung sei deshalb ein wichtiger Beitrag zu Resozialisierung, erklärt Anstaltslehrerin Birgit Wirth.

Zehn Gefangene machen derzeit eine Ausbildung in der JVA: drei als Modenäherin, zwei Köche, drei Bäcker und zwei Friseure. „Es gäbe natürlich einige Gefangene mehr, die eine Lehre machen möchten“, so Lehrerin Margrit Wucher. „Aber oft ist es so, dass die Leute einfach zu kurz einsitzen, um die zwei Jahre Lehrzeit abzuleisten.“

Die Ausbildung in der JVA steht der in der freien Wirtschaft in nichts nach. Es gibt im Gefängnis die notwendigen Meisterbetriebe, das theoretische Wissen vermitteln drei Anstaltslehrer, denen Fachlehrer von „draußen“ stundenweise assistieren. Die Abschlussprüfung wird hinter den Mauern der JVA abgelegt. „Die Azubis aus der Justizvollzugsanstalt schließen alle mit guten bis sehr guten Ergebnissen ab“, bestätigt Claudia Nürnberger, die Ausbildungsberaterin der Industrie- und Handelskammer in Augsburg. Sie kümmert sich um die Lehrlinge in den drei schwäbischen Justizvollzuganstalten – neben Aichach Kaisheim und Niederschönefeld. 16 Frauen und Männer lernen dort einen Beruf, ausgebildet werden auch Drucker, Elektroniker, Teilezurichter sowie Maschinen- und Anlagenführer. „Die Inhaftierten können sich ganz auf ihre Berufsausbildung konzentrieren“, erklärt Nürnberger, die anlässlich des gestrigen bundesweiten „Tages der Ausbildungschance“ die JVA in Aichach besuchte, die guten Abschlusszeugnisse der Inhaftierten.

„Früher bin ich am Wochenende mit der Clique rumgehangen. Da wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, mich mit jemandem zusammenzusetzen, um zu lernen. Hier mache ich das schon“, erzählt Marina (Name geändert). Die 24-Jährige lernte nach der Schule Verkäuferin, doch in den Beruf wird sie kaum zurückkehren: „Wird wohl nicht so viele Chefs geben, die eine mit meiner Vergangenheit in Kontakt mit Kunden lassen.“

Das geht auch Angelika so. Die 27-jährige Kauffrau macht in der JVA deshalb ihre zweite Ausbildung zur Köchin. „Bis jetzt kam jeder meiner Lehrlinge nach der Haftverbüßung draußen unter“, sagt Küchenleiter Matthias Naber. Mit seinen 20 Mitarbeitern kocht er täglich für 600 Personen, Gefangene und Personal. 90 Kilo Nudeln, 85 Kilo Fleisch, 100 Liter frisch zubereitete Soße gehen täglich aus der seiner engen, aber blitzblanken Küche raus. „Unsere Köche haben zwar keine Erfahrung im A-la-Carte-Geschäft, aber das Kochen lernen sie von der Pike auf. Da gibt‘s keine Convenience-Produkte, alles wird per Hand geschnibbelt.“

Ilona könnte so etwas wie eine Vorzeige-Gefangene sein. Sie hat im Gefängnis ihren Hauptschulabschluss mit „Quali“ nachgeholt, lernt jetzt Modeschneiderin und will weitermachen. Mittlere Reife auf jeden Fall, dann vielleicht sogar das Fachabitur hat sie sich vorgenommen. „Ich war schon früher sehr zielstrebig“, sagt die Rothaarige. „Bloß hatte ich nicht so sinnvolle Ziele wie heute.“

In der Modeschneiderei lernen derzeit drei Gefangene. Sie erledigen Auftragsarbeiten von Firmen außerhalb, haben aber auch eine eigene Kreativ-Kollektion: Filzprodukte. Ausbildungsleiterin Josefine Watzka: „Wir machen Taschen, Handyhüllen oder Pantoffeln aus Filz. Ganz neu sind Brotkörbe und Flaschenwärmer.“ Zu kaufen gibt es die Arbeiten in der JVA oder über das Internet.
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