Letzte Hoffnung Backsteinkäfig

145 Männer leben im Haus an der Calmbergstraße. Sie hofften auf eine bessere Zukunft – und landeten in einem heruntergekommenen Loch. Ein Hausbesuch.

Plötzlich verschwindet Mamadous Zahnpasta-Lächeln. Der große Kerl, der gerade noch so locker war, wird auf einmal ganz leise. Es geht um seine Heimat. „Senegal“, sagt er, „ist ein gutes Land“. Dann, beinahe stammelnd, fügt er an: „Aber, wenn du dort ein Problem hast, bedeutet Senegal Kampf um Leben oder Tod.“

Mamadou ist 30 Jahre alt. Ein schlaksiger Kerl in Army-Shorts und Schlappen. Er ist einer von 145 Asylbewerbern, die an der Augsburger Calmbergstraße Zuflucht gefunden haben. Alles Männer, die meisten kommen aus Afghanistan, Pakistan oder Afrika. 145 Einzelschicksale, eingepfercht zwischen orange-roten Backsteinwänden. Die ehemalige Kaserne ist eine von acht Unterkünften dieser Art in der Stadt – und gilt als die schäbigste in ganz Bayern.
So schlimm, dass die SPD jüngst ihre endgültige Schließung forderte. Unmöglich sagt der Hausherr, die Regierung von Schwaben. Es fehlen Alternativen. Und die Asylbewerber werden immer mehr. Rund 900 leben bereits in Augsburg.

Mamadou repariert heute sein Fahrrad. Der Vorderreifen eiert. Und heute sind Holger und Susanne Thoma hier. Er handelt selbstständig mit Aktien, sie arbeitet in der Unternehmenskommunikation. Heute haben sie zwei blaue Werkzeugkisten dabei. Zwei Stunden lang werden die beiden gemeinsam mit den Asylbewerbern an deren Drahteseln herumschrauben.

137 Euro Taschengeld bekommen die Bewohner im Monat. Die Räder sind ihr wichtigstes Transportmittel. Eine Fahrkarte für die Tram ist purer Luxus. Während Holger Thoma Mamadou über Imbusschlüssel und Felgenrand aufklärt, lehnt Susanne an einer der beschmierten Schulbänke im Raum.

Seit über 20 Jahren arbeiten die beiden ehrenamtlich mit Asylbewerbern. Spätestens als 1991 Molotowcocktails das Heim in Hoyerswerda in Brand setzten, „wussten wir: irgendwas müssen wir tun.“ Drinnen starben Menschen, draußen applaudierten sie. Sie haben seitdem vieles erlebt, aber die Unterkunft an der Calmbergstraße ringt Susanne Thoma nicht mehr als ein Kopfschütteln ab: „Dieses Haus ist nicht mehr zu retten“, sagt sie.

Mamadous Fahrrad hat jetzt einen neuen Reifen. Der Senegalese macht sich auf den Weg in sein Zimmer. Zwei breite, knarzende Holztreppen nach oben. Auf der Treppe hat jemand Waschmittel verschüttet. Es ist die einzige Stelle, an der es nicht modrig riecht. Durch das gesamte Gebäude dröhnt pakistanische Musik. Sie begleitet Mamadou auf seinem Weg vorbei an den Toiletten. Der Gestank beißt in der Nase. Ein Bahnhofsklo wirkt dagegen wie das Drei Mohren. Es folgt ein weißer, kahler Gang. Farbliche Akzente setzen Gemüsereste auf Boden und Fensterbänken.

„Dieses Elend“, sagt Susanne Thoma, „haben die Bewohner selbst verursacht“. Doch sie nimmt die Menschen in Schutz: „Was will man erwarten, bei 145 Männern auf einem Haufen? Das wäre nicht anders, wären die Bewohner alle Deutsche aus Augsburg.“ Das Kernproblem sei die Anonymität. Zu viele auf einmal teilen sich eine der lediglich vier Küchen und Bäder. Die Richtlinien sagen eigentlich: maximal zehn Menschen pro Küche oder Dusche. Außerdem fehlt ein Aufenthaltsraum. Ein Gemeinschaftssinn kommt so schwer zustande, und somit die Kontrolle, wer Dreck verursacht oder Sachen kaputt macht.

Hinzu kommt das Schicksal vieler Bewohner. Hinter den vergitterten Fenstern herrschen Psychosen und Depression. „Viele hocken antriebslos in ihren dunklen Zimmern“, erzählt Thoma. Heimatverlust, Flucht mit tagelangen Wüstenmärschen, illegal durch Krisengebiete oder Folter – was diese Menschen gesehen haben, kennen wir nur aus dem Fernsehen.

Auch Mamadou musste seine kranken Eltern zurücklassen. Er hatte keine Wahl. Warum, verrät er nicht. Seit zwei Jahren ist er in Deutschland, seit einem Jahr lebt er an der Calmbergstraße. Ob es ihm hier gefällt? „Kein bisschen“, sagt er, „es ist dreckig. Das Leben hier ist hart.“ Er will endlich Geld an seine Familie schicken. Einen Job hat er schon, bei einem Logistikunternehmen.

Antreten darf er ihn nicht. Sein Antrag auf Asyl – abgelehnt. So wie der von 98 Prozent der Asylbewerber, die in Deutschland stranden. Mamadou ist geduldet. Das heißt, er könnte jeden Moment abgescheoben werden. Ein Schwebezustand, der ihm nicht nur die Arbeit verwehrt, die er so unbedingt antreten möchte. Er bedeutet auch ein Gefühl der ständigen Angst, bald wieder komplett heimatlos zu sein.

Im Moment ist sein Zuhause ein kleines Zimmer, das er mit zwei anderen Senegalesen teilt. Bis vor kurzem waren sie gar zu viert. Auf grauen Spinden, die wohl Reliquien aus der Kasernenzeit sind, türmen sich Koffer. Dahinter reiht sich Bett an Bett. Es ist eng, dafür aber warm. Für eine Drei-Mann-WG auf ein paar Quadratmetern ist es äußerst ordentlich.

Einen kleinen Kühlschrank hat das Trio, auf dem Tisch stehen die Lebensmittel, die drinnen keinen Platz mehr haben. Zwei Mal die Woche kommt ein Laster mit Essens-Paketen an die Calmbergstraße. Diese Fütterung hat bald ein Ende. Dafür soll das Taschengeld erhöht werden. Endlich mehr Eigenverantwortung, findet Susanne Thoma. Es ist ein winziger Schritt in Richtung Selbstständigkeit der Asylbewerber.

Der Weg zurück in die Fahrradwerkstatt führt durch weitere meterlange kahle Gänge. Am Fuß einer Treppe liegt ein kaputter Tischfußball-Kasten. Bei Partys wurde bis spät nachts damit gespielt. Einem Bewohner wurde das wohl zu viel – das Ende der Fußballer aus Hartplastik.

Nein, Engel sind wahrlich nicht alle unter den 145 Calmberg-Bewohnern. Es wird oft laut nachts, alkoholgeschwängerter Vandalismus ist keine Seltenheit. Oft kommt dann die Polizei vorbei. Razzien, mitten in der Nacht. Die „Geduldeten“ stehen aufrecht im Bett. Die Angst, abgeschoben zu werden, flutet die weißen Gänge und schwappt in die Zimmer.

Das Verhältnis zu den Nachbarn sei bis auf die Ruhestörungen eine friedliche Koexistenz, sagt Susanne Thoma. Sie ist auf einmal ganz aufgeregt. Im Werkraum schrauben nicht nur zwei weitere Asylbewerber an ihren Rädern. Ein Augsburger repariert mittendrin sein Radl. „Ich fahre hier öfter vorbei“, sagt er, „und wusste gar nicht, was in dem Haus ist“. Er wird wiederkommen, sagt er. Eine zarte Annäherung eines Einzelnen zwar, aber für die Thomas ist es ein Lichtblick zwischen den Backsteinmauern an der Calmbergstraße.

Termin: Nun schon zum dritten Mal treffen sich Heimbewohner und die umliegende Nachbarschaft, aber auch interessierte Augsburger und Augsburgerinnen aus anderen Stadtteilen am Samstag, 15. Februar, zwischen 14 und 16 Uhr, um gemeinsam an ihren Rädern zu schrauben. Dadurch können die Flüchtlinge im Augsburger Antonsviertel Menschen aus ihrem Stadtteil kennen lernen. Auch Uwe Kekeritz, Mitglied der Bundestagsfraktion Bündnis 90/ Die Grünen und Sprecher für Entwicklungspolitik, interessiert sich für die Situation der Heimbewohner, deren Lebensbedingungen und ihr nachbarschaftliches Umfeld und wird vor Ort sein.
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