Mann der Bäume: Kampf gegen die Fällungen auf der Augsburger Fuggerstraße

Blick in die Krone: Norbert Mayr sorgt sich um die Bäume an der Fuggerstraße. (Foto: David Libossek)
 
So sehen die Pläne der Stadt für den Fugger Boulevard aus. (Foto: Archiv)


Braun-Beige Lederhose- und Jacke im Trachtenstil, kombiniert mit passendem Schlapphut. So galoppiert Norbert Mayr über die Betonprärie des Königsplatzes. Das Ross des Stadtindianers ist ein Radl, das vorne und hinten einen wuchtigen Gepäckträger hat. Am Fuß der Fuggerstraße angekommen, zügelt er sein Transportmittel und bindet es neben einem Baum an, der vom Plakat eines Fitnessstudios umgeben ist.

"Eigentlich müsste ich mich Grün anmalen und in eine Baumkrone setzen", denkt Norbert Mayr laut nach. Dann grinst er. Fürs erste muss ein Zeitungsartikel reichen, um Aufmerksamkeit für seine Sache zu bekommen. Seine Sache sind die Bäume an der Fuggerstraße. Jene Achse, die den Königsplatz und das Stadttheater verbindet. Die rund 60 Linden, die rechts und links die Allee bilden, sollen gefällt werden, sobald die Stadt das Geld für das Prestigeprojekt Fuggerboulevard aufbringen kann.

Mayr will das verhindern. Denn, davon ist der Landschaftsgärtner überzeugt, die Stadt wolle die Bäume für die Ästhetik der angestrebten Prachtmeile opfern. Für Mayr, nach eigener Aussage gute 50, ein Unding und Sachbeschädigung.

Einen Pfeil hat der Stadtindianer bereits in Richtung Umweltreferent Reiner Erben (Grüne) abgefeuert - in Form eines Briefes. Nach sechs Wochen des Wartens hält er nun die Antwort in Händen. Bei der Planung des Fuggerboulevards "stand der Erhalt der Bäume immer im Vordergrund", heißt es in dem Schreiben. Dennoch habe der Stadtrat vor fast genau zwei Jahren entschieden, die Bäume zu fällen. Denn neue Untersuchungen hätten gezeigt, dass "die Größe der Kronen für Linden dieses Alters stark unterentwickelt seien".

"Wie wenn man einem Kind einen Gürtel um den Hals legt"

Kein Wunder, entgegnet Mayr und ist mit drei schnellen langen Schritten am ersten Baum der Fuggerstraße angelangt. "Schauen Sie", fordert er auf und deutet mit ausgestreckter Hand auf den kleinen Kreis Erde, der den Stamm vom Beton trennt. "Das ist doch logisch, wenn man die Bäume tot-teert. Sie kriegen kaum Wasser. Das ist, wie wenn man einem Kind einen Gürtel um den Hals legt."

Ein gewolltes Übel, glaubt Mayr. So könne die Stadt gegenüber der eigenen Baumschutzverordnung legitimieren, die Linden zu fällen und neue zu pflanzen. Von zwei neuen Baumreihen je Seite schreibt Umweltreferent Erben, so wie sie auch Grafiken des geplanten Boulevards zeigen. Weit kleinere Bäume als die Linden vermutet Mayr, denn "die verschaffen eine bessere Sicht auf das Theater. Das will die Stadt, würde es aber nie zugeben", vermutet Mayr, schließlich wäre das ja kein triftiger Grund, zu Fällen.

Mayr ist sicher: "Argumentation der Stadt ist fachlich falsch"

"Linden können bis zu 1000 Jahre alt werden", argumentiert er. Dass das Umweltreferat angibt, man könne die kommenden Bäume mit Substrat-Erde anreichern, ringt ihm ein Lachen ab: "Warum hat man das bisher nicht getan", fragt er, fährt mit der Hand durch die Erde um einen weiteren Alleebaum, fühlt sie zwischen den Fingern und analysiert umgehend: "Das hier ist tote Erde. Wo soll der Baum seine Nährstoffe hernehmen?"

Drei Jahrzehnte Berufserfahrung, unter anderem im Botanischen Garten, sagen ihm, dass auch die Begründung Erbens, nach welcher die neuen Alleebäume nicht im Schatten der bestehenden Linden wachsen können, falsch ist. Dafür zitiert er aus einem Büchlein mit Fragen der Landschaftsgärtnerprüfung, das er rasch aus einem der Gepäckträger zieht. "Photosynthese von Laubbäumen funktioniert am besten bei Temperaturen von 20 bis 28 Grad", liest er vor. Ein Schattenplätzchen sei im Sommer also ideal. Also könne man die zwei Baumreihen durchaus auch mit den vorhandenen Linden realisieren.

Und noch etwas gibt Mayr zu bedenken: Die Bäume bauen Feinstaub ab und sind natürliche Klimaanlagen. "Ohne sie ist es im Sommer auf dieser Straße ein bis zwei Grad wärmer", erläutert Mayr und ergänzt: Die neuen Bäume bräuchten bis zu 25 Jahre Wachstumszeit, um das leisten zu können.

Mayr und seine beiden Mitstreiterinnen wollen die Bäume retten, denn, da ist Mayr ganz sicher, das sei bei den meisten möglich. Sie haben einigen der Linden bereits kleine Sprüche umgehängt. Sie möchten sich mit anderen vernetzen, hoffen auf einen Effekt wie an der Hessenbachstraße, an der Baumschützer mit Mayrs Unterstützung gegen Fällungen für die Trasse der Linie 5 protestierten, oder wie in Göggingen, wo Anwohner wegen drei gefällten, steinalten Kastanien Alarm machten. "Hier geht es um 60 Bäume", appelliert er, da müsse sich doch etwas rühren. Und wenn er sich dafür Grün anmalen muss.
1
1
2
Diesen Autoren gefällt das:
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.