Mehr Pflege für Pflegende

Bürgermeister Stefan Kiefer, Tanja Segmüller vom Team Wittener Werkzeuge, Prof. Dr. Angelika Zegelin von der Uni Witten/Herdecke, Psychologe Günter G. Bamberger und Susanne Greger, Werkleitung Altenhilfe, sind froh, mit den "Wittener Werkzeugen" einen Prozess bei der Altenhilfe in Augsburg angestoßen zu haben. Foto: Anja Lütke-Wissing
 
Mittels der "Wittener Werkzeuge" sollen Pflegende eine förderliche und persönliche Beziehung zu Bewohnern eines Pflegeheims aufbauen, bei gleichzeitiger Sorge für sich selbst. Foto: melpomen/123rf.de

Der Pflegeberuf ist derzeit schwer gebeutelt. Die Augsburger Altenhilfe nutzt nun - einmalig in Deutschland - ein neues Konzept: Die sogenannten "Wittener Werkzeuge".

Die Augsburger Altenhilfe geht mit einem neuen Konzept in der Pflege-Branche voran. Bisher einmalig in Deutschland ist das Projekt, das ursprünglich für Mitarbeiter in Krankenhäusern entwickelt wurde und die Kommunikation in der Pflege verbessern soll.

Der Ausgangspunkt des Konzepts: Kommunikation in der Pflege ist komplex und reicht von einem kurzen Gespräch bis hin zu existenziellen Gesprächen und Beratungen. Viele Mitarbeiter fühlen sich damit sehr gefordert, da oft die Zeit für die pflegerische Versorgung schon knapp bemessen ist. Pflege ist heutzutage bereits unerträglich reduziert und wird noch reduzierter wahrgenommen - oft nur als rein körperliche Versorgung. Aber alte Menschen sind als ganze Person da, mit Körper, Seele und Geist. Die Pfleger sind damit umfassend für deren Lebensqualität zuständig.

An der Universität Witten/Herdecke beschäftigen sich seit 1996 die Professorin Angelika Zegelin und der Psychologe Günter Bamberger mit der Frage, wie die Kommunikation in Pflegeberufen für alle Beteiligten mithilfe einer humanistischen Grundhaltung zur persönlichen Zufriedenheit gestaltet werden kann. Nach Zegelins Erfahrung wird öffentlich viel darüber diskutiert was Pflegende nicht tun, nicht aber was sie für das Wohlbefinden hilfebedürftiger Menschen durch Kommunikation und Gespräche leisten. Sie entwickelten daher eine Methode, um die bisher zu wenig beachteten psychologischen und pädagogischen Aspekte der Pflegearbeit herauszuarbeiten. Dieses Konzept der "Wittener Werkzeuge" vermitteln sie über mehrere Monate in Blöcken mit je zwei bis drei Tagen - in ganz Deutschland nur einmal pro Jahr. Susanne Greger, Werkleiterin der Augsburger Altenhilfe, hat sich dafür stark gemacht, dass das Team in diesem Jahr in den Augsburger Eigenbetrieb kam, nachdem 2014 schon das betriebliche Gesundheitsmanagement auf den Weg gebracht wurde.

Insgesamt arbeiten rund 600 Mitarbeiter in der städtischen Altenhilfe, rund 350 davon in der Pflege. 16 leitende Mitarbeiter der städtischen Senioreneinrichtungen wurden nun geschult. Die Trainer vermittelten, wie man mittels der "Wittener Werkzeuge" eine förderliche und persönliche Beziehung zu Bewohnern eines Pflegeheims aufbauen und gleichzeitig für sich selber sorgen kann. Sie gehen davon aus, dass eine für beide Seiten gelungene, erfüllende Begegnung und Kommunikation nur durch eine Kombination aus drei Bereichen, aus den sogenannten "PatientCare", "SelfCare" und "TeamCare," gelingen kann. Dabei wird das Pflegepersonal auch ermutigt, nicht über die teils schlechten Rahmenbedingungen zu klagen, sondern eigene Bedürfnisse wahrzunehmen, zu äußern und durchzusetzen. "Denn bei Menschen in sozialen Berufen steht meist der zu Pflegende an erster Stelle, dann die Kollegen, dann kommt lange nichts und dann erst sie selber", so Angelika Zengelin. Dieses Bewusstsein müsse sich ändern, hier tue gesunder Egoismus Not. Augsburg ist mutig genug, in diesen Entwicklungsprozess einzusteigen und bei den Pflegenden mit Veränderungen zu beginnen. Denn auch wenn Rahmenbedingungen bleiben, könne man Dinge anders machen: Zum Beispiel eine andere Haltung bei bestimmten Aufgaben einnehmen oder eine Tätigkeit mit mehr Körperkontakt ausüben.

Die Zeit zwischen den Seminarblöcken wurde von den Teilnehmern dazu genutzt, das Erlernte in die Praxis umzusetzen und für sich persönlich das richtige Werkzeug zu finden. "Bei unserem Ansatz geht es nicht um reine Wissensvermittlung, sondern darum, Impulse zu geben für einen Prozess, der dann Änderungen auf der Verhaltensebene bewirken soll. Die Werkzeuge sollen in den jeweiligen Teams vorgelebt, Erfahrungen weitergegeben und auch weiterentwickelt werden", so Bamberger. Mit "Werkzeugen" wie Achtsamkeit, Mitgefühl, Ermutigung und Berührung soll es gelingen, den Patienten bewusst mehr Aufmerksamkeit zu teil werden zu lassen und gleichzeitig für die eigenen Kräfte und Bedürfnisse zu sorgen. Fünf der zehn Werkzeuge beziehen sich daher auf die Pflegenden selbst, denn nur wer für sich selbst gut sorgt, kann auch für andere sorgen. Eine Teilnehmerin berichtete, dass vor allem die Wahrnehmung geschärft werde.

Achtsamkeits-App auf dem Handy
Ihr gelingt dies mithilfe einer Achtsamkeits-App auf ihrem Handy - ein Gong erklingt und erinnert sie daran, kurz innezuhalten, den Moment zu genießen, um sich danach wacher und gestärkt wieder ihren Aufgaben zu widmen. Ein anderes Beispiel, ganz ohne Technik realisierbar, ist, sich selber auch einen Tee zu kochen, wenn man für Patienten einen zubereitet.

Dass Susanne Greger diesen Prozess in Gang setzte, erfreut Bürgermeister und Sozialreferent Stefan Kiefer. Damit habe man eine zukunftsfähige Methode gewählt, um Pflegemitarbeitern ihren Wert zu verdeutlichen. Denn der Pflegeberuf ist zurzeit schwer gebeutelt: hohe Krankenstände, Burnout, Berufsaussteiger, Nachwuchssorgen. Aber die Pflegenden leiden auch unter Skandalisierung der Pflegeskandale, denn ihre Leistung wird per se in Frage gestellt und das kratzt nicht nur am Image des Berufs, sondern vor allem an der Selbstachtung. Dabei wird der Pflegeberuf aufgrund des immer weiter steigenden Anteils an alten und pflegebedürftigen Menschen immer bedeutender.
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