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Analphabet "Micki" Apps erleichtern Analphabet "Micki" den Alltag. Foto: Thomas Winter

Feridun Mikiroglu ist Analphabet. Der Aichacher, der in Augsburg bei Sina Trinkwalders Manomama arbeitet, erzählt aus seinem Alltag.

Speisekarten, Klingelschilder, der Beipackzettel eines Medikaments: Den meisten von uns erscheint es völlig normal, lesen zu können. Unser Gehirn setzt - wie eben jetzt - Buchstaben zu sinnhaften Wörtern und Sätzen zusammen, so selbstverständlich, wie wir uns die Schnürsenkel binden. Dass jemand - zumal in Deutschland - das nicht kann, ist schwer vorstellbar. Trotzdem können laut einer Studie 7,5 Millionen Menschen im erwerbsfähigen Alter auch hier nicht richtig lesen und schreiben. Feridun Mikiroglu, 46, aus Aichach ist einer davon. In der StadtZeitung erzählt der Angestellte von Sina Trinkwalders Manufaktur Manomama, wie er seinen Alltag meistert.

Um zu verstehen, wie sich ein Analphabet fühlt, haben wir einen kleinen Versuch gewagt: In der Überschrift zu diesem Artikel wurden alle Wörter klein geschrieben und die Leerzeichen verschoben. Als geübter Leser braucht es einige Zeit, um den Sinn zu verstehen. Silbe für Silbe setzt man mühevoll die Bruchstücke zu einem Satz zusammen, der da lautet: Mein Leben als Analphabet.

Ähnlich schwer tun sich sogenannte funktionale Analphabeten mit dem Lesen. Sie verstehen den Sinn eines Textes entweder überhaupt nicht, oder nicht schnell und mühelos genug. Feridun Mikiroglu, Vater von vier Kindern aus Aichach, weiß mit geschriebener Sprache null anzufangen. Der 46-Jährige ist ein fachsprachlich totaler Analphabet. Lesen und schreiben kann er gar nicht, lediglich einzelne Wörter kopieren, wenn sie in Druckbuchstaben geschrieben sind - und das, obwohl Feridun zwei Jahre in der Türkei, und sechs Jahre in Deutschland die Schulbank gedrückt hat. "Bis zur 6. Klasse bin ich in Kühbach, später in Aichach in die Schule gegangen", berichtet der Deutsch-Türke.

Mit acht Jahren sei er mit seiner Familie nach Deutschland gekommen. "Wegen meiner Größe habe ich die dritte Klasse übersprungen, die vierte dafür aber zweimal gemacht", erzählt Feridun freimütig und lacht. Mit seinem Defizit geht er mittlerweile offen um. "Lange habe ich mich dafür geschämt, bin oft rot geworden. Jetzt ist mir egal, was die Leute denken."

Gute Noten holte der heute 46-Jährige nur in den Fächern Sport und Kochen. Dass er weder schreiben noch lesen kann, fiel nicht weiter auf - beziehungsweise wurde schlichtweg ignoriert. "Wenn es darum ging, etwas aus dem Schulbuch vorzulesen, sagte der Lehrer: Miki, du kannst das eh nicht, dann kam immer ein anderer dran."

Förderung bekam er keine, "die Lehrer haben es einfach weiterlaufen lassen", erzählt der vierfache Vater. Bei Prüfungen habe er meist von seinem jeweiligen Banknachbarn abgeschrieben. Gute Noten kamen dabei selten heraus, trotzdem schaffte er es in der Hauptschule mit einmal Sitzenbleiben bis in die 8. Klasse und bekam - auch ohne Abschluss - sofort nach der Schule eine Stelle bei der Firma Meisinger, heute MEA AG, in Aichach.

Hier arbeitete Feridun 13 Jahre lang, besuchte die Berufsschule, machte den Staplerführerschein, bediente Maschinen. "Ich habe mir immer alles abgeguckt. Dabei ist zwar manchmal auch Schmarrn herausgekommen, oft hat es aber funktioniert", sagt der 46-Jährige schmunzelnd und auch ein bisschen stolz.

Für einen Analphabeten hat er viel erreicht. Beim ersten Anlauf hat er die Führerscheinprüfung bestanden. Ein Türkisch-Deutsch-Dolmetscher hat ihm die Fragen vorgelesen, so konnte "Miki", wie ihn Freunde und Bekannte nennen, seine Schwäche kaschieren.

"In 15 Jahren habe ich noch keinen Unfall gebaut", sagt Feridun. Namen auf Verkehrszeichen hat er als Schrift-Bild verinnerlicht. Fährt er zu Verwandten in die Türkei oder in die Niederlande, lernt er Orts- und Straßennamen auswendig oder benutzt einfach ein Navigationsgerät, denn Namen in die Tastatur eingeben, kann er. "Neue Techniken wie das Handy oder Navi helfen mir sehr. Mittlerweile gibt es Apps, die einem den Inhalt einer Webseite vorlesen", sagt Miki. Ansonsten helfen ihm seine zwölfjährige Tochter Meltem, ein Neffe oder seine Frau Hulya.

"Auf Ämtern habe ich oft gesagt, ich versteh' nicht richtig, um was es geht. Die Beamten haben mir die Sache dann mehrmals erklärt, bis ich gesagt habe, ach, schreiben sie mir das doch gleich rein ins Formular", erklärt Feridun einen seiner Tricks.

Zeitweise hat der Deutsch-Türke auch einen Gemüseladen in Aichach betrieben, später einen Obsthandel mit mehreren Mitarbeitern. "Was ich bei der Buchhaltung beachten musste, hat mir mein Steuerberater erklärt. Mit Zahlen hatte ich nie Probleme", sagt Miki. Trotzdem stieß er durch sein Handicap immer wieder an Grenzen. Sein Wunsch als Schiedsrichter bei Fußballspielen zu pfeifen etwa, blieb unerfüllt. "Weil ich keine Roten und Gelben Karten vergeben kann, da muss man ja auch den Namen der Spieler aufschreiben", erklärt der 46-Jährige.

Hin und wieder eckte er bei Vorgesetzten auch an, wenn er sich wieder einmal einer bestimmten Aufgabe widersetzte. Dabei ging es nicht selten darum, irgendetwas in den Computer eintippen oder aufschreiben zu müssen. Dennoch nahm er die Nachteile in Kauf. Denn so entging er zumindest der Peinlichkeit, sich als Analphabet outen zu müssen.

Mittlerweile arbeitet Feridun bei Manomama in Augsburg, ein Textilunternehmen mit sozialem Engagement. In Sina Trinkwalders Manufaktur sind Menschen mit Behinderung, Migrationshintergrund, Alleinerziehende und Menschen ohne Schulabschluss beschäftigt. Lesen und schreiben lernen, möchte er nicht mehr, dazu sei er zu alt, sagt Feridun. Stolz ist er aber, dass seine Tochter Meltem das kann, womit ihr Vater so große Schwierigkeiten hat.
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