"Menschen sind wir ja alle"

Bahnhof Oberhausen Am Bahnhof Oberhausen trifft sich seit Jahren die Augsburger Drogenszene. Foto: David Libossek

Sie sind unerwünscht, nicht gerngesehen: Die Drogenszene am Oberhauser Bahnhof steht seit einer Messerattacke im Fokus der Öffentlichkeit. Nun arbeitet die Stadt an einem Konzept, durch das die Situation entschärft werden soll.

Von der Hundertschaft grölender und pöbelnder Drogensüchtiger ist nichts zu sehen. Das Wetter ist an diesem Spätnachmittag gut, ein knappes Dutzend Personen hat sich auf den beiden Bänken mitten auf dem Helmut-Haller-Platz niedergelassen. Sie trinken, reden miteinander - kein Geschrei, kein Terror.

15 Meter weiter hat sich eine zweite Gruppe versammelt. Ordnungsreferent Dirk Wurm hatte zum Vor-Ort-Termin eingeladen. Es soll die aktuelle Lage und Situation besprochen werden. Vertreter der Arge Oberhausen, Mitglieder des Stadtrats, Gastronomen und Anwohner sind da. Auch die Polizei und die Drogenhilfe sind gekommen.

Anlass für das kurzfristig anberaumte Treffen ist die Messerstecherei am Mittwoch vor einer Woche. Ein 35-Jähriger war brutal niedergestochen worden. Zwei Männer sind der Tat dringend verdächtig und sitzen in U-Haft. Täter und Opfer, das dank einer Notoperation im Klinikum überlebte, kommen aus der Drogenszene. Und plötzlich sind die Menschen, die sich hier seit Jahren zusammenfinden, ein Problem.

Schnell ist in der Diskussionsrunde die Wurzel allen Übels gefunden: Die Bänke müssen wieder weg. Früher gab es Sitzmöglichkeiten am Rand des Platzes, und da sollen die Drogensüchtigen auch wieder hin, ist man sich schnell einig. Die Idee, den ohnehin kaum genutzten Spielplatz für die Szene frei zu geben, finden eigentlich alle gut - auch die Angehörigen der Szene, die sich mittlerweile zum Kreis dazugestellt haben. Aufmerksam und ruhig hören sie zu, wie andere über die Zukunft der Szene debattieren.

Stefan Lanzinger, Chef der Polizeiinspektion in Oberhausen, kennt die Szene freilich. Er versucht zu beruhigen, stellt die Messerattacke als das dar, was sie ist: ein singuläres Ereignis. "Es kann jetzt auch in den nächsten drei Jahren zu keiner Gewalttat mehr kommen", gibt Lanzinger zu bedenken. Ohnehin ist die Zahl an Körperverletzungen am Oberhauser Bahnhof verschwindend gering, 90 Prozent davon spielen sich innerhalb der Szene ab. Eine Veränderung im Vergleich zum Jahr 2014 könne er nicht feststellen.

Mehr Aggression gebe es schon, neue Drogen, bekannt unter dem Sammelnamen "Badesalz" würden die Konsumenten auf gefährliche Weise enthemmen. Doch Streetworker Andreas Köjer schränkt ein: "Nicht jeder, der Badesalz nimmt, ist gemeingefährlich und nicht jeder der gefährlich ist, hat Badesalz genommen." Er wirbt darum, nicht alle Szeneangehörigen über einen Kamm zu scheren - und muss sich prompt für seine Arbeit rechtfertigen. Wie oft die Drogenhilfe denn da sei, was er denn überhaupt bisher ausgerichtet habe - schließlich habe sich nichts an der Szene verändert. "Mein Ziel ist es, dass sie überleben", schießt Köjer trocken zurück.

Ehrlich dankbar für seine Hilfe sind Andreas Haug und Tom Schafranik. Die beiden gehören seit vielen Jahren zur Szene. Für die Sorgen der Anwohner zeigen sie sogar ein gewisses Maß an Verständnis. Auch ihnen wäre es lieber, wenn sie sich auf den Spielplatz zurückziehen könnten.

Doch den Vorwurf, dass sie gefährlich seien, wollen sie sich nicht gefallen lassen. "Wir sind nicht aggressiv", betont der 38-jährige Haug, der sich regelmäßig am Spätnachmittag nach seiner Arbeit mit der Clique am Oberhauser Bahnhof trifft. Ein anderes Szenemitglied mischt sich ein und stellt klar, dass keine "Zivilisten", die über den Platz laufen, angepöbelt werden. "Was soll ich denn sonst sagen? Menschen sind wir ja alle", antwortet er ernst auf die Lacher wegen seiner Wortwahl.

Schnell wird im Gespräch mit der Szene klar, dass es hier auch um Respekt geht. Deshalb wehrt sich Schafranik gegen die Forderung nach verschärften Kontrollen. Das "Filzen" durch die Polizei empfindet er als demütigend. "Sich mitten auf der Straße ausziehen müssen - wer macht so etwas schon gern?", fragt er und erzählt von der psychischen Belastung bei den Razzien. Dabei nehme er selbst keine Drogen mehr, seit 20 Jahren ist er im Substitutionsprogramm. "Nur mein Bierle lass ich mir von niemandem nehmen."

Eigentlich wollen sie nur in Ruhe gelassen werden - was sich mit der Spielplatz-Variante umsetzen ließe. "Einen rechtsfreien Raum wird es auch dann nicht geben", beruhigt Ordnungsreferent Wurm die besorgten Anwohner. Kontrolliert werde auch auf dem Spielplatz, wenn dieser umgewidmet werden sollte.

Mit den Kontrollen haben sich Haug und Schafranik notgedrungen abgefunden. "Das gehört halt dazu", meint Haug. Doch sie bitten darum, auch ihre Seite zu verstehen. Sie wollen einen Platz, um sich treffen zu können. Und den werden sie voraussichtlich auch bekommen. Die Frage ist nur, wann der Stadtrat soweit ist. Die Verwaltung arbeitet nun an einem Gesamtkonzept für den Oberhauser Bahnhof. Im Juli will Wurm einen ersten Entwurf vorstellen.
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