„Mit jeder hohen Welle, die kam, hab ich meine Familie sterben sehen" - Ein Flüchtling erzählt seine Geschichte

Hafiz Rezai hielt am Paul-Klee-Gymnasium in Gersthofen einen Vortrag: er berichtete über seine Flucht nach Deutschland und seine Vorstellungen für eine sichere Zukunft, die er sich hier wünscht.

Der 38-jährige Hafiz Rezai ist Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Meitingen. Der 17-jährige Sohn des gelernten Lederschneiders spielt beim TSV Meitingen Fußball, seine zwölfjährige Tochter Tennis. Rezai hat eine "normale Familie" – allerdings: eine noch nicht anerkannte Flüchtlingsfamilie aus Afghanistan. Die Rezais leben seit zwei Jahren in Deutschland. Etwas aufgeregt geht er an diesem Tag im Gersthofer Gymnasium seinen Text mit Nina Berger für seinen bevorstehenden Vortrag noch einmal durch.

Schulleiter Peter Krauß hatte seine Schüler gebeten, wer Flüchtlinge kennt, diese für einen Vortrag in die Schule einzuladen, um über ihre Lebensgeschichte zu berichten und Vorurteile zu beseitigen. Die 15-jährige Nina Berger nahm sich der Aufgabe sofort an. Ihre Eltern kannten als Flüchtlingshelfer Hafiz Rezai und stellten den Kontakt zu Nina her.

Rezai erzählt fünf Klassen des Paul-Klee-Gymnasiums in gutem Deutsch sehr gefasst und gelassen eine Geschichte. Es ist eine besondere – Rezai berichtet von seiner Flucht.

Hin und zurück: Afghanistan - Iran - Afghanistan - Iran

Rezai ist in Ghazni geboren, in Afghanisten. Dort ging er zur Schule und absolvierte sein Abitur an einer Abendschule. Im Alter von 15 Jahren musste er das erste Mal mit seiner Familie in den Iran flüchten. Neun Jahre konnten sie an diesem Ort leben, bis sie wegen der Amerikaner zurück nach Afghanistan mussten. 2012 verschlechterten sich dort die Zustände und er musste zurück in den Iran fliehen. Doch er und seine Familie bekamen kein Asyl. Er wurde vor die Wahl gestellt: Entweder nach Syrien in den Krieg ziehen oder zurück nach Afghanistan. Doch das waren keine Optionen für ihn.

Flucht nach Deutschland - über die Türkei und Griechenland

2015 flüchtete er nun zusammen mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in die Türkei – 25 Tage waren sie unterwegs, schliefen in Wäldern und zerstörten Häusern. Nach acht Monaten verließen sie die Türkei in einem Vier-Mann-Boot, in dem letztendlich zwölf Personen saßen. Das Boot hatte nur für eine Stunde Benzin. Anschließend trieben sie vier Stunden unkontrolliert auf dem Meer.

„Mit jeder hohen Welle, die kam, hab ich meine Familie sterben sehen. Ich habe mich so hilflos gefühlt“, erzählt Rezai. In Griechenland angekommen machten sie sich schnell mit nicht mehr als Wasser und Keksen in der Tasche zu Fuß auf den Weg nach Deutschland. Nach mehr als einem Monat kam die Familie in München an und wurde für eine Woche in Sonthofen in einem Camp einquartiert – dem folgten acht Monate in einem Flüchtlingsheim in Ostendorf – ohne die Möglichkeit zu arbeiten, einzukaufen und wirklich zu leben. Dort mussten sie sich eine Küche mit sieben Familien teilen. Das Problem war, dass die Familien keine gemeinsame Sprache hatten und eine Kommunikation nicht möglich war.

Seit April 2016 lebt Rezai nun mit seiner Frau und seinen mittlerweile drei Kindern in einer eigenen Wohnung in einem Flüchtlingsheim in Meitingen. Rezai hat einen B2-Deutschkurs erfolgreich abgeschlossen.

Zukunft in Deutschland aufbauen - in Sicherheit

Der größte Wunsch Rezais ist, sich eine sichere Zukunft mit seiner Familie aufzubauen. Außerdem würde er anderen Immigranten gerne Deutsch beibringen, um ihnen bei deren Integration zu helfen. Er hat einen Traum: Er würde gerne eine eigene Teakwondo-Schule eröffnen, da er seit 1993 Teakwondomeister und -kampfrichter ist.

Hafiz Rezai ist froh nach diesem harten Weg in Deutschland zu sein. „Dieses Land garantiert mir Sicherheit. Die Deutschen haben einfach ein Gefühl für Menschen, die Hilfe brauchen“, sagt er und ist dankbar dafür.
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