Mit Liebe zum Detail

Bringt alte Technik und modernes Design zusammen: Eva Demuth, die in Hammel lebt.
 
Das Kreuz mit der Christusfigur vor der Bearbeitung.
 
Sorgfältig wird die Christusfigur gereinigt und von abgeplatzten Farbresten befreit.
Altes Handwerk und moderne Kunst passen wunderbar zusammen, wenn man beides von der Pike auf gelernt hat. Eva Demuth restauriert Kirchenschätze und postet ihre Zeichnungen auf instagram. 

Diesmal wird das Wohnzimmer von Eva Demuth zur Werkstatt. Das massive Holzkreuz mit der geschnitzten Christusfigur ist zu schwer, um es alleine ins Obergeschoss zu tragen, wo sie sonst wegen der Lichtverhältnisse am liebsten arbeitet. So liegt das aktuelle Objekt, dem man ansieht, dass es viele Jahre ungeschützt in einem staubigen Keller lag, aufgebockt in der Mitte des Raumes – von allen Seiten gut erreichbar. Überall im Raum findet man Spuren von kreativem Schaffen. Die dekorativen Stilleben auf Kommoden und Regalen bestehen aus Werkzeugen, Werkstücken und alten Fundgegenständen. An den Wänden hängen Gemälde und Zeichnungen, die alle von der Künstlerin selbst stammen. Hier vermischen sich ganz natürlich Persönlichkeit und Professionalität.

Uralte Technik

Anhand dieses Jesus am Kreuz erklärt Eva Demuth ihre Vorgehensweise, die von Behutsamkeit, Genauigkeit und dem Respekt vor alten Meistern erzählt. Sie reinigt zuerst ihr Werkstück. Dann untersucht sie es auf Schäden und versucht, die ursprüngliche Gestaltung der „Fassung“, also der Bemalung, herauszufinden. Der Christus soll nach der Fertigstellung nicht aussehen „wie neu“, sondern seiner Entstehungszeit entsprechen. So wird der große Riss im Gesicht auch nach Fertigstellung noch zu sehen sein. Am Ende wird für die Strahlkraft ein Firnis aufgetragen – nicht zu viel davon, die Geschichte und ihre Spuren sollen bleiben. Neben dem Werkstück steht ein Farbkasten mit leuchtend bunten Pigmenten – für sich schon fast ein Kunstwerk – aus dem die pastellfarbenen Töne für die Christusfigur gemischt werden. Mit einem speziellen Werkzeug wird am Ende partiell Blattgold aufgetragen. Nun entfaltet die Figur ihre ganze Ausdruckskraft, so wie der ursprüngliche Schöpfer sich das vor über hundert Jahren gedacht hatte.
Das Fassen und Vergolden von Skulpturen ist als eigenständige Technik schon über 2000 Jahre alt. Vierzehn von Hand ausgeführte Arbeitsgänge sind nötig, bis ein Objekt wirklich fertig ist. Natürlich könnte man heute mit synthetisch hergestellten Farben arbeiten, die ein konstantes Ergebnis garantieren ohne Abblättern und Rissbildung. Doch authentischer ist es, die Farben aus natürlichen Farbpigmenten zu mischen, altmeisterliche Eitempera als Lasurtechnik in unterschiedlich dicken Schichten aufzutragen und als Bindemittel tierische und pflanzliche Leime zu verwenden.

Mit dem Handwerk groß geworden

Das will gelernt sein. Eva Demuth ist in ihr traditionelles Handwerk von Kindesbeinen an hineingewachsen. Vater und Großvater fertigten Krippen- und Heiligenfiguren im Familienbetrieb und sie war schon als Mädchen gerne mit dabei. Nach ihrem Abitur erlernte die Künstlerin dann erst einmal den Beruf des Kirchenmalers. In vielen Kirchen im bayerischen und schwäbischen Raum hat sie seitdem Gemälden, Skulpturen, Fresken, Stuckdecken und vielem mehr wieder zu altem Glanz verholfen. Noch heute nimmt sie gerne Aufträge an, die der Familientradition entsprechen: Handgefertigte Skulpturen – beispielsweise Engel – als Einzelstücke inklusive Fassung können in Auftrag gegeben werden und ein ganz persönliches Geschenk zu Taufe, Firmung oder Hochzeit darstellen. Es gibt nicht viele Spezialisten, die diese Handwerkskunst beherrschen und so hat Eva Demuth immer zu tun. Zu ihrem Bedauern sind alte Möbel zurzeit nicht der große Trend und die zu bearbeitenden Stücke rar in der Werkstatt. Denn auch das gehört zu ihrem vielfältigen Spektrum, sehr gerne erinnert sie sich an ein zehnteiliges weißes Schlafzimmer aus Bad Reichenhall, das sie komplett restaurieren durfte.

Geißelheiland Mariä Himmelfahrt

Eine andere Christusfigur könnte Neusässer Bürgern bekannt sein. Ihre Arbeit an der Figur in der Täfertinger Kirche Mariä Himmelfahrt beschreibt Eva Demuth so: „Ich habe im Vorraum der Kirche einen Geißelheiland mit einer stark verschmutzten, aber qualitätvollen Fassung vorgefunden, der einige Risse und Abplatzungen aufwies. Die etwa um 1910 entstandene Figur hatte im Bereich der Hände und Füße Frakturen und es fehlten einige Teile ganz. Es gab eine ursprüngliche Fassung unter der aktuell oberflächlichen, die ich aber nicht freilegen wollte, weil die letzte eben eine gute Qualität aufwies.“ So wurde der Heiland gereinigt, um fehlende Teile ergänzt, die Risse behandelt und retuschiert. Auch der Hintergrund am Standort des Christus wurde mit bearbeitet, sodass am Ende ein schön restauriertes Gesamtbild entstand. Einige Kettenglieder sind nach der Fertigstellung übrig geblieben. Solche Einzelteile werden sorgfältig gesammelt – es gibt immer wieder Gelegenheiten, wo diese kleinen Schätze gebraucht werden.

Diplomiertes Design

Nach einiger Zeit als Kirchenmalerin studierte Eva Demuth Kunstgeschichte, Kunsterziehung und Volkskunde an der Universität Augsburg – um sich gleich noch an der Fachhochschule für Gestaltung zur diplomierten Grafik Designerin ausbilden zu lassen. So kann sie heute auf ein sehr breit gefächertes Wissen zurückgreifen und die Gestaltung ihrer modernen Gemälde und Zeichnungen widersprechen nur auf den ersten Blick dem alten Handwerk der Kirchenkunst. Zwar verwendete sie für ihre Diplomarbeit lieber Tusche und Rohrfeder, obwohl die Gesellschaft und auch die Grafik längst im Computerzeitalter angekommen waren. Doch verschließt sie sich keineswegs aktueller Kommunikationstechnik oder modernen Regeln der Gestaltung. Eva Demuth empfindet ihren Tanz in zwei Welten als Bereicherung ihrer Kreativität. Als Beispiel nennt sie ein Kästchen an einem alten Grabkreuz, dessen Gestaltung sie zu kalligraphischen Elementen in ihren Zeichnungen inspiriert hat. Diese entstehen täglich und häufig schon am frühen Morgen. Derzeit arbeitet sie an Kalenderblättern zum Lernen der italienischen Sprache.
Immer wieder setzt die Künstlerin neue Schwerpunkte in ihrem Schaffen. Mal sind es florale oder maritime Motive in leuchtenden Farben, dann wieder stehen Tiere im Mittelpunkt ihrer Kreativität – manchmal entstehen ganze Zyklen, wie kürzlich die Zeichnungen von Menschen in Bewegung. So kann man auf ihrem instagram-Account ständig neue Werke bewundern. Im Seminarzentrum Tempelhof in Göggingen sind einige Arbeiten ausgestellt.
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