Nachruf auf Fred Rai: "Wiedersehen im Paradies"

Hätte er es sich aussuchen können, genau so hätte er diese Welt verlassen wollen. Bei einem Ausritt mit seiner Lebensgefährtin Tessa Bauer und seinem kleinen Hund, die Natur genießend. Und dann einfach tot vom Pferd fallen. Nur ganz so früh hätte es nicht geschehen dürfen.

Fred Rai starb am Freitag gegen 17 Uhr im Alter von 73 Jahren. Weder scheute sein Pferd, noch stürzte er einfach so herunter: Er hatte laut eines guten Freundes offenbar einen so schweren Schlaganfall erlitten, dass Wiederbelebungsmaßnahmen erfolglos blieben und auch der Notarzt nichts mehr für ihn tun konnte.

Manfred Raible, so sein bürgerlicher Name, kam am 27. November 1941 in Ellwangen als jüngster von fünf Brüdern zur Welt. Schon als Kind begeisterte er sich für Pferde und die Musik. Er lernte Gitarre sowie Klavier und absolvierte eine Gesangsausbildung. Zu gern wäre er gleich ins Showbusiness gegangen, doch sein Vater bestand darauf, er solle "etwas Anständiges" lernen. So landete er bei einer großen Versicherung und machte schon als junger Mann Karriere als Bezirksleiter.

In der St.-Anton-Siedlung am Stadtrand von Augsburg wohnte er längere Zeit, und dort baute er sich seinen ersten Stall. Bereits zu Beginn der 1970er Jahre wurde er bekannt als "singender Cowboy auf seinem Fernsehpferd Spitzbub". Es gab einige "Spitzbuben" im Laufe der Jahre, doch sie wurden alle irgendwann auf die Rentnerkoppel geschickt und steinalt. Dank seines besonderen Verständnisses für die Psyche der Pferde vertrauten sie ihm bedingungslos. Spitzbub stieg in Aufzüge, trabte durch Hotellobbys und enge Besucherreihen im Saloon. Nie passierte etwas.

In Dasing erfüllte Fred Rai sich seinen Lebenstraum und baute vor 35 Jahren die Western City auf. Zunächst waren es nur einige Kulissen, die er günstig erwerben konnte. Inzwischen ist daraus eine Touristenattraktion des Wittelsbacher Landes geworden, die jährlich Besucher im sechsstelligen Bereich anlockt. 2004 kam ein weiteres Standbein hinzu: Fred Rai rief die süddeutschen Karl-May-Festspiele ins Leben. Unvergessen sind vor allem die Auftritte Horst Jansons als Old Shatterhand. Größen aus dem Showbusiness ebenso wie Politiker oder Autoren fühlten sich in seiner Westernstadt wohl. Besonders am Herzen lagen ihm die Kinder, die ihre Ferien bei ihm verbrachten. Ihnen wollte er traditionelle Werte wie Freundschaft und Ehre vermitteln.

Früher ritt Fred Rai selbst erfolgreich Springturniere. Doch je intensiver er sich mit den Pferden befasste, um so mehr wandte er sich vom Sportreiten ab. "Das Pferd hat keinen Schmerzlaut", erkannte er als einer der ersten. Wochenlang zog er sich auf seine Ranch in Arizona zurück und lebte unter den Mustangs. Seit 40 Jahren war Fred Rai Vegetarier. "Ich kann doch nicht meine Freunde essen", sagte er oft. Vehement engagierte er sich für den Tierschutz und gründete 1993 den Europäischen Pferdeschutzbund.

Er entwickelte einen eigenen Reitstil, bei dem die Pferde ohne Sporen, Gerte oder Gebiss geritten werden, und rief die "Bundesvereinigung für Rai-Reiten" ins Leben, zu der mittlerweile zahlreiche Ausbildungsstätten in Deutschland und Europa gehören. Als seine Methode, das Vertrauen der Pferde zu erlangen und quasi zu deren Leittier zu werden, wissenschaftlich untersucht und in zwei Masterarbeiten belegt wurde, nannte er das "die Krönung meines Lebenswerks". Er schrieb mehrere Bücher, sein letztes heißt "Wiedersehen im Paradies".

Mit seiner ersten Frau hatte Fred Rai zwei Töchter, und auch ein Enkelsohn war ihm beschieden. Vor etwa 15 Jahren begegnete er seiner Tessa. Für diese späte Liebe war er sehr dankbar: "Ich hab' so ein Glück. Wir haben uns noch nie gestritten", versicherte er oft.

Fred Rai: Ehrenbürgermeister in Arizona


Für sein Engagement erhielt Fred Rai die Verdienstmedaille in Silber des Landkreises Aichach-Friedberg, die Ehrenurkunde des Deutschen Tierschutzbundes und die Ehrenbürgermeister-Anerkennung der Stadt Tombstone in Arizona.

Neben dem Reiten war Fred Rais große Leidenschaft die Seefahrt. Zuletzt besaß er noch ein Boot auf dem Bodensee. Seinem Wunsch entsprechend wird er eine Seebestattung erhalten. Die Verabschiedung erfolgt im engsten Kreis. Für alle Fans, die um ihn trauern möchten, gibt es demnächst eine Feier in der Western City. Ein Termin dafür steht noch nicht fest. Die große Eröffnungsparty, die zum Saisonbeginn am 2. Mai starten sollte, wurde abgesagt. Die Westernstadt wird es weiterhin geben, ebenso das Ausbildungszentrum für Rai-Reiten. Die Nachfolgefragen hatte Fred Rai beizeiten geregelt.

Die süddeutschen Karl-MayFestspiele werden wie angekündigt stattfinden. Man muss jedoch noch einen Darsteller suchen, der Fred Rais Rolle übernimmt. Das hätte er, der nicht zuletzt ein geschäftstüchtiger "Schwob" war, der sich wie ein kleiner Bub über Schnäppchen auf dem Basar in Istanbul freuen konnte, so gewollt. "Show must go on" - auf Wiedersehen im Paradies.
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