Neuer Umgang mit der eigenen Ehrenkultur

Heroes Helden ohne Dress und Umhang: Alican, Hayati und Ali (von links) engagieren sich im Projekt Heroes. Foto: David Libossek

Im Projekt Heroes diskutieren Jugendliche aus Ehrenkulturen über Religion, Rassismus oder Frauenrechte. Diese Gespräche gehören zu einem Prozess, an dessen Ende sie Helden sind. Wir haben drei von ihnen getroffen.

Ali, Alican und Hayati sind Helden. Ihr Hauptquartier liegt in einem Industriegebiet im Westen von Augsburg. Eine ehemalige Ballonfabrik. Im Treppenhaus des langen, weißen Baus ist es kühl, das Licht spärlich. Ein paar Plakate und Aufkleber sind die Farbtupfer an den Betonwänden. Unscheinbar, unauffällig. So ist das nun einmal mit den Helden-Verstecken. Im ersten Stock sitzen in einem kleinen, dafür aber vollen Büro Steve Malki und Muhterem Yilmaz.

An ihnen muss man vorbei, will man eine Audienz bei den Helden. Wenn man Glück hat, geleiten sie einen hinein in ein dunkles, weitläufiges Zimmer. Am einen Ende eine kleine Küche, eine weiße, mit Filzstiften bekritzelte Aufstell-Tafel an der Wand und mittendrin, auf einer durchgesessenen braunen Ledercouch fläzt das Heldentrio.

Die drei, die da tief in das Sofa einsinken, gehören zum Projekt Heroes in Augsburg. Das besteht seit 2012. Träger ist die Brücke und die Teilnehmer sind meist junge Männer aus Ehrenkulturen. Sie diskutieren hinter den Wänden der Ballonfabrik gemeinsam über Fragen der Ehre, über Gleichberechtigung, Menschenrechte oder Männlichkeit. Klar gehört auch das Verhindern von Ausgrenzung und Verbrechen aus Ehren-Motiven zu den Zielen. Die Jugendlichen sollen aber vor allem die Möglichkeit haben, sich mit ihrer Kultur auseinandersetzen, darüber sprechen, auch gerne einmal streiten. Freilich sachlich und am liebsten vertieft und detailliert.

Die Helden-Lehre schafft nicht jeder

Neun Monate lang dauert hier die Ausbildung. In der Regel treten sie acht Rekruten an. Angelernt werden sie von Steve Malki und Yilmaz Muhterem, aber eben auch von den arrivierten Helden. Nicht jeder schafft die Lehre, "nicht jeder kann Hero werden", sagt Malki. Diejenigen, die ihren Abschluss machen schwärmen am Ende des Prozesses aus. Ihre Einsätze leisten sie an Schulen, an denen sie sich in Klassenzimmern ins Gefecht stürzen. Ihre Superkraft sind Wörter und Argumente. Und ein bisschen die Provokation. So wie sie es in der Ausbildung gelernt haben. "Die Themen polarisieren", sagt Ali, "das war es auch, was mich daran gereizt hat, mitzumachen".

Ali gehört zur dritten Helden-Generation. Er ist 19 Jahre jung. Seine Familie floh aus dem Irak als er zwei war. "Sie finden es eher gut, dass ich hier mitmache. Aber sie wollen immer wissen, warum ich anders denke". Ali ist noch zu frisch, um Außeneinsätze zu leisten. An der Front sind die beiden Deutschtürken Alican und Hayati - erste Generation, Pioniere. "Viele Jugendliche haben sehr archaische Vorstellungen", beginnt der 20-jährige Alican seinen Einsatzbericht. "Die verteidigen und rechtfertigen sich."

Aber genau diese Leute brauche es. Jeder anständige Held hat schließlich einen Gegenspieler. Sonst entsteht keine Diskussion und die Superkräfte sind umsonst erlernt. Doch in nahezu jeder Klasse sitze mindestens ein Traditionalist. Dass viele Familien ihre alten Strukturen beibehalten, kann Hayati verstehen. "Sie werden hier sogar noch traditioneller, damit ihre Identität nicht verloren geht", erklärt der Lehramtsstudent. "Das einzige Mitbringsel sind nun einmal Sprache und Kultur", ergänzt Alican.

Dieses Hinterfragen ist eines der Hauptanliegen der Heroes. Dazu wurden sie von Malki und Muhterem ausgebildet. Bunt denken, statt Schwarz-Weiß. Auch wenn unter den Teilnehmern, die sich einmal in der Woche zum Gedankenaustausch treffen, die Ansichten laut Alican "himmelweit" auseinandergehen. Doch "irgendwann fällt das Tuch", zitiert Ali ein arabisches Sprichwort. Wichtig sei schlicht, dass man die Argumente der anderen ernst nimmt und sich eine eigene Meinung bildet und diese begründet - die Superkräfte stärken.

Keine kulturelle Gehirnwäsche

"Deutscher werden" oder sich einer "kulturellen Gehirnwäsche" unterziehen - dieser Kritik war Heroes bereits ausgesetzt - muss hier freilich niemand. Zwar müssen die drei lauthals lachen, als die Frage nach ihrer Religiosität in den Raum geworfen wird, doch darüber zu sprechen, fällt den jungen Moslems leicht. Ali erzählt, fünf Mal am Tag zu beten und im Ramadan streng zu fasten gehört für ihn zum Leben. "Er ist das genaue Gegenteil", lacht Ali und zeigt auf Alican. "Die Religionen bauen eh alle aufeinander auf. Eigentlich ist die Frage, wer hat den besseren imaginären Freund", erwidert der. Probleme hätten sie deshalb nicht miteinander. "Wir sind eine Familie geworden", sagt Ali.

In der Ballonfabrik sind die Religionen kein Ballast - schließlich tummeln sich hier Christen, Moslems und ein Zeuge Jehova. Die Konfessionen sind wichtiger Treibstoff für die Diskussionen - jeder kann damit umgehen, wie er es für sich selbst für richtig hält. Nicht mehr, nicht weniger. In Zeiten des IS und der Anschläge auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo hätte sich ihre Gewichtung jedoch verändert. "Früher hieß es, bist Du Türke oder Italiener", sagt Alican, heute lautet die Frage: ,Bist Du Moslem?'." Das sei mittlerweile auch in den Communitys selbst so.

Dass die Religion und die mit ihr verbundenen Vorurteile als Beleidigung dienen, "so wie ,Hey Du Terrorist', geht mir echt zu weit", meint Ali. Er könne Menschen verstehen, "für die der Islam der höchste Wert ist" und auch, dass manche des Alten Testamentes wegen "das Christentum nicht gut finden". Aber der Glaube sei nicht das gravierendste Problem der Integration, finden die Helden.

"Die größte Barriere ist die Sprache", diagnostiziert Alican. Diese wird nicht überwunden, sondern umgangen. Daher entstünden Parallelgesellschaften, weil Migranten sich eben mit Gleichsprachigen zusammenschließen. "Die Regierung hat mit ihrer Integrationspolitik geschlafen", wirft Hayati ein. Die stellt für ihn einen "beidseitigen Prozess" dar, der darin endet, dass Familien eine hybride Kultur entwickeln - die ihre und die Deutsche.

Leben mit einer 50-50-Identität

Bei dem Heldentrio hat das funktioniert. Ob es ihnen dadurch an Identität fehlt, verneinen sie. "Ich fühle mich 50, 50", beschreibt Alican, "nicht richtig Türke, nicht richtig Deutsch". Die Frohnatur mit der Lockentolle schiebt nach: "Egal, wo ich hingeh', ich bin Ausländer. Fliege ich in die Türkei bin ich Deutscher", sagt er und lacht. "Als ich vor vier Jahren das erste Mal im Irak war, hat mein Herz gepocht", schaltet sich Ali ein. "Da wusste ich, das ist meine Heimat. Mein Körper ist Deutsch, mein Herz ist im Irak."

Auf sich selbst zu hören, ist für ihn auch eng mit dem Begriff der Ehre verbunden. "Du selbst bist der Hauptcharakter in deinem Buch", philosophiert er. "Ehre bedeutet auch, Größe zu zeigen, loyal zu sein", wirft Alican ein. Hayati ergänzt: "Es heißt, anderen den Respekt erweisen, den man für sich selber erwartet." So sprechen wahre Helden.
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