Notunterkunft in Augsburger Turnhalle: Matte an Matte

Notunterkunft für Flüchtlinge: die Turnhalle der Reichleschen Wirtschaftsschule in Augsburg Zuflucht auf Weichbodenmatten : 244 Flüchtlinge kamen in einer Augsburger Turnhalle unter. Foto: David Libossek Foto: David Libossek

Schlafen unterm Basketballkorb: 244 Flüchtlinge sind kurzerhand in Augsburg in der Turnhalle der Reischleschen Wirtschaftsschule untergekommen. Nach der ersten Nacht kümmern sich ein Catering-Service und zwei Sicherheitsmänner um die Menschen. Offiziell zuständig fühlt sich niemand - trotzdem verläuft alles geordnet. Ein Hallenbesuch.

Joan braucht Hilfe. Seine Sim-Karte funktioniert nicht. Der 32-Jährige mit dem gepflegten Drei-Tage-Bart versteht die Anleitung nicht. Kurzerhand wird ein Journalist zum Mobilfunk-Verkäufer. Joan muss nach Hause telefonieren. Seine Frau und seine drei Kinder sind noch in Syrien. Er will ihnen davon berichten, dass er angekommen ist. Dass er nach zwei schlaflosen Nächten einen Zufluchtsort auf einer blauen Weichbodenmatte erreicht hat.

Der Arabisch-Lehrer, der als Kurde aus Syrien flüchten musste, hat bereits damit begonnen, für ein sicheres Nachkommen seiner Familie zu kämpfen. Er habe mit Offiziellen gesprochen und Papiere übergeben. Seine Angehörigen sollen keinesfalls in einem Flüchtlingsboot über das Mittelmeer nach Europa reisen, sagt er. Das sei für seine Kinder zu gefährlich.

Rund 50 Ehrenamtliche schaffen im Eiltempo eine Notunterkunft
Joan ist einer von 244 Flüchtlingen, die von Dienstag auf Mittwoch zwischen 18 und 2 Uhr vom Münchner Hauptbahnhof aus mit dem Bus an der Reischleschen Wirtschaftsschule ankamen.

Zuvor war alles sehr schnell gegangen. Rund 50 Ehrenamtliche hatten die Turnhalle kurzerhand in eine Notunterkunft verwandelt. Im Eiltempo. Keine zwei Stunden nach der Alarmierung stand der Bereich für die medizinische Erstuntersuchung, war ein Aufenthaltsbereich geschaffen und Übernachtungsmöglichkeiten vorbereitet. Matte an Matte. Hellblaue Bettlaken, blau-graue Schlafsäcke.

Fünf Flüchtlinge zur müssen im Krankenhaus behandelt werden
"Ohne das Engagement der Ehrenamtlichen wäre die jetzige Situation kaum zu bewältigen", sagte Günter Gsottberger, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Augsburger Hilfsorganisationen. Sein Dank galt allen voran Arbeitgebern, die spontan und unbürokratisch die Helfer vom Dienst entließen. BRK-Zugführer Felix Schöpf etwa konnte mittags die Arbeit bei einem Industrieunternehmen in der Region beenden und übernahm die Leitung des Betreuungs- und Verpflegungsbereiches. Ehrenamtliche der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft, der Johanniter und der Malteser übernahmen mit Ärzten des Gesundheitsamtes die Erstuntersuchung der Flüchtlinge. Fünf Patienten mussten in Krankenhäusern behandelt werden, einige mit Verdacht auf Krätze.

Insgesamt waren von mittags bis nachts in verschiedenen Schichten über 70 Ehrenamtliche im Einsatz. Tags darauf haben ein privates Cateringunternehmen und zwei Männer einer Sicherheitsfirma die inoffizielle Herrschaft in der Hallenrepublik übernommen, in der es angesichts der vielen Kurzzeitbewohner ruhig ist.

Ein Vater lässt seinen Sohn Dankesbussis verteilen
Kinder mit Fußball rennen über den Gang, an dessen Steckdosen Menschen kauern, die ihre Telefone aufladen. In den Hallen haben sich kleine Grüppchen gebildet, auf einigen Matten schlafen Menschen. Ein Vater hat seinen kleinen Sohn auf dem Arm, lässt den Bub jedem Deutschen, den er trifft, ein Bussi auf die Wange drücken. "Thank you, thank you", wiederholt er fast mantraartig. Aus seinen Augen strahlen Dankbarkeit und Erleichterung.

Eine Augsburger Familie verteilt derweil Stofftiere und Kekse an die Flüchtlingskinder. Eigentlich dürfte sie das nicht, aber jemand Offiziellen sucht sie vergebens.

"Was morgen ist? Ich weiß es nicht"
"Ich bin nur fürs Essen zuständig", weist Musti jede Verantwortung von sich, die die 250 Plastikschüsseln Salat übersteigt, die er gerade mit Gabeln versieht. Wobei das schon stressig genug sei, erklärt der Angestellte des Cateringbetriebs, und weist Augenblicke später einen Mann deutlich zurecht, der nach einer der Schüsseln greift. Eine Ausnahme, meint der Glatzkopf, der entgegen seiner lockeren Art auf einmal nachdenklich wird. "Viele Kinder kommen ohne Eltern", Musti zögert und seufzt, "das geht ans Herz."

Familien und Kinder haben auch aus diesem Grund Vorrang, als der Ansturm auf die Salate und das Chili con Carne aus großen Warmhaltebehältern beginnt. Die Security reguliert an einer Tür die Warteschlange. Alles läuft geordnet, kein Stress. Wie lange die 244 Flüchtlinge noch in der Halle bleiben, könne er nicht sagen, gibt der breitschultrige Türsteher Auskunft, der grüppchenweise die größtenteils jungen Männer in Richtung Essensausgabe schleust.

Draußen vor der Halle steht Joan. Er hat das Handy am Ohr und erzählt seiner Frau von der "sehr, sehr guten Unterkunft" und davon, wie freundlich jeder sei. Nur eines kann er seiner Familie nicht mitteilen. "Was morgen ist? Ich weiß es nicht."
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