„Nur noch das persönliche Gefühl zählt“

Prof. Dr. rer.soc.Dr.theol. Michael N. Erbertz. Foto: Caritas Augsburg/Bernhard Gattner.
Prof. Ebertz bot ernüchternde Analyse der „Spiritualität“ heute


Augsburg, 12.02.2017 (pca). „Christlich handeln aus spirituellen Quellen“, unter diesem Titel hatte das Akademische Forum der Diözese Augsburg in Kooperation u.a. mit dem Diözesan-Caritasverband eingeladen. Wer gedacht hatte, mehr darüber zu erfahren, aus welcher spiritueller Quelle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas und aller, die im sozialen Bereich tätig sind, ihre Kraft schöpfen, der wurde enttäuscht. Prof. Dr. rer.soc. Dr. theol. Michael N. Ebertz von der Katholischen Hochschule Freiburg bot vielmehr eine ernüchternde Ist-Analyse. So wie das „Transzendente“ „unbestimmbar“, „pluralisiert“ und in die „unverbindliche Regie“ des Einzelnen übergegangen sei, so sei der Begriff der „Spiritualität“ heute „vage“, „unscharf“ und auf „mangelnde Hygiene“ zurückzuführen.



Spiritualität sei früher im christlichen Glauben klar verankert gewesen. Der katholische Theologe Hans Urs von Balthasar sprach von der „subjektiven Seite der Dogmatik“. Gisbert Greshake, ebenfalls katholischer Theologe, bezeichnete sie als „die geistliche Lebensform der Hingabe an Gott und seine Sache“. Ihr katholischer Kollege Eugen Biser sprach von der „wahren Sinnerfüllung in Gott“. Alfons Auer rückte sie ganz im benediktinischen Geist „in das Licht des Schöpfungs- und Heilsglaubens“, auch die alltägliche Arbeit.

Heute beherrsche der Gedanke des „Geheimnisses“ die „amorphe", also „gestaltlose“ Spiritualität. Nach einer Umfrage aus dem Jahr 2011, die Prof. Ebertz im Auftrag des hessischen Rundfunks durchgeführt hatte, lehne die eindeutige Mehrheit nicht den Gedanken ab, wonach es eine Transzendenz, eine über die materielle Welt hinausgehende Wirklichkeit gebe. Aber was das sei, „ist unverbindlich geworden“. 73,4% glauben an das „Geheimnis“, selbst die, die vorgeben nichts zu glauben, halten an diesem „Geheimnis“ zu 61,6 % fest, so der Soziologe und Theologe Ebertz. Das Verständnis von Spiritualität habe sich damit mehrheitlich von einer christlichen Verankerung gelöst. Spiritualität definierte er für unsere Tage deshalb als „Offenheit und Öffnung des Menschen für das Geheimnis über oder hinter dem alltäglichen Leben“.

Mit dem Subjektivitätsmerkmal sei auch der „a-institutionelle“, „anti-institutionelle“, „ja sogar anti-kirchliche Zug“ gegeben. Man schaffe sich lieber selbst einen Zugang zu „spiritueller Auto-Suggestion“. So brauche man nicht mehr einen Priester als Seelenführer. „Man kauft sich lieber ein Buch.“ „Es besteht heute geradezu eine Synkretismus-Freude“, so Prof. Ebertz. Erlernbare Do-it-yourself-Techniken der Verinnerlichung, der Meditation und Kontemplation, germanische Kulttechniken wie solche der modernen Esoterikwelle seien deshalb heute selbst zum Inbegriff von Spiritualität geworden. Prof. Ebertz ging hart mit dieser Entwicklung ins Gericht. Er sprach von „Hybridisierung“, ja sogar „Bastardisierung“ der Spiritualität. „Nur noch das persönliche Gefühlt zählt.“ So entfalte diese Form von Spiritualität zunehmend einen „anti-intellektuellen Gestus“. Der suchende Mensch werde dadurch aber nicht freier, er werde zum „Gefangenen seines eigenen Herzens“.

Dass die christliche Religion in Gesellschaft und Wirtschaft, im Alltag, beim Einkaufen immer weniger vorkomme, verstärke nur diese Tendenz. „Religion wird immer weniger allgemein gesellschaftlich und dadurch auch immer weniger verbindlich.“ Die Christen müssten deshalb wieder anfangen, die innerchristliche Vielfalt der katholischen, benediktinischen, franziskanischen oder jesuitischen, der evangelischen und ostkirchlichen Spiritualität zum Beispiel zur Entfaltung bringen. Auch müssten sie wieder lernen, über ihre Glaubensgeschichten zu erzählen. Der Eindruck von Kirche, wonach sie nur Antworten gebe, müsse überwunden werden dadurch, dass sie gemäß ihres Gottesglaubens, wonach Gott einer ist, der mit dem Menschen mitgeht, die Menschen in ihrem Suchen begleitet und immer wieder neu das Suchen anstößt. „Kirche muss resonanzfähiger werden für die Fragenden und die Suchenden“, so Prof. Ebertz.

Und die Kirche müsse sich trauen den Menschen zu vermitteln und zugeben, dass alle ihre Antworten nur stammelnde Versuche seien, „dass Gewissheit und Ungewissheit untrennbar miteinander verbunden, Christen immer unterwegs und nie vollständig im Besitz der Wahrheit sind, weil Gott letztlich für den Menschen immer unbegreifbar bleibt".Eine Bedingung nannte Prof. Ebertz allerdings. „Jede christliche Form von Spiritualität muss ihren Orientierungspunkt in Jesus Christus haben und so miteinander kommunikabel sein.“
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