Papilio: Augsburger Nachhilfe für Finnland

Iiris Björnberg (von links) hat Papilio nach Finnland geholt. Sie war nun zur Fortbildung mit Merja Koivula, Ursula Nystedt-Rintakumpu und Marita Neitola in Augsburg. (Foto: Papilio)

Eigentlich sind es die Deutschen, die in Bildungs- und Erziehungsfragen neidisch nach Finnland blicken. Schließlich hängen die Schüler aus dem skandinavischen Land die Deutschen bei Pisa-Studien regelmäßig ab. Doch jetzt nehmen die Finnen ausgerechnet in Deutschland Nachhilfe: Sie haben sich das Augsburger Präventions-Programm Papilio ins Land geholt, um die sozial-emotionalen Kompetenzen von Kindergartenkindern zu stärken. Die StadtZeitung sprach mit der Initiatorin Iiris Björnberg über die Defizite im finnischen Bildungssystem und die Chancen, die Papilio ihren Kindern bietet.

StadtZeitung: Frau Björnberg, der Pisa-Primus Finnland holt sich in Erziehungsfragen Hilfe in Deutschland. Wie kommt es?
Iiris Björnberg: Man muss differenzieren. Wir Finnen sind bei Pisa tatsächlich spitze. Unsere Schulen sind gut, hier wird hervorragend Wissen vermittelt. Aber das ist eben nur ein Teil der Bildung. Aber es gibt viele Studien, die auch Defizite aufzeigen. So gehen zum Beispiel nur wenige Kinder gerne in die Schule, jeder zehnte Jugendliche leidet sogar darunter. Und viele finnische Kinder haben keine Freunde, sie pflegen keine sozialen Kontakte.

StaZ: Das heißt, Ihrer Meinung nach wird in Finnland in erster Linie Wissen vermittelt, das Soziale und Emotionale bleibt aber auf der Strecke. Deswegen Papilio?
Björnberg: Genau. Wir schneiden bei Pisa sehr gut ab. Aber wir sind nicht in der Lage, über Gefühle zu sprechen. Das kann schwerwiegende Folgen haben.

StaZ: Welche?
Björnberg: Sucht und Gewalt sind wachsende Probleme unserer Jugend. Suchtmittel sind eben oft die einzige Lösung, wenn man negative Gefühle dauerhaft ignoriert. Genauso wie Gewalt. In verschiedenen Untersuchungen fallen unsere Jugendlichen auch immer wieder durch hohe Selbstmord-Raten und häufig auftretende Depressions-Erkrankungen auf.

StaZ: Wie kann Papilio da Abhilfe schaffen?
Björnberg: Durch Papilio lernen schon Kindergartenkinder, ihre Gefühle zu identifizieren: Bin ich traurig, bin ich wütend oder glücklich? Habe ich Angst? Und sie lernen, darüber zu sprechen und die Gefühlslagen anderer zu erkennen – etwas, was uns Finnen fehlt. Papilio vermittelt aber auch, wie man Konflikte gewaltfrei löst. Mehr Empathie und ein größeres Gemeinschaftsgefühl sind die Folgen. Dadurch werden die Kinder schon in einer sehr frühen Phase für ihr späteres Leben gestärkt. Sucht und Gewalt wird vorgebeugt. Das alles ist wissenschaftlich nachgewiesen.

StaZ: Sie haben Papilio im Juni in zwei finnischen Kindergärten gestartet. Inzwischen wird das Programm in fünf Einrichtungen umgesetzt. Wie sind die ersten Erfahrungen?
Björnberg: Die Erzieherinnen, die wir während der Pilotphase in Papilio geschult haben, sind mit viel Einsatz dabei. Natürlich haben sie auch schon vorher in ihrer täglichen Arbeit die sozial-emotionalen Kompetenzen der Kinder gefördert. Aber sie haben erst jetzt konkrete Instrumente an der Hand, sie können nun systematischer arbeiten. Das begeistert die Erzieherinnen.

StaZ: Sogar das finnische Bildungsministerium unterstützt die Implementierung des Papilio-Programms. Wie haben Sie Ihre Regierung von den Augsburger Ansätzen überzeugt?
Björnberg: Die Wirkung des Programms ist wissenschaftlich nachgewiesen. Fürsprecher an finnischen Universitäten haben das in Gutachten bestätigt und sich in der Politik für Papilio eingesetzt. Die Hochschulen in Jyväskylä und Rauma begleiten die Einführung nun mit wissenschaftlichen Erhebungen. Das sind starke Argumente.

StaZ: Sie haben Papilio im Juni in Finnland gestartet. Inzwischen gibt es vier ausgebildete Trainerinnen. 89 Erzieherinnen in fünf Kindergärten wurden bereits geschult, rund 450 Kinder profitieren von Papilio. Wie soll es nun weitergehen?
Björnberg: Wir bauen derzeit die Strukturen auf, um Papilio in weitere Kindergärten zu bringen. Parallel laufen die Erhebungen der Universitäten. Wir erwarten im Sommer 2016 die ersten Ergebnisse. Danach werden wir das Programm gegebenenfalls an die finnischen Spezifika anpassen. Ziel ist es, Papilio landesweit in Kitas anzubieten.

StaZ: In Deutschland lebt das Programm auch von der engen Zusammenarbeit von Erziehern, Kindern und den Eltern. Der Elternclub ist fester Bestandteil von Papilio. Ist das in Finnland auch so?
Björnberg: Der Elternclub ist bereits in Planung. Gerade die Einbeziehung der Eltern macht das Programm so effektiv. Das wollen wir auch für Finnland.

StaZ: Und wie sieht es mit den Kistenkobolden, die Papilio in Deutschland gemeinsam mit der Augsburger Puppenkiste auf Tour schickt, aus? Werden die auch bald durch Finnland touren?
Björnberg: Wir werden sehen. Die Papilio-Materialien und Lieder gibt es ja bereits auf Finnisch. Und eingeladen haben wir die Kistenkobolde auch. Vielleicht kommen sie bald zu uns. Wir würden uns sehr freuen.

Von Monika Schmich-Graf
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