Platonisch Leben und Lehren

Sokrates und Platon sind nicht tot – zumindest nicht im Gespräch mit dem Historiker Stefan Lindl. Der Dozent lehrt originell, humorvoll und ausgefallen die Kunst der Selbsterkenntnis an der Universität Augsburg. Seine Studenten dankten ihm für seinen Unterricht mit einer Auszeichnung.


Geschichte muss nicht immer alt und staubig wirken, sie kann heute noch aktuell sein. Geschichtswissenschaft ist für Lindl Wissen, das im Leben angewandt werden kann. Genau das versucht der Historiker in seinen Vorlesungen und Seminaren zu vermitteln. Er geht auf seine Studenten ein, denn für ihn ist „die Persönlichkeit das Wichtigste“.
Er sieht sich in der Tradition der griechischen Philosophen: Lernen müsse immer im Gespräch erfolgen, Wissenschaft und Wirklichkeit in direkter Beziehung stehen.

Die Studenten blicken auf brennende, von Rauch umhüllte Türme: Das World Trade Center stürzt in sich zusammen. Vor der Powerpoint-Präsentation ist ein wild gestikulierender Mittvierziger, der mit Fragen um sich wirft. Wer Lindl im Seminarraum der Universität erlebt, begreift schnell, dass es bei ihm keinen klassischen Frontalunterricht gibt.

Dieses Unterrichtskonzept kommt gut an. Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch verlieh dem Augsburger Dozenten kürzlich den „Preis für gute Lehre“. Eine „große Ehre“ sei die Auszeichnung im vergangenen Monat gewesen, sagt Lindl, da es die Studierenden waren, die ihn für den Preis vorschlugen. Woher kommt diese Begeisterung für Lindl, der einen Schwerpunkt auf die scheinbar dröge Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte setzt?

Stefan Lindl – Publizist, Essayist, Unternehmensberater und Analytiker – hat einen abwechslungsreichen Lebenslauf: Der Historiker, Jahrgang 1969, studierte Bayerische und Mittelalterliche Geschichte sowie Provinzialrömische Archäologie und Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU). Er ist als Autor beim Passagenverlag tätig, veröffentlichte dort philosophische Schriften. Lindl lehrte außerdem an der Akademie für Mode & Design und an der Universität der Bundeswehr – beide in München gelegen. Zusätzlich ist er Mitbegründer des Think-Tanks „Denktur: Das genaueste Wort ist das einfachste Bild.“ Im Oktober 2008 begann Lindl an der Universität Augsburg zu unterrichten.

„Die Erfahrungen, die ich während verschiedener Lebensabschnitte gesammelt habe, helfen ungemein“, erklärt der Historiker. Diese Eindrücke versucht er nun an seine Studenten weiterzugeben. Lindl unterrichtet – „mit einer ganz eigenen Methode“ – lebhaft, anschaulich und auch ungewöhnlich.

In der Universität spricht der Historiker mit Bedacht, aber fordert seine Zuhörer. Der Unterricht ist ein „Frage-Antwort-Spiel“, alle Beteiligten werden eingebunden und unter den Studenten entsteht schnell eine Diskussion. Der Dozent zeigt Texte von Jean Baudrillard, aber auch mal Bilder von Tomatensuppe.

„Wichtig ist, dass die Studenten mit sich selbst arbeiten“, so Lindl. Er will den Studierenden Bilder in die Köpfe setzen, um ihr Denken zu formen. Lindl spricht hier von einer „sozialen Wissensplastik“. Gemeint ist, dass die Lernenden Erkenntnisse aus sich heraus schöpfen sollen. Diese Idee habe es schon im antiken Griechenland gegeben, aber sie „funktioniert auch heute noch“, so Lindl.

Der Historiker widmet sich weiterhin der „Universalwissenschaft“; in einer seiner letzten Veröffentlichungen ging es um „Der Lech. Geschichte und Zukunft“. Zur Zeit arbeitet er an seiner Habilitation: Wieder wagt Lindl eine ungewöhnliche Mischung aus theoretischer Wissenschaft und verschiedenen Fachgebieten. Es geht um Kirchenarchitektur in Bayern, aber auch um postmoderne Bauwerke auf der ganzen Welt. Hier finden sich laut Lindl „unerwartete Verbindungen“, die Rückschlüsse auf das heutige Leben und die Probleme der Menschen zulassen.
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