Platzverweis für Straßenstrich

Das Verbot soll noch in diesem Jahr kommen. Nach dem Vorbild von Nürnberg möchte Ordnungsreferent Ullrich das stadtweite Verbot durchsetzen.

Es ist eines der Augsburger Dauerthemen mit denen sich die Stadt bereits seit Jahren – stets auf der Suche nach einer besseren Lösung – beschäftigt: Der Augsburger Straßenstrich bietet nicht nur rund fünfzig jungen, meist aus Osteuropa stammenden Frauen eine Beschäftigung, sondern wird auch von vielen Herren gerne genutzt.

Das Problem dabei ist nur, dass die von der Ausübung der Tätigkeit betroffenen Anwohner so gar nicht mit diesem Gewerbe vor ihrer Haustüre glücklich sind. Immer mehr Beschwerden landeten daher in den vergangenen Monaten auf dem Schreibtisch von Ordnungsreferent Volker Ullrich.

Eine „wohlwollende Prüfung“ hatte Ullrich schon im Frühjahr zugesagt, als es um das Thema der Erweiterung des Sperrbezirks rund um den Augsburger Schlachthof ging. „Die Anwohner haben sich teils massiv über die Hinterlassenschaften beschwert“ erklärt er. Doch alle bisher von der Stadt unternommenen Maßnahmen lösen das Problem nicht. Denn die Ausweisung neuer Sperrbezirke führt nur dazu, dass die Damen an anderer Stelle ihrer Arbeit nachgehen.

Aus 1975 datiert die „Verordnung über das Verbot der Prostitution in der Stadt Augsburg“. Dabei zeigt sich die Innenstadt als ein einziger Sperrbezirk mit zahlreichen Ausnahmen. Ebenso sind die Industriegebiete ausgenommen. Probleme bereiten die Mischgebiete. Seit dem 1. Januar 2002 gilt in Deutschland das Prostitutionsgesetz, dessen Paragraph 3 diesen Dienst als „arbeitsgleich“ ansieht: „Bei Prostituierten steht das eingeschränkte Weisungsrecht im Rahmen einer abhängigen Tätigkeit der Annahme einer Beschäftigung im Sinne des Sozialversicherungsrechtes nicht entgegen.“

Doch die Realität sieht ganz anders aus: Während laut Polizei-Einschätzung in Augsburg über 500 Damen im „ältesten Gewerbe der Welt“ arbeiten, bieten rund zehn Prozent hiervon ihre Dienste auf der Straße an. Die restlichen Damen arbeiten hinter verschlossenen Türen, meist in angemieteten Wohnungen und führen oftmals auch hier durch ihr Anwerben am Fenster zu Problemen bei Nachbarn.

Allein in Oberhausen gibt es eine Vielzahl von Wohnungsprostitution in der ganze Mehrfamilienhäuser zur Ausübung der käuflichen Liebe genutzt werden. Kontrolliert und dominiert werden viele der Damen durch Zuhälter, die untereinander in teils heftigem Streit liegen und Macht- und Besitzansprüche an Damen und Orten entsprechend auch gewaltsam geltend machen. Beim Besuch der StaZ am Augsburger Straßenstrich winken daher die meisten der Damen ab, wenn es darum, geht mit uns darüber zu sprechen, wie sie es sehen, dass die Stadt nunmehr die Straßenprostitution im gesamten Augsburger Stadtgebiet verbieten möchte.

Nur eine der Damen, die in einer Seitenstraße der Haunstetter Straße unweit des Priesterseminars ihre Dienste anbietet, ist bereit, kurz mit uns zu sprechen. Als „Lydia“ stellt sie sich vor und erzählt, dass sie ursprünglich aus Rumänien kommt. Einen Zuhälter habe sie nicht, aber einen Bekannten, der sich um sie kümmert. Ab 25 Euro erhält man ihre Dienstleistungen. Dem Verbot sieht sie sehr sorglos entgegen: „Wenn ich nicht hier bin, dann wo anders. Männer gibt es überall.“ Überhaupt sei sie erst seit rund fünf Wochen in Augsburg, zuvor war sie in München. Ob sie hier bleiben wird, ist ungewiss.

Und tatsächlich spiegelt dieses Einzelbild auch die Erfahrung der Augsburger Polizei wider. Diese bestätigt, dass insbesondere ausländische Damen nur kurz in der Stadt bleiben um dann wieder weiter zu ziehen. Der Wegfall der Meldepflicht führte dazu, dass es auch mit den Zahlen und der Erfassung wesentlich schwieriger geworden ist.

Insgesamt sieht Ordnungsreferent Volker Ullrich jedoch aufgrund der wachsenden Beschwerdezahl den „Schutz der Anwohner und Gewerbetreibenden“ als höher zu bewerten. Auch die Auswahl in welcher Straße dies erlaubt sei und in welchen nicht, sei betroffenen Bürgern verständlicherweise nicht zu vermitteln.

Nach dem Vorbild von Nürnberg möchte man daher nunmehr das stadtweite Verbot durchsetzen. Der Allgemeine Ausschuss der Stadt Augsburg nahm vergangene Woche dieses Vorhaben schon zustimmend zur Kenntnis. Jetzt muss sich im nächsten Schritt der Stadtrat mit dem Thema auseinandersetzen. Die Zustimmung des Verbots wäre dann jedoch Aufgabe der Regierung von Schwaben. Innerhalb der Stadt geht man davon aus, dass dieses Vorhaben bereits bis Ende des Jahres umgesetzt ist.

Ob die käufliche Straßenliebe dann in andere Orte weiterzieht oder der ohnehin kritisierte annehmende Trend zur Wohnungsprostitution noch weiter zunehmen wird, ist bisher noch völlig unklar.

Angebot und Nachfrage

Ein Kommentar von Florian Winkler-Ohm

Ganz klar, keiner möchte vor seiner Haustür täglich zur Dämmerung leicht bekleidete Damen stehen haben, die ihrem vom Gesetzgeber tolerierten Gewerbe nachgehen. Das ist insbesondere Kindern nicht zuzumuten. Der Umgang der Damen ist oft sehr direkt, plump und passt damit vielfach nicht ins öffentliche Bild einer Stadt. Das Verbot wird jedoch in vielen Fällen nur eine Verlagerung bewirken. Von der Dunkelziffer und der dennoch illegal stattfindenden Prostitution ganz zu schweigen. Andererseits muss man bei der ganzen Debatte auch bedenken, dass die Nachfrage das Angebot steuert. Und an Nachfrage mangelt es den Damen nicht: Besorgt nehme ich zur Kenntnis, dass die Kripo Augsburg gerade einen Trend zum käuflichen Sex ohne Kondom bilanziert. Seit dem Wegfall des Gesundheitspasses im ältesten Gewerbe der Welt fehlt es dadurch insbesondere an ärztlichen Untersuchungen. Syphilis, Tripper & Co. werden in diesem Jahr Rekordmarken in Deutschland erreichen. Während lange Jahre ein gleichbleibender und abfallender Trend bei der Neuinfektion von sexuell übertragbaren Infektionen zu registrieren war, schießt 2012 die Zahl der registrierten Fälle in ein neues Rekordhoch. Für seinen Schutz ist jeder selbst verantwortlich. Auch am Straßenstrich. Denn viel schlimmer als die Debatte wo die Damen genau ihrem Gewerbe nachgehen dürfen, ist doch die Tatsache, dass hier die Gesundheit auf dem Spiel steht. Auch die Gesundheit der Männer die bewusst diesen „Kick“ suchen. Jede Behandlung danach zahlt die Krankenkasse und somit die Allgemeinheit. Und wenn die Zahlen von 2012 bei den sexuell übertragbaren Infektionen in den kommenden Jahren derart weiter in die Höhe steigen, haben wir viel schlimmere Probleme als die Debatte darüber, ob und an welcher Stelle die Damen ihrem Gewerbe nachgehen dürfen.
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