Polizeiausbildung: Der Weg des Ordnungshüters

Mit beiden Armen umklammert die Frau den Körper ihres zwei Köpfe größeren männlichen Gegners. Mühelos wirft sie ihn über die Hüfte. In einer fließenden Bewegung packt sie seinen Arm und hebelt den Mann auf den Bauch – der Kampf ist vorüber. Zum Glück für den Unterlegenen ist alles nur Übung und gehört zum Selbstverteidigungskurs der Polizeiausbildung in Königsbrunn. Bei Augsburg Open gewährte die V. Bereitschaftspolizeiabteilung einen Blick hinter die Kulissen.


Ausbilder und Auszubildende führen durch die 25 000 Quadratmeter große Ausbildungsanlage und erlauben tiefere Einsichten in die theoretischen und praktischen Ausbildungsstationen der zukünftigen Hüter von Recht und Ordnung.
Direkt nach der Schranke schallt das Quietschen von Reifen über das Gelände und der Gestank von verbranntem Gummi sticht den Besuchern in die Nase, wenn die ausgemusterten Streifenwagen den Parcours beim Fahrsicherheitstraining entlang rasen.

Der Fahrer jagt sein Auto um die Verkehrspylonen, dreht sein Auto um 180 Grad und brettert auf nasser Fahrbahn zur abschließenden Vollbremsung. Das Bild des unfallfreudigen Polizeiwagens, bekannt aus zahlreichen Hollywoodstreifen, rückt in weite Ferne. Wer den Fahrunterricht bei der Polizei gesehen hat, denkt nicht mehr an eine Fahrerflucht.
Der junge Rekrut, der aus dem Wagen mit den qualmenden Reifen steigt, ist einer von 600 Auszubildenden für die zweite Qualifizierungsebene, dem ehemaligen Mittleren Dienst, in Königsbrunn. Bayernweit sind es jährlich 1000 neue Bewerber, die zur Ausbildung zugelassen werden. Die Anzahl der Kandidaten ist von Jahr zu Jahr größer geworden. 2005 waren es lediglich 300 Neueinstellungen.

Um dem Ansturm gerecht zu werden gab es in Königsbrunn umfangreiche Veränderungen. Jeder verfügbare Raum wurde mittlerweile zum Lehrsaal umfunktioniert, um eine vernünftige Qualifikation zu ermöglichen.
Das Einsatzverhalten wird im Simulationslehrsaal geübt, dessen Kulisse einer schlechten Filmproduktion gleicht. Inmitten des Raumes steht ein Polizeiauto und die Wände stellen Dienststelle und weitere Gebäude dar. Wie bei einem Kriminaltheater werden hier Raubüberfälle und andere Notrufsituationen nachgestellt.

Neben der Praxisausbildung in den Künsten des Schießens, des Einsatzverhaltens und der Selbstverteidigung bilden Fächer wie Kriminalistik, Politische Bildung, Strafrecht und Englisch die wesentlichen Inhalte für die Polizeischüler auf ihrem Weg durch die Ausbildung. Ziel ist es, endlich den ersten Stern auf den Schulterklappen zu haben – das Zeichen für „Polizeioberwachtmeister“.

Das Fernsehklischee lehrt, beim Wort „Oberwachtmeister“ an einen korpulenten Schnauzbartträger mit Kaffeetasse in der Hand zu denken. In den Königsbrunner Ausbildungsstätten sieht der Besucher ausschließlich durchtrainierte Männer und Frauen, die diesem Bild eindeutig widersprechen. Statt ein geruhsames Kaffeekränzchen abzuhalten, müssen sie eiserne Disziplin und Gehorsam beweisen. Das ist der Preis dafür, später einmal Staatsgewalt zu werden.
Der Ausbildungstag beginnt um 6 Uhr mit dem Frühstück und endet nach zehn Stunden Unterricht gegen 17 Uhr. Geschlafen und gegessen wird in der Ausbildungsstätte.

Wer sich in den fünf halbjährigen Ausbildungsabschnitten in Praxis und Theorie bewiesen hat, dem ist ein Arbeitsplatz sicher. Die Einsatzmöglichkeiten reichen von der Bereitschaftspolizei, der Verkehrspolizei, der Schutzpolizei, der Kriminalpolizei bis hin zu Spezialeinheiten. Doch für die Rekruten ist der Weg dorthin noch weit und bis dahin werden sie noch einige Arme verdrehen und so mancher Reifen wird qualmen.

Wer auch einen Blick hinter die Kulissen wagen will, hat neben Augsburg Open bei zwei Schnupperkurse im Jahr die Chance dazu, sich die Polizeiausbildung anzuschauen.
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