Stolpersteine in Augsburg verlegt: Schicksale im Bürgersteig

Ein ergreifender Moment: Amalie Speidel sieht Künstler Gunter Demnig dabei zu, wie er an der Wertachstraße 1 in Augsburg die Stolpersteine für ihren Vater und ihren Bruder verlegt. Die beiden starben durch die Nazis. Fotos:Christoph Götz
 
Auch an der Maximilianstraße wurden Stolpersteine verlegt. Am Rathausplatz rückte die Feuerwehr an. Der aufgewirbelte Staub hatte den Rauchalarm der Sparkasse ausgelöst.

In Augsburg sind am Mittwoch zwölf Stolpersteine verlegt worden. Die Messingplatten, die über die Stadt verteilt in den Boden eingesetzt wurden, erinnern an Opfer des Nationalsozialismus. Um die Gedenktafeln im Bürgersteig gab und gibt es Diskussionen. Zum einen, weil die Israelitische Kultusgemeinde die Stolpersteine öffentlich kritisiert. Zum anderen, weil die Stadt acht weitere Erinnerungsplatten nicht genehmigt hat.

Amalie Speidel steigen Tränen in die Augen. Sie rollen ihre Wangen herunter, die gezeichnet sind von einem Leben, das in diesem Moment noch einmal an ihr vorbeizieht. Die Gedanken an die Wertachstraße 1, in der sie und ihre Familie einst wohnten, bevor die Nazis sie gewaltsam auseinanderrissen. An den Ort, an den sie heute zurückgekehrt ist. Die Erinnerungen fließen in den Tränen über ihr Gesicht - gemischt mit Freude.

Es ist ein Augenblick, in dem die schier unendlichen Diskussionen um die Stolpersteine weit in den Hintergrund geraten. Ob sie als Erinnerung an NS-Opfer passend sind und wer einen bekommen sollte und wer nicht, spielt gerade keine Rolle.

Speidels Vater stirbt im KZ, ihr Bruder im Euthanasieprogramm

Amalie Speidel, Jahrgang 1933, ist dankbar. Dafür, dass Passanten im Nordwesten der Stadt nun über die Namen ihres Vaters und ihres Bruders stolpern. Denn für die beiden jennischen Opfer der NS-Zeit ließ gestern der Kölner Künstler Gunter Demnig Messingplatten in den Bürgersteig an der ehemaligen Adresse der Familie Lossa ein. Für Christian, den Vater, der 1942 im KZ Flossenbürg starb. Und für Ernst, Amalie Speidels Bruder, dem mit 14 Jahren eine Schwester im Zuge des Euthanasieprogramms in Irsee die Giftspritze setzte.

Von ihrem Schicksal erzählen nun zwei Stolpersteine. Zehn weitere wurden an sechs anderen Orten in Augsburg ebenfalls in den Boden gesetzt. Endlich, werden viele sagen. Denn das Gezerre um die Steine mit den Erinnerungstafeln aus Messing dauert nun bereits seit mehreren Jahren an - und ist noch immer nicht beendet.

Stolpersteine: Seit Jahren Thema in Augsburg

Der Initiativkreis Stolpersteine setzt sich aus verschiedenen Augsburger Verbänden, Parteien, Gewerkschaften und Einzelpersonen zusammen. Er kämpft bereits seit einigen Jahren für die Verlegung der Stolpersteine. Die Stadt entschied allerdings erst im März vergangenen Jahres, dass Demnig die Gedenksteine verlegen darf. Grund für ihr Zögern war die öffentliche Kritik an den Stolpersteinen, die vor allem vonseiten der Israelitischen Kultusgemeinde und dem Landesrabbiner Henry Brandt kam. Für sie war der Gedanke unerträglich, dass auf Namen von Holocaust-Opfern herumgetrampelt werden könnte.

Eine Expertenkommission, im Herbst 2014 unter Leitung von Kulturreferent Thomas Weitzel eingesetzt, erstellte schließlich ein Kompromiss-Konzept, das drei Elemente beinhaltete: Stolpersteine, Stelen und Tafeln. Der Initiativkreis hatte diese in einem langwierigen Prozess erarbeitete Lösung "ausdrücklich begrüßt". Nun aber üben auch die Befürworter Kritik an der Stadt.

Kommission lehnt acht Stolpersteine ab - darunter der für Amalie Speidel

Denn die Kommission, die sich unter Weitzels Führung aus Historikern, einer Vertreterin des jüdischen Kulturmuseums und einem Juristen zusammensetzt, hatte acht weitere Stolpersteine nicht genehmigt. Die Initiative moniert nun, dass der Opferbegriff zu eng gefasst worden sei. Zudem bemängelt sie die Informationspolitik der Stadt. Weitzel kündigte infolgedessen weitere Gespräche an.

Künstler Demnig jedenfalls setzte für die nicht genehmigten Erinnerungsstücke Platzhalter ein. Sie liegen Seite an Seite mit den zwölf Stolpersteinen, die nun auf Fußgänger warten, die innehalten und über die verhängnisvollen Geschichten der Familien lesen, die von den Nazis verfolgt, drangsaliert oder getötet wurden.

Amalie Speidel hat die NS-Zeit überlebt. Sie lebt heute in Backnang. Ihr soll einer der nicht genehmigten Pflaster gewidmet werden. Für sie würde damit ein weiterer Wunsch in Erfüllung gehen: "Wenn ich einmal sterbe, möchte ich auch einen Stolperstein bekommen", forderte sie mit leiser Stimme und doch bestimmt.

Die Bilder der Stolperstein-Verlegung in Augsburg

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